Nachdem im
letzten Kapitel die politische Entwicklung in Deutschland und Italien auf die
Möglichkeit eines erfolgreichen „bewaffneten Kampfes“ untersucht wurden und
Gründe sowohl für das Entstehen wie für das letztliche Scheitern der
bewaffneten Gruppen herausgearbeitet wurden, soll nun die Verarbeitung der
Realität durch die Gruppen selbst untersucht werden. Dafür werden die
Strategiepapiere der RAF und der BR daraufhin untersucht, ob bestimmte günstige
wie ungünstige Strukturmerkmale und Entwicklungen des Staates erkannt und wie
diese bewertet wurden.
Zur Orientierung möchte ich zunächst aber einige Grundgedanken der
Revolutionstheorie vorstellen. Es wird zu überprüfen sein, wie die notwendige
„revolutionäre Situation“ definiert wird, wer Träger der Veränderung, also
„revolutionäres Subjekt“ sein soll und wie die eigene Rolle im revolutionären
Prozeß eingeschätzt wird. Da sich beide Gruppen in unterschiedlicher Weise und
Häufigkeit auf marxistische „Klassiker“ der Revolutionstheorie berufen, kann so
geklärt werden, inwieweit diese Bezugnahmen gerechtfertigt sind und welche
Denkfehler den metropolitanen Gruppen unterlaufen sind.
Revolutionstheorie
Marx
Die klassische Marxsche Theorie weist das Industrieproletariat als
Träger einer revolutionären Umgestaltung aus, weil sie im kapitalistischen
System die am meisten ausgebeutete und zahlenmäßig stärkste Klasse sei. Der
Vereinheitlichung (nicht der Führung) der Arbeiterschaft solle laut Marx und
Engels die Kommunistische Partei dienen, die stets das Gesamtinteresse des Proletariats
(was auch immer das sein mag) im Blick zu behalten habe. Eine ausgearbeitete
Strategie und Taktik der Partei gibt es laut Leonhard weder bei Marx noch bei
Engels.[1]
Die Revolution, die durch die Aufhebung des Privateigentums an
Produktionsmitteln und damit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen
charakterisiert sei, werde zwangsläufige Folge der kapitalistischen Entwicklung
der Produktivkräfte sein. D.h. nach Erfüllung der historischen Aufgabe des
Kapitals- der Entwicklung der Produktivkräfte und damit Sicherung eines
allgemeinen Wohlstandsniveaus - werde dieses in Widerspruch zu den
Produktionsverhältnissen (Lohnarbeit) geraten und es werde zwangsläufig der
Übergang zum Sozialismus erfolgen. Fehle diese Voraussetzung, so werde
lediglich der Mangel verallgemeinert und die Abschaffung der Klassenunterschiede
werde nicht von langer Dauer sein.[2]
Leider gibt es von Marx keine zusammenhängende
Theorie, wie die Revolution durchzuführen sei. [3]
Marx und Engels unterschätzten vielleicht die Rolle des
Imperialismus und stellten die Prämisse von der Unabhängigkeit und
Selbständigkeit der Völker als Voraussetzung für die nationalen proletarischen
Revolutionen auf. Eine Konstellation, wie sie Ende der 1960‘er Jahre vorherrschte,
mit einer ungeheuren Machtkonzentration auf Seiten der kapitalistischen USA,
konnten sie sich so nicht vorstellen. So ging Engels 1882 in einem Brief an
Kautsky davon aus, daß die Kolonien nach erfolgter sozialistischer Revolution
in Europa vom Proletariat in die Unabhängigkeit geführt würden.[4]
Lenin
Lenin meinte- die konkreten russischen Verhältnisse vor Augen- daß
das ohnehin nur spärlich vorhandene Proletariat der Führung durch eine streng organisierte
Gruppe von Berufsrevolutionären bedürfe, weil es eigenständig nicht in der Lage
sei, ein revolutionäres Bewußtsein zu entwickeln. Diese Kaderpartei müsse
ideologisch einheitlich auftreten und sei deshalb nach dem Prinzip des
demokratischen Zentralismus zu organisieren.[5]
In seiner Arbeiteraristokratiethese ist der Wechsel des Trägers
der sozialistischen Revolution bereits angedeutet. Sie besagt, daß die
Ausbeutung der Dritten Welt den Kapitalisten in den Industrieländern soviel
Profit bringe, daß sie davon eine Erhöhung des Lebensstandards des eigenen
Proletariats finanzieren und dieses dadurch „ruhigstellen“ könne.[6]
So gerät die Bedingung, die Marx für eine Revolution aufgestellt hatte, nämlich
die Entwicklung der Produktivkräfte, immer mehr in den Hintergrund.
Mao Tsetung
Mao Tsetung wandelte den Marxismus derart um, daß von der
ursprünglichen Prämissen kaum noch etwas übrigbleibt. Im Zentrum seiner Weltanschauung
stehen vier Theorien[7],
von denen hier die für diese Arbeit maßgeblichen ersten zwei dargestellt werden
sollen.
Die Revolution in China werde sich in zwei Phasen vollziehen: Die
demokratische Revolution sei zunächst gegen den japanischen Imperialismus und
gegen die feudalistischen Strukturen- verkörpert durch die Großgrundbesitzer-
gerichtet. Dann werde die sozialistische Revolution folgen.
Da die Kräfte der Gegner in den Städten konzentriert sind, werde
der Kampf ein von der (marginalen) KP geleiteter Partisanenkrieg der Bauern
sein.[8]
Es sollen auf dem Land revolutionäre Basen entstehen, mittels derer den Städten
die Versorgungsgrundlage entzogen werden soll.
Die zweite maßgebliche Theorie besagt, daß jegliche politische
Macht aus den Gewehrläufen kommt, daß die Gesellschaft in der Epoche des Imperialismus
nur bewaffnet umzugestalten sei.[9]
Politisch wendet sich der Maoismus damit gegen die „friedliche Koexistenz“ als
Bündnis der UdSSR mit dem US- Imperialismus zur Beherrschung der Welt. Vielmehr
seien die revolutionären Kräfte im Übergewicht. Deshalb müsse die
Weltrevolution vorangetrieben werden. Die treibende Kraft seien hierbei die
nationalen Befreiungsbewegungen in Asien, Afrika und Lateinamerika, weil sie
die schwächsten Kettenglieder des Imperialismus bekämpfen würden.[10]
Che Guevara
Auch Che Guevara sieht die Hauptkonfliktlinie nicht zwischen der
nationalen Bourgeoisie und dem nationalen Proletariat eines Landes, sondern
macht in der neuen Weltordnung nach dem 2. Weltkrieg als Hauptgegner den Imperialismus
der Vereinigten Staaten aus, der die letzte Stufe des Kapitalismus sei.[11]
Die Unterdrückung der ausgebeuteten Massen überall in der Welt könne im
nationalen Rahmen nicht bekämpft werden, ohne daß die USA intervenieren würden,
um ihre wirtschaftlichen und militärstrategischen Interessen abzusichern. Die
einzigen labilen Punkte des imperialistischen Weltsystems, d. h. Orte, an denen
die divergierenden Interessen zwischen US- Imperialismus und dem
sozialistischen Staatenblock noch nicht geklärt sind, seien die unterentwickelten
Völker der Dritten Welt auf den drei Kontinenten Asien, Afrika und
Lateinamerika. Diese stellten die Ernährungsbasen des Imperialismus dar, weil
aus ihnen Kapitalien, Rohstoffe und billige Arbeitskräfte herausgezogen werden
könnten. Durch den Befreiungskampf, der unweigerlich den Charakter einer
sozialistischen Revolution annehmen müsse, würden diese Ernährungsbasen
eliminiert.
Um die Kräfte des Imperialismus zu zersplittern, sei es notwendig,
den Kampf an mehreren Stellen gleichzeitig zu führen. Es müßten also „zwei,
drei, viele Vietnam“ entstehen[12].
Guevara schreibt auch, daß der Krieg dorthin gebracht werden müsse, wohin der
Feind ihn bringe: in sein Haus, in seine Vergnügungsviertel. Der Feind müsse
angegriffen werden, wo immer er sich befinde; dann würde sich ein
proletarischer Internationalismus herausbilden und ein Land nach dem anderen
würde befreit werden können.[13]
In seiner Focustheorie versucht Guevara zu belegen, daß die
objektiven Bedingungen für eine Revolution nicht schon vor Beginn vorhanden
sein müssen sondern im Verlaufe des Kampfes durch die Aufständischen selbst geschaffen
werden könnten. Diese Verallgemeinerung einer spezifisch kubanischen Erfahrung
hat Che Guevara 1967 in Bolivien das Leben gekostet.
Tupamaros
Die Tupamaros aus Uruguay schließlich entwickeln als erste das
Konzept der Stadtguerilla, d.h. sie verlegen den Kampf von der ländlichen
Peripherie in die Machtzentren der Stadt. Taktisch bedeutet dies, daß die
Möglichkeit der Landguerilla, von einem befreiten Gebiet aus zu operieren, also
die Entstehung eines dauerhaften Fokus, genommen ist. Als positive Bedingungen
führen die Tupamaros in ihrem ersten Strategiepapier „Dreißig Fragen an einen
Tupamaro“[14] neben der
steigenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung mit der sich verschärfenden
wirtschaftlichen Situation den hohen Organisationsgrad der Arbeiter, der die
Möglichkeit biete, während eines Streiks gezielt bewaffnet zu intervenieren.
Zudem sei der Repressionsapparat für lateinamerikanische Verhältnisse sehr
schwach, so daß die US- Imperialisten direkt intervenieren müßten und so das
Volk zu den Tupamaros treiben würden. Letztlich sei der Kampf in Uruguay Teil
einer kontinentalen Strategie, um im Kampf gegen den US- Imperialismus einen
weiteren Fokus (Brandherd) zu schaffen.
Alle Autoren betonen- mit unterschiedlichem Akzent aber dennoch
deutlich- die Notwendigkeit der Unterstützung des Kampfes durch die
Bevölkerung. Auch die Focustheorie stellt hier keine Ausnahme dar sondern eine
Variation, denn natürlich soll der aufständische Focus der Agitation dienen,
und es ist eine Binsenweisheit, daß auf die Unterstützung des Kampfes durch die
Bevölkerung nicht auf unbestimmte Zeit verzichtet werden kann sondern doch
mindestens vor der Festnahme der Kämpfer erfolgen muß. Ansonsten muß der
Versuch, eine revolutionäre Situation durch bewaffnete Aktionen erst zu
schaffen, als gescheitert angesehen werden.
Was also allen Autoren, die sich mit Revolutionstheorie
beschäftigen, gemeinsam ist, ist die Unterteilung in eine Führungsgruppe und
eine Massenbewegung. Gerade das Zusammenwirken von beidem macht das Charakteristische
einer Revolution aus und grenzt diese gegen die Gewaltstrategien Aufruhr oder
Staatsstreich ab, so daß man Revolution als organisierte Form der Massenerhebung
mit systemtranszendierenden Zielsetzungen bezeichnen kann.[15]
Die Teilung des revolutionären Subjektes in einen aktiven Kern und
die Gefolgschaftsmasse bringt für die Avantgarde nun zwei Aufgaben hervor, die
es zu verknüpfen gilt: Einerseits muß das zu stürzende Regime bekämpft werden,
andererseits dürfen die Mittel dabei nicht so abschreckend sein, daß die
Massen, die für die Beteiligung am Kampf gewonnen werden sollen, verprellt
werden.
Waldmann benennt drei wesentliche Mittel der Massenbeeinflussung:
Mittels einer radikalen Ideologie muß eine gemeinsame Perspektive geschaffen
werden; diese muß über Kommunikationskanäle an die potentiell zum Widerstand
bereiten Bevölkerungsschichten herangetragen werden können und drittens muß die
Arbeitsteilung in einer revolutionären Organisation geregelt werden.[16]
In diesem Kapitel gehe ich auf den ersten Punkt ein; im folgenden Kapitel wird
es um Fragen der Organisation gehen und im 4. Kapitel wird es um die speziellen
Kommunikationskanäle der Stadtguerilla, nämlich die Aktionen, gehen.
Die schriftlichen Äußerungen der RAF stammen aus der Zeit nach der
Baader- Befreiung im Mai 1970, sind also unter dem Eindruck der Illegalität und
der Repression entstanden. Das erste Papier ist das Bekennerschreiben zur
Baader- Befreiung in Form eines Briefes an die Berliner Untergrundzeitschrift
„883“ [17].Hierin
benennt die Gruppe marginalisierte Randgruppen als das revolutionäre Subjekt.
Explizit werden Heimkinder, kinderreiche Familien, Subproletariat etc. als die
„objektiven Linken“ bezeichnet- in Abgrenzung von den „linken Schleimscheißern“,
die glauben, der Staat lasse sich „unterwandern, nasführen, überrumpeln,
einschüchtern, kampflos abschaffen“.[18]
Die einzige Möglichkeit, nicht dem Reformismus zu verfallen, sei der Aufbau der
Roten Armee, der Beginn des bewaffneten Widerstands.
Es wird auch schon der Bezug auf die Befreiungsbewegungen der 3. Welt angedeutet.
Das
Schreiben ist noch von einer spontaneistischen Sprache geprägt, die offenbar
dem Versuch geschuldet ist, über die Sprache in Beziehung zu den
marginalisierten Randgruppen zu kommen. Je mehr sich diese Hoffnung in der
folgenden Zeit auflöst, desto abstrakter, rigider werden die Schriften abgefaßt.
Insofern ist die Sprache ein Indikator dafür, wie verankert sich die RAF in der
Bevölkerung wähnt.
Die
taktische Wahl der Marginalisierten erklärt sich zum einen auf den nachwirkenden
Einfluß der Studentenbewegung, die sich ihrerseits Marcuses Konzept zu eigen
gemacht hat. Zum anderen steht diese Schrift unter dem Einfluß von Ulrike
Meinhofs Arbeit über Berliner Jugendliche im Märkischen Viertel und in
Fürsorgeheimen.[19] Ihre Arbeit
und deren idealisierte Darstellung in „Bambule“ mag Meinhofs Urteilsvermögen
über die Revolutionierbarkeit von städtischen Randgruppen getrübt haben.
Das Dilemma, die Massen nicht unmittelbar für den bewaffneten
Kampf begeistern zu können, versucht die RAF zu umgehen, indem sie ihren Kampf
in einen globalen Zusammenhang stellt. Der Hauptfeind sei der US- Imperialismus,
deren Statthalter in der BRD die sozialliberale Koalition sei. Der Sieg über
den Imperialismus sei aber nur möglich, wenn dieser in vielen verschiedenen
Kämpfen aufgerieben würde. Deshalb sei es nicht von Bedeutung, ob es in der
Bundesrepublik eine revolutionäre Situation gäbe. Es wird vielmehr anerkannt,
daß die revolutionären Kräfte in der BRD besonders schwach seien. Damit wird
begründet, daß eine revolutionäre Avantgarde der sozialistischen Arbeiter und
Intellektuellen durch revolutionäre Initiative den Vereinheitlichungsprozeß
erst herbeiführen müsse. Mit diesem Primat der Praxis grenzt sich die RAF auch
gegen die traditionellen Arbeiterorganisationen ab, die nur zu reformistischer
Arbeit fähig seien.
An der Studentenbewegung, deren Verdienst es sei, die Anwendung
von Gegengewalt im Bewußtsein von Teilen der Bevölkerung verankert und den internationalistischen
Charakter des Kampfes erkannt zu haben, wird kritisiert, daß sie an ihrer Unfähigkeit, den richtigen Inhalten
eine angemessene Organisationsform zu geben, gescheitert sei. Gleiches gelte
für die Anarchisten, die die Organisationsfrage vernachlässigten und so der
Repression schutzlos ausgeliefert seien. Die Lösung dieser Probleme sei der
bewaffnete Kampf der Stadtguerilla, der darauf
abziele, „den staatlichen Herrschaftsapparat an einzelnen Punkten zu
destruieren, stellenweise außer Kraft zu setzen, den Mythos von der
Allgegenwart des Systems und seiner Unverletzbarkeit zu zerstören“.[20]
Mit dem Bezug auf die Focustheorie und der Kritik an den
Arbeiterorganisationen wird das Revolutionsmodell der Dritten Internationalen
in Frage gestellt, das die Aufklärung und Agitation vor den Aufstand gestellt
hat
der Mythos von der Allgegenwart des Systems wurde durch den Kampf
der RAF eher bestätigt als zerstört.
Der Trennungsstrich, den die RAF mit dem Schritt in die Illegalität
zwischen sich und dem System gezogen hatte, behinderte auch von Beginn an die
Verbindung von Stadtguerilla und Basisarbeit. Durch den fehlenden Dialog mit
dem vorgeblichen revolutionären Subjekt und dem Hinweis, daß die öffentliche
Meinung –personifiziert in der Springer- Presse- nur die Interessen des
Kapitals wahrnehme, kommt die Gruppe zu dem Schluß: „An marxistischer Kritik
und Selbstkritik hat sie (die RAF, d. Verf.) sich zu orientieren, an sonst
nichts.“[21]
Eine Sonderstellung in der Theorie der RAF nimmt die von Horst
Mahler verfaßte Schrift „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa“ vom Mai 1971
ein[22].
Diese unterscheidet sich in inhaltlicher wie strategischer Hinsicht von den
anderen (von Ulrike Meinhof verfaßten) Schriften. Mit dem Ausschluß Mahlers
distanzierte sich die RAF auch von der Schrift, die der Rechtsanwalt schon in
der Haft geschrieben hatte und die deshalb nicht Ergebnis eines kollektiven
Diskussionsprozesses gewesen ist. Wenn dieser Aufsatz bei der Auseinandersetzung
mit der RAF trotzdem immer wieder herangezogen wird, so kann das daran liegen,
daß sie, wie der ehemalige Verfassungsschützer Hans- Josef Horchem meint, „im
Inhalt konkreter, im Stil klarer und in den Ableitungen logischer als der
Aufsatz von Ulrike Meinhof aus dem April 1971“ ist.[23]
Ausgehend von der Prämisse, daß ein friedlicher Übergang zum
Sozialismus in Westeuropa nicht möglich sei und auch ein Generalstreik die
Herrschenden nicht ihrer Verfügung über die Machtmittel (Polizei, Armee)
berauben würde, wird am Beispiel des Mai 1968 in Frankreich die Relevanz einer
bewaffneten „Eingreiftruppe“ auf seiten des Proletariats konkretisiert. Da die
Erkenntnisbildung im Proletariat aufgrund der Klassenlage erschwert sei, müsse
die sozialistische studentische Intelligenz als Avantgarde vorangehen.
In der Anwendung von Alltagsgewalt sieht Mahler das im Kern
richtige Bewußtsein, daß Klasseninteressen nur gewaltsam durchgesetzt werden
könnten. Eine revolutionäre Situation bestehe in der BRD sehr wohl, weil der gewaltsame
Widerstand gegen das Ausbeutungssystem zumindest unter den Studenten bereits
kollektive Züge annehme. Im Laufe des Kampfes werde dann das
Industrieproletariat, das die herrschende Produktionsweise aufgrund von
Erziehung, Tradition oder Gewohnheit noch als eine Art Naturgesetz anerkenne,
den befreienden Charakter des Kampfes erkennen und seine Führung übernehmen.
Insofern würde die RAF die Bomben gegen den Unterdrückungsapparat auch in das Bewußtsein
der Massen werfen.[24]
Da der Faschismus als eine Verschärfung der Klassengegensätze interpretiert
wird, in der sich das Kapital nur noch durch offen brutale Anstrengungen an der
Macht halten könne, sei eine
Entwicklung zum Faschismus gut, „zeigt sie doch, daß das Proletariat wuchtige Schläge
gegen den Klassenfeind führt, die ihn zittern machen.“[25]
Eine solche Auseinandersetzung könne das Proletariat aber nur
siegreich gestalten, wenn eine bewaffnete Avantgarde interveniere. Diese sei in
der Stadt- anders als eine Landguerilla- unabhängig von der Unterstützung der
Massen, da die Stadt eine ausreichende Infrastruktur biete. So könnten quasi
aus dem Nichts Partisaneneinheiten entstehen, die durch ihre exemplarischen Aktionen
die Entstehung von Widerstandszentren befördern würden, in denen sich dann
nachfolgend Milizen bildeten. Diese würden dann zunehmend zur Desorganisation
und Demoralisierung der regulären Streitkräfte beitragen.
In dieser Schrift liegt der Schwerpunkt also auf der Möglichkeit
der sozialistischen Revolution im eigenen Land. Damit steht sie im Gegensatz zu
den anderen Schriften, die wegen der insgesamt schwachen revolutionären Kräfte
in Deutschland den bewaffneten Kampf eher als eine Unterstützung zur Schwächung
der Kräfte des Imperialismus sehen.
Zudem läßt das Entwicklungsniveau der kapitalistischen
Gesellschaft in der Bundesrepublik Zweifel daran zu, daß ein Umsturz auch nur
von Teilen der Arbeiterklasse befördert würde, denn auch wenn Mahler einer
studentischen Avantgarde den Vortritt lassen will, so ist für ihn doch das Proletariat
der Träger der Revolution. Rene Ahlberg hat 1974 den Wertbildungsprozeß in der
westlichen Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts untersucht und kommt zu
dem Schluß, daß die kapitalistischen Ausbeutungsmechanismen des 19.
Jahrhunderts nicht mehr in dem Maße wirksam sind, daß das Proletariat (wenn man
denn überhaupt noch von einer homogenen Gruppe sprechen kann) aus seiner
objektiven Klassenlage heraus zum gewaltsamen Umsturz getrieben würde. Vielmehr
sei die Gesellschaft der 70‘er Jahre geprägt durch eine multidimensionale Sozialstruktur,
in der die Mehrwertproduktion nicht mehr alleine durch die Ausbeutung
körperlicher Arbeit erfolge sondern in größer werdendem Maße Ergebnis
technisch- wissenschaftlichen Fortschritts sei.[26]
Für eine weitergehende Kritik an dieser Schrift, insbesondere zur
Taktik, den Faschismus erst „hervorzukitzeln“, um ihn dann zu bekämpfen,
verweise ich auf die Ausführungen Iring Fetchers.[27]
Bei aller Kritik muß aber noch einmal darauf verwiesen werden, daß diese
Schrift für die Praxis der RAF keine Rolle spielte.
In dem im April 1972 – kurz vor der Offensive- erschienenen
Strategiepapier „Dem Volke dienen- Stadtguerilla und Klassenkampf“[28]
versucht die RAF eine Konkretisierung ihrer bisherigen Theorien. Der Staat und
seine politischen Entscheidungsträger werden als Erfüllungsgehilfen der
Interessen der multinationalen Konzerne dargestellt. Da das Kapital über die
nationalstaatlichen Grenzen hinaus operiere, sei es phantasielos und engstirnig
von der deutschen Linken, sich allein auf das eigene Proletariat als Träger
einer Revolution zu beziehen. Vielmehr sei das Kapital in seiner
imperialistischen Funktion zu kritisieren und anzugreifen. Als Konkretisierung
der Möglichkeit, auf diesem Gebiet zu intervenieren, wird dann allerdings der
Chemiearbeiterstreik von 1971 in Deutschland analysiert. Hierbei wird das
Zusammenspiel von Regierung, Gewerkschaften, Arbeitgebern und Justiz als gegen
die Interessen des Proletariats gerichtet dargestellt. Dabei sei die
„Militarisierung der Klassenkämpfe“[29]
von den Trägern des Kapitalblocks und nicht von der RAF ausgegangen.
Dem Vorwurf, der bewaffnete Kampf in Deutschland sei illegitim,
weil die Verhältnisse in Deutschland
nicht mit denen in Lateinamerika zu vergleichen seien, begegnet die RAF
mit einer Analyse der Armut in der BRD und kritisiert, daß angesichts solcher
Verhältnisse scheinbar niemand mehr die Eigentumsfrage thematisiere- und die,
die noch Kritik äußern würden, seien nicht in der Lage, eine angemessene
Interventionsmethode zu entwickeln. Neben der unverzichtbaren politischen
Arbeit der legalen Linken, sei deshalb der bewaffnete Kampf aufzunehmen, denn
das kapitalistische System funktioniere nur dann reibungslos, wenn Bewaffnung
und Gewalt das Monopol der herrschenden Klasse bleibe.
Schließlich wird noch einmal angemerkt, daß die Guerilla nicht in
Massenkämpfen spontan entwickelt werden könne, sondern die Funktion der Guerilla
erst bewußt werde, wenn sie agiere. Das ist in der Tat ein Totschlagargument,
mit dem sich jede Kritik im voraus verbeten wird.
Kurz nach Veröffentlichung der Schrift „Stadtguerilla und
Klassenkampf“ im Mai 1972 startete die RAF ihre erste große Offensive.
Man kann die im November 1972 in der Haft geschriebene Strategieschrift
„Die Aktion des Schwarzen September[30]
in München- Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes“[31]
als Konsequenz aus dem totalen Scheitern einer auf Massenmobilisierung
basierenden Strategie bezeichnen. In dieser Schrift vollzieht sich der Schritt
der „Exterritorialisierung“ endgültig, was einen relevanten Ausgangspunkt zum
Verständnis der Praxis der sogenannten zweiten Generation darstellt.
Die RAF geht von der These aus, daß Politik in westlichen
Industriegesellschaften nur die Ausführung der Interessen der multinationalen
Konzerne sei. Die imperialistische Politik gegenüber den Rohstofflieferanten
der Dritten Welt biete zwei Handlungsmöglichkeiten. Hauptinteresse der
imperialistischen Industrienationen- die USA und als wichtigster Stützpfeiler
in Europa die BRD- sei die wirtschaftliche Ausbeutung der Dritten Welt. Die
Strategie des Imperialismus wird am Beispiel des Erdölhandels dargestellt. Für
Länder, die sich nicht ausbeuten lassen oder deren Stabilität durch
Befreiungsbewegungen gefährdet sei, halte der Imperialismus die zweite Handlungsmöglichkeit
bereit, die in Vietnam besichtigt werden könne. Stoße die Ausbeutungsstrategie
auf Widerstand, so sei der Imperialismus in der Lage, sein demokratisches
Gewand abzulegen und zeige seine offen faschistische Ausrichtung.
An der Gleichgültigkeit des Metropolenproletariats gegenüber den
Kriegen in der Dritten Welt könne man ablesen, daß es als revolutionäres
Subjekt nicht mehr in Frage komme, da es aus der Perspektive gesicherter
Monatseinkünfte opportunistisch und korrumpiert sei. Es ist das erste Mal, daß
die RAF so eindeutig Bezug auf die Arbeiteraristokratiethese Lenins nimmt. Ein
objektives Interesse an einer revolutionären Veränderung könne man somit nur
den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt unterstellen. Deshalb könne sich die
Politik der RAF auch nur auf sie beziehen.
Die RAF operiert mit einem verharmlosenden, relativierenden
Begriff vom Faschismus, wenn sie die Verhältnisse während der sozialliberalen
Koalition als Reformismus, der „die Aktualität einer kommunistischen
Alternative (aufschiebt)“, bezeichnet[32],
wohinter der alte Vorwurf des sozialdemokratischen Sozialfaschismus lauert.
Ansonsten wird der Begriff des Faschismus in der Anfangsphase noch recht
sparsam verwendet.
In der Strategieschrift „Klassenkampf und Stadtguerilla“ wird der
Begriff schon nicht mehr als analytische Kategorie verwendet sondern als Kampfbegriff,
mit dem so ziemlich jedes politische System bezeichnet wird: Griechenland,
Türkei, Spanien und natürlich der Schah von Persien, mit dem das faschistisch
vorbelastete deutsche Kapital beste Beziehungen pflege[33].
Immerhin fällt auf, daß das deutsche Gesellschaftssystem als ganzes und v.a.
die deutsche Bevölkerung nicht als faschistisch bezeichnet werden; vielmehr
sind es immer nur Teilbereiche, wie die Kapitalstrategie, das Ausländergesetz
und natürlich die Bild- Zeitung, die mit dem Bannspruch des Faschismus belegt
werden.
Ende der 60‘er Jahre setzte sich in der bundesdeutschen Linken die
These durch, daß der Kapitalismus quasi zwangsläufig zum Faschismus führe. Damit
wird die bewußte und aktive Beteiligung von Teilen der Bevölkerung ausgeblendet
und das spezifisch deutsche am Nationalsozialismus außer acht gelassen.
Für die RAF mutiert das Volk sogar zum Opfer, das „Auschwitz hat
über sich ergehen lassen“[34]-
und die RAF bleibt auch nicht lange die Antwort auf die Frage schuldig, wer
denn die wahren Täter seien: In der Kommandoerklärung zum Bombenattentat auf
das Hauptquartier der US- Armee in Heidelberg vom 24.05.72[35]
wird der Bevölkerung erklärt, daß die USA in 7 Wochen mehr Bomben über Vietnam
abgeworfen hätten als im 2. Weltkrieg über Deutschland und Japan zusammen. Das
sei die Endlösung, das sei Auschwitz, schreibt die RAF und relativiert den industrialisierten
Massenmord der Nazis wenige Zeilen später noch einmal, indem er mit der Bombardierung
Dresdens durch die Alliierten verglichen wird.
Kurz vor der Mai- Offensive 1972 hält die RAF das politische
System in der Bundesrepublik offenbar noch nicht für faschistisch, so daß die
Bevölkerung für politische Propaganda noch zugänglich scheint. Entsprechend
wendet sich die RAF auch noch mit Appellen an verschiedene Bevölkerungsgruppen,
ringt noch um Zustimmung.
In dem Strategiepapier vom November 1972, das in der Haft
geschrieben wurde, erreicht die Wahllosigkeit der Verwendung des Faschismus-
Begriffes ihren geschmacklosen Höhepunkt in der Gleichsetzung israelischer und
bundesdeutscher Politik als gleichermaßen faschistisch. Die Menschen in den mal
imperialistischen, mal faschistischen Metropolen reproduzieren das System
nunmehr durch die „fortschreitende Offensive auf die Psyche der Menschen“[36].
Es sind also die immer schematischer und undifferenzierter werdende Gesellschaftsanalyse
und ein falscher Faschismusbegriff ohne analytischen Wert, die zur
Selbstisolation der RAF von der Bevölkerung beitragen, da sie die Tatsache, daß
die Bevölkerung sich nicht an ihrem Kampf beteiligen will, mit den angeblich
faschistischen, entfremdenden Strukturen erklären.
Prozeßerklärung von
Ulrike Meinhof am 13.09.74[37]
Am 10.09.74 begann der Prozeß gegen Meinhof, Mahler u.a. wegen der
Befreiung von Andreas Baader im Mai 1970. In ihrer Prozeßerklärung vom 13.09.74
wiederholt Ulrike Meinhof noch einmal pointiert die Strategie des
antiimperialistischen Kampfes und stellt die Relevanz der Befreiung von Gefangenen
heraus. Damit liefert sie der zweiten Generation der RAF die ideologische
Rechtfertigung für ihre Praxis der nächsten drei Jahre.
Der antiimperialistische Kampf müsse die militärische, politische
und ökonomische Ebene umfassen. Auf der militärischen Ebene gelte der Kampf im
internationalen Rahmen US- Einrichtungen oder der NATO, im nationalen Rahmen
den Machtinstrumenten der herrschenden Klasse (Polizei, BGS, Geheimdienste).
Auf der ökonomischen Ebene müsse die Machtstruktur der multinationalen Konzerne
angegriffen werden; auf der politischen Ebene schließlich die Vermittlungsinstanzen
Parteien, Gewerkschaften und Medien.
Da der „nationalstaatliche Rahmen“ angesichts von Millionen
Arbeitsemigranten, Internationalisierung des Kapitals, die auch gegenseitige
Abhängigkeiten in der wirtschaftlichen Entwicklung mit sich bringe, nur noch
eine Fiktion sei, gelte es, der transnationalen Organisation des Kapitals einen
proletarischen Internationalismus entgegenzustellen. Die Rolle der Guerilla in
der Metropole sei es, den Kampf in die imperialistischen Zentren zu tragen. Dabei
spiele die Befreiung von Gefangenen eine große Rolle, denn sie sei eine Möglichkeit
die alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringende Entfremdung zu
durchbrechen. Insofern ist die Aktion auch propagandistisch, denn sie zielt
offenbar in erster Linie auf die Wirkung bei den Massen ab. In dieselbe
Richtung geht die Aussage, die Guerilla müsse den Staat zum militärischen
Ausnahmezustand provozieren, damit der „durch seinen eigenen Terror die Massen
gegen sich aufbringt, die Widersprüche verschärft, den revolutionären Kampf
zwingend macht.“[38]
Zum Imperialismus-
Begriff der RAF
Der vorgeblich antiimperialistische Kampf der RAF basiert auf
einem falschen Verständnis des Imperialismus- Begriffs. Peter Brückner
beschreibt den antikapitalistischen Kampf im eigenen Land als den wirksamsten
Beitrag zum weltweiten Kampf gegen den Imperialismus. Auch die Theoretiker der
Befreiungsbewegungen wie Ho Chi Min hofften auf die Schwächung des Imperialismus
durch den Klassenkampf in dessen Zentralen. Erst wenn dieser Kampf eine Massenbasis
erlangt hätte, könne man auch zu direkten Aktionen etwa gegen
Versorgungseinrichtungen der US- Armee übergehen.[39]
In diesem Sinne ist die von der RAF konzipierte externe
Lokalisation ein Anzeichen von revolutionärer Ungeduld. Man könnte es aber auch
grundsätzlicher sagen. Im Konzept Stadtguerilla hieß es: „Ob es richtig ist,
den bewaffneten Widerstand jetzt zu organisieren, hängt davon ab, ob es möglich
ist; ob es möglich ist, ist nur praktisch zu ermitteln.“[40]-
Dieser praktische Ermittlungsversuch hätte spätestens nach der Offensive von
1972 zu der Erkenntnis führen müssen, daß eine direkte Unterstützung der
Befreiungsbewegungen ohne Rückhalt in der Bevölkerung zum Scheitern verurteilt
ist. Diese Unterstützung wäre aber nur durch eine Verschränkung mit den Kämpfen
in der Sphäre der Arbeit oder anderen Brennpunkten des Widerstands an der Basis
zu erreichen gewesen.[41]
Konklusion
Das Verhältnis der RAF zur Bevölkerung in der Bundesrepublik
Deutschland ist zunehmend von gegenseitigem Desinteresse geprägt, wenn sich die
RAF auch nicht ganz sicher ist, an wen
sich ihr Umsturzangebot eigentlich richten soll. So kommt sie auf
bemerkenswerte drei Wechsel des revolutionären Subjektes in zwei Jahren. Wollte
man zunächst die entrechteten sozialen Randgruppen mit den eigenen Aktionen
mobilisieren, sollte dann das Industrieproletariat von einer studentischen
Avantgarde in den Kampf gegen das System geführt werden, bevor die RAF –
mittlerweile im Gefängnis- aus dem eigenen Scheitern die Konsequenzen zog und
der „zweiten Generation“ aufgab, den Kampf im Interesse der Völker der Dritten
Welt weiterzuführen. In dieser theoretischen Exterritorialisierung wurde aber
außer acht gelassen, daß eine Guerillagruppe in der Praxis der Unterstützung
größerer Teile der Bevölkerung bedarf, um nicht nach kurzer Zeit aufgerieben zu
werden. Denn auch wenn der Aufbau einer Logistik relativ unabhängig von den
Massen erfolgen kann, so ist die Gruppe doch spätestens angesichts einer sich
verschärfenden Repression mindestens auf Unterstützung im Sinne einer Denunziationsverweigerung
angewiesen. Davon abgesehen gehört angesichts des auch existentiellen Risikos
eines Stadtguerilleros eine gehörige Portion Nihilismus dazu, sein Leben ohne
realistische Aussicht auf eine Umwälzung im eigenen Land zu riskieren, nur um
Kräfte des imperialistischen Kraken in den Metropolen zu binden und damit
Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt einen vermeintlichen Gefallen zu tun.
Daher ist die Beschäftigung mit den o. g. Mitteln der Massenbeeinflussung
für die RAF zunehmend in den Hintergrund getreten. Statt den Kampf auf einen
Konflikt, der quer durch die Bevölkerung geht, zu fokussieren, greift die RAF
die imperialistische Rolle der Bundesregierung an. Angesichts der Tatsache, daß
schon die Studentenbewegung mit dem Thema „Vietnamkrieg“ nicht nennenswert über
den Campus hinausgelangt war, ist der Antiimperialismus als verbindende
Ideologie im strategischen Sinne offensichtlich untauglich.
Die Theoretisierung der Illegalität als offensiver Schritt und
übersieht die damit selbstverschuldete Isolation von politischen
Zusammenhängen. Eine semilegale Struktur wäre ja durchaus möglich gewesen, wenn
z. B. Ulrike Meinhof nach der Baader- Befreiung nicht geflohen wäre. Auch neue
Mitglieder gingen ohne Not in die Illegalität, weil ein klarer Trennungsstrich
zum Gegner zum Gegner gezogen werden sollte. Das Konzept der Verbindung von
Stadtguerilla und Basisarbeit wurde ohne Not aufgegeben.
Vom Metropolenkollektiv
zum „Angriff auf das Herz des Staates“: Die Theorie der BR
Vor der Darstellung der Theorie der Brigate Rosse muß auf einige
Schwierigkeiten eingegangen werden. Die Originaltexte sind schwieriger
zugänglich als die Texte der RAF und dann meist gekürzt und/ oder in deutscher
Übersetzung. Deshalb mußte für eine Darstellung der Theorie hier zum Teil auf
Sekundärliteratur zurückgegriffen werden; die sich so ergebenden Grundthesen
wurden dann mit den „politischen Memoiren“ von Brigadisten konfrontiert, so daß
die hier zusammengetragenen Thesen als authentisch gelten dürfen.
Die Zusammenstellung beginnt mit einem Text des Vorläufers der BR,
des Colletivo Politico Metropolitano (CPM) aus dem Dezember 1969[42],
der Teile der Analyse und Strategie der BR vorwegnimmt. Der CPM war ein loser Zusammenschluß
von Mailänder Basiskomitees, der angesichts der Strategie der Spannung und des
Massakers an der Piazza Fontana erstmals die Strategie des bewaffneten Kampfes
thematisierte.
Soziale Kämpfe und
Organisation in der Metropole
Grundlage der Gesellschaftsanalyse des CPM ist die Annahme eines
„sozialkapitalistischen Modells“, das charakterisiert sei durch Bündnisse
zwischen fortschrittlichen Teilen des Kapitals mit den Arbeiterorganisationen,
die eine strukturelle Neuordnung der Gesellschaft und des Staates einleiten und
in vergleichbaren Formen in ganz Europa vorkämen. Europa ist in den Augen des
CPM ein einheitlicher wirtschaftlicher und politischer Raum mit lediglich
unterschiedlichen Entwicklungsstufen.
Das Verhältnis zwischen den Weltmächten USA und UdSSR sei
mittlerweile kooperativ zur Aufrechterhaltung der internationalen Ordnung. Eine
Regierungsbeteiligung des PCI in Italien sei ebenso wie die Ostpolitik Brandts
in Deutschland Prüfstein einer engeren Zusammenarbeit. Indem so der Klassenkampf
institutionalisiert werden solle, werde das Gegenteil erreicht: eine Krise der
politischen Strukturen des Staates.[43]
Die Vertreter dieses sozialkapitalistischen Modells seien umgeben
von Feinden: Auf der politischen Rechten von ständigen Putschplänen bedroht,
bilde sich auf der politischen Linken die proletarische Autonomie aus
Teilkämpfen in Schule/ Universität und Fabrik. Die Kämpfe 1968/ 69 hätten aber
gezeigt, daß ein doppelter „qualitativer Sprung“ notwendig sei: einerseits sei
die spontane Bewegung an der Repression von Polizei und Partei gescheitert,
weshalb es gelte, eine angemessene Organisationsform für die Arbeiter- Autonomie
zu finden, ohne sich von den Partei- und Gewerkschaftsbürokraten einfangen zu
lassen. Dabei dürften nicht dogmatisch die Prinzipien der leninistischen Partei
auf die völlig unterschiedliche Situation in der westeuropäischen Metropole
übertragen werden. Vielmehr müsse der Charakter des städtischen Kampffeldes als
„Organisationszentrum der ökonomisch- politischen Ausbeutung“ und zugleich
schwächstem Punkt des Systems, wo die herrschenden Eliten jederzeit zu treffen
seien, erfaßt werden.[44]
Andererseits müsse die Bewegung die Ebene der sozialen (Teil-)
Kämpfe verlassen und zum umfassenden sozialen Kampf übergehen.[45]
Nicht der einzelne „padrone“ müsse angegriffen werden sondern das „System der
padroni“; nicht für höhere Löhne sondern gegen das System der Lohnarbeit, nicht
gegen die gewerkschaftliche Kontrolle der Kämpfe sondern gegen das ganze
(sozialkapitalistische) System der Integration.
Dem Argument, die Massen seien noch nicht reif, es gebe noch keine
revolutionäre Situation, begegnet der CPM mit dem Hinweis, daß die objektiven
Bedingungen- die Entwicklung der Produktivkräfte – sehr wohl schon einen
Übergang zum Kommunismus erlauben würden und daß die Massen niemals reif
würden, wenn nicht eine Avantgarde diese Reife zu artikulieren imstande sei.
Zudem sei der spontane Kampf gegen die allumfassende Repression durchaus
revolutionär. Er müsse nun aber durch eine neue Organisationsform an die
veränderten Bedingungen angepaßt werden.
Einige grundlegende Thesen der späteren BR finden sich schon in
dem Text des CPM. Zum einen wird das „Zwei- Phasen- Modell“ der Dritten
Internationalen, d. h. die zeitliche und organisatorische Trennung von
Propaganda und Aufstand, abgelehnt. Dagegen wird das Konzept der „bewaffneten
Propaganda“ entwickelt. Zum anderen wird sich anders als in Deutschland viel
mehr auf die Situation im eigenen Land bezogen auch wenn der PCI mit der
Behauptung, der sozialkapitalistische Plan werde sozusagen von den beiden Weltmächten
angeordnet, gegen seine eigene Idee des „historischen Kompromisses“ in Schutz
genommen wird.
Insgesamt besitzt der Text eine erstaunliche theoretische Reife,
da er Entwicklungen vorwegnimmt, die sich dann bis 1973 tatsächlich so
vollziehen, wie eben der Historische Kompromiß oder die Niederlage der
Arbeiterautonomie und die Rolle der Gewerkschaften dabei.
Interview September 1971
Ihren ersten programmatischen Text unter dem Namen „Brigate Rosse“
verfaßten die Brigadisten im Stile der Tupamaros in Interviewform.[46]
Das Papier entstand unter dem Eindruck der Formierung eines Rechtsblocks im
Parlament: Der faschistische MSI hatte bei der Wahl des Christdemokraten Leone
zum Staatspräsidenten als Mehrheitsbeschaffer fungiert und plante einen
Zusammenschluß mit den Monarchisten zu einer nationalen Rechten.
Unter diesem Eindruck beschreiben die BR die „Formierung eines
Blocks der reaktionären Ordnungsmächte als Alternative zur Mitte- Links-
Regierung“[47], der aber-
anders als der Faschismus- nicht auf die Abschaffung des demokratischen Staates
ziele sondern sich voll und ganz gegen die Arbeiterklasse wende. Damit
unterscheiden sich die BR maßgeblich von den GAP Feltrinellis, für die die
„Resistenza“ nicht nur ein mobilisierender Mythos war sondern die in ihren
theoretischen Reflexionen die Notwendigkeit des Widerstandes gegen einen kurz
bevorstehenden faschistischen Putsch betonten.
Die BR treten ein für die Aufhebung der zeitlichen und
organisatorischen Trennung zwischen Propaganda und bewaffnetem Kampf wie sie
von der Dritten Internationalen propagiert wurde, weil die Bourgeoisie den
bewaffneten Kampf gegen die Arbeiterklasse mit der Strategie der Spannung
längst begonnen habe. Hierzu wollen sie die Organisierung von Arbeiterkernen
(Brigaden) in den Fabriken und Stadtteilen der Metropolen vorantreiben.[48]
Die Praxis solle zwei Schwerpunkte haben: Zum einen zu beweisen,
daß ein Kampf gegen die Staatsmacht möglich sei, wobei als konkrete Inhalte Gefangenenbefreiung,
Enteignungen und Hinrichtung von „polizeilichen Mördern“ genannt werden; zum
anderen der Aufbau einer proletarischen Gegenmacht, um nicht eine rein
militärische Auseinandersetzung zu befördern.
Ziel dieser Anfangsphase der „bewaffneten Propaganda“ sei der
Übergang zur organisatorischen Einheit von politischem und militärischem Kampf
in der bewaffneten Partei des Proletariats.
Bezugspunkt der BR ist das Industrieproletariat, das für
potentiell revolutionär gehalten wird. Den Sprung von der „Klasse an sich“ zur
„Klasse für sich“ wollen sie durch exemplarische, nachahmbare Aktionen
befördern.[49]
Mit der Frage nach der Organisation proletarischer Gegenmacht
befinden sich die BR auf der Höhe der Zeit. Alle Gruppen der
außerparlamentarischen Linken diskutierten mehr oder weniger offen, wie die
Arbeiterautonomie- Bewegung noch in der Offensive bleiben könne, um sich gegen
die Vereinnahmung durch die traditionellen Organisationen zu wehren.
Interview 1973[50]
In der zweiten, wieder in Interviewform präsentierten
programmatischen Schrift finden sich keine völlig neuen Ansätze zur Politik der
bewaffneten Propaganda. Es wird noch einmal auf die Notwendigkeit einer breiten
Massenbasis hingewiesen, wofür eine Vereinheitlichung aller Gruppen der
nichtfreformistischen Linken notwendig sei.
Aktuell werde in den Bereichen der Logistik für die klandestine
Organisation und des Aufbaus einer „Dimension der Macht“[51]
gearbeitet. Alle Aktionen dienten als bewaffnete Propaganda dazu, Bewußtsein
und Organisation zu schaffen, um den Widerspruch zwischen dem allgemeinen Willen
zur Auseinandersetzung und der Unfähigkeit, sie auf dem vorgegebenen Terrain zu
praktizieren, zu lösen. Der Angriff müsse auf drei Ebenen stattfinden: der
Krieg gegen den Faschismus nicht nur der Schwarzhemden des MSI sondern auch der
christdemokratischen Weißhemden, der Widerstand in den Fabriken gegen Feinde
der Einheit der Arbeiterklasse und der Widerstand gegen die Militarisierung des
Regimes, d.h. gegen Polizei und Carabinieri.[52]
„Die Krise wird von der
Reaktion benutzt, um die Arbeiter zu schlagen“
Während der Entführung des Fiat- Personalchefs Amerio im Dezember
1973 veröffentlichten die Roten Brigaden ein weiteres Strategiepapier.[53]
Darin setzen sie sich sehr detailliert mit der Situation der Arbeiter bei Fiat
auseinander und bewerten auch erstmals den Vorschlag des PCI eines
„Historischen Kompromisses“. Zu der Zeit der Veröffentlichung tobten bei Fiat-
Mirafiori heftige Kämpfe, die im März 1974 in der Besetzung der Fabrik gipfeln.[54]
Die BR beschreiben den Nutzen von Krisen für die Fiat- Unternehmer
der Familie Agnelli. Durch Krisenszenarien (unabhängig von deren realen Gehalt)
würde die Wirtschaftspolitik der Regierung beeinflußt, indem sie gezwungen
werde, den Preisstop aufzuheben; so können die erkämpften Lohnerhöhungen über
erhöhte Preise wieder kassiert werden. Gewerkschaften und PCI seien viel eher
zu Zugeständnissen bereit als in Zeiten lebhafter Konjunktur und schließlich
seien Krisen geeignet, ein Klima der Angst unter den Arbeitern zu schaffen und
die Arbeitsintensität wieder zu
erhöhen.
Technische Restrukturierungen, die als „Milderung der Monotonie
und Verringerung der repetitiven Arbeiten“ bezeichnet würden, und politische Verfolgung
seien die unterschiedlichen Mittel, die demselben Ziel dienten, nämlich der
Zerschlagung der erkämpften Freiräume und Verbesserungen für die Arbeiter. Die
Verfolgung werde auf zwei verschiedenen Ebenen betrieben: Erstens werde eine
Militarisierung des Kommandos angestrebt, die sich in folgenden Maßnahmen
äußere: Rückkehr zur Durchsetzung disziplinarischer Normen, Durchführung von
Kontrollen zu Hause, Stärkung der faschistischen Gewerkschaft CISNAL,
Wiedereinführung von Aufpassern, deren Berichte über zu niedrige
Arbeitsleistung Grundlage für Strafversetzungen und Entlassungen seien.
Als Beleg der Repression durch Entlassung von autonomen
Avantgarden durch die Fiat- Leitung nennen die BR eine Reihe von Namen
entlassener Arbeiter (mit Kündigungsgrund),die sich in den Arbeiterkämpfen der
letzten Jahre hervorgetan hatten. Damit belegen die Brigadisten nicht nur die Methode
der Fiat sondern auch ihre symbiotische Verbundenheit mit den Kämpfen in der
Fabrik.
Die Antwort des PCI sei die Idee eines „Historischen
Kompromisses“, der aber den fatalen Fehler habe, daß er sich lediglich auf
demokratische Kräfte im Sinne von politischen Parteien beziehe und die sozialen
Kräfte, die den Klassenkampf voranbringen würden, mit Hilfe eines bürokratischen
Apparates neutralisieren solle. Die Strategie des PCI resultiere aus der
(falschen) Überzeugung, die aktuelle wirtschaftliche Krise in Italien und
darüber hinaus sei Produkt eines „Irrtums“ der Unternehmer, der sich durch eine
Zusammenarbeit zwischen Arbeiterparteien und Christdemokraten beheben lasse.
Die BR sehen in dem Verhalten der DC wie der Unternehmer ein taktisches Verhalten
zur Absicherung der Ausbeutungsinteressen. Sie sehen die Arbeiterkämpfe seit
1962 (und besonders ab 1968) als Beweis dafür an, daß das Verhältnis zwischen
den Klassen allein von der jeweiligen Stärke abhänge, und die Machtfrage nicht
im Konsens zu lösen sei.
Auch wenn die BR nicht erkennen, daß es nicht nur um eine
parlamentarische Zusammenarbeit der Arbeiterparteien mit der DC geht, sehen sie
doch den Angriff auf ihre eigene Basis, die wieder in die traditionellen
Arbeiterorganisationen reintegriert werden sollen.
Mit der Führung des PCI gehen die BR trotzdem noch sehr milde um,
da sie ihnen nur einen Irrtum in der politischen Strategie zum Erreichen
desselben Ziels vorhalten, und die Basis des PCI gilt für die BR als potentiell
revolutionär und zum bewaffneten Kampf bekehrbar. Mit der Einschätzung der
Basis lagen die Brigadisten auch nicht ganz falsch, denn viele träumten noch davon,
die „verpaßte Gelegenheit“ von 1944/45 doch noch zu nutzen.
Die Folgen der Restrukturierungen bei Fiat werden zwar erkannt,
doch die Gefahr dieses taktischen Kalküls scheint den BR noch nicht voll bewußt
zu sein.
Der Angriff auf das Herz
des Staates
In den Folgejahren wuchs zwar die Popularität der Roten Brigaden
unter den Arbeitern enorm, aber ein grundsätzliches Problem der bewaffneten
Propaganda schälte sich immer deutlicher heraus. Die Verantwortlichen für die
Umstrukturierungsmaßnahmen in der Wirtschaft allgemein und in den Großfabriken
speziell waren mit der bewaffneten Propaganda in der Fabrik nicht mehr zu
erreichen.
Das Ergebnis der Diskussion zwischen denen, die den Kampf auf der
Ebene des Staates fortführen und denen, die das Terrain der Fabrik nicht
verlassen wollten, spiegelt sich in der „Resolution der Strategischen Leitung“
vom April 1975 wider.[55]
Kernstück der Resolution ist die Definition des Staates als „Stato
Imperialista delle Multinazionali“ (SIM), der angesichts der wirtschaftlichen
Krise Mitte der 70‘er Jahre endgültig abhängig von den Interessen des
internationalen Kapitals und seine Politik nurmehr Ausdrucksmittel der
imperialistischen Konzerne sei.[56]
Zum Aufbau des SIM sei auf Seiten der Bourgeoisie eine Vermittlung zwischen dem
neo- gaullistischen Projekt der DC- Rechten (repräsentiert durch Fanfani) und
dem Vorschlag eines „korporativen Paktes“[57]
zwischen Kapital und Gewerkschaften, den die „aufgeklärte“ Kapitalfraktion um
Agnelli bevorzugte, notwendig.
„Questa tendenza del grande capitale
(...) non è in contrasto con il progretto fanfaniano, ma ne costituisce
addirittura una variante funzionale.“[58]
So wäre die Frage der öffentlichen Ordnung, inclusive der
Wiedereinführung konservativer Wertvorstellungen und Normen als „präventive
Militarisierung“ Aufgabe der DC, während der korporative Pakt der
Arbeiterklasse durch Eingliederung in den Staat die wirtschaftlichen Kosten der
imperialistischen Neustrukturierung aufbürden würde. Vor diesem Hintergrund sei
der Historische Kompromiß des PCI eine Politik des „Nutznießens einer aristokratischen
Schicht der Arbeiterklasse“.[59]
Revolutionäre Politik müsse deshalb auf die Entwicklung von
Widersprüchen zwischen den Fraktionen des SIM abzielen. Dabei seien drei
Hauptlinien zu verfolgen: den korporativen Pakt zwischen Kapital und
traditionellen Arbeiterorganisationen zu zerschlagen, die DC als politisches
Zentrum anzugreifen und den Staat an seinen schwächsten Punkten zu treffen.
Hierfür sei der Aufbau eines Partito Combattente (einer kämpfenden
Partei) erforderlich, der die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes in der Arbeiterklasse
verankern müsse.[60]
In dieser Schrift wird der Unterschied zwischen den Imperialismus-
Analysen von RAF und BR am deutlichsten. Die BR bekämpfen den Imperialismus
(des internationalen Kapitals) durch die Forcierung des Klassenkampfes im eigenen
Lande, während die RAF einen militärischen Schlagabtausch führte.
L’imperialismo delle Multinazionali[61]
In ihrer 3. „Risoluzione della Direzione Strategica“ vom Februar
1978, die mit dem 4. Kommunique der BR zur Moro- Entführung im April ’78
veröffentlicht wurde, greifen die Brigadisten ihre Analyse vom SIM wieder auf.
Charakteristisch für den SIM sei die Vertiefung des
Klassenwiderspruchs sowie des Widerspruchs zwischen globalen und regionalen
Interessen des Imperialismus. Der imperialistische Staat der Multinationalen
Konzerne sei nicht mit dem Faschismus gleichzusetzen, denn er setze auf das
Zusammenspiel von Repression und Reformismus:
„Da una parte abbiamo gli strumenti
pacifici il cui scopo é assicurare il consenso delle masse: partiti
istituzionali, sindicati, mass- media... Dall’altra gli strumenti militari il
cui fine è l’annientamento: nuclei speciali, tribunali speciali, carceri
speciali e cioè forze per la repressione
generalizzata. Entrambi sono parti coesistenti e funzionali della stessa
politica. Entrambi sono forme di uno stesso Stato.“[62]
Dieser Staat sei deshalb weder sozialdemokratisch noch
faschistisch sondern eine dialektische Überwindung von beidem. Da die
reformistischen Arbeiterorganisationen von der herrschenden Klasse in den SIM
eingebunden worden sei, sei auch deren Facharbeiterbasis nicht für die revolutionäre
Umgestaltung der Gesellschaft zu gewinnen. Vielmehr müßten sich die revolutionären
Kräfte weiterhin auf die Massenarbeiter in den großen Fabriken stützen.
Erstmals werden aber auch Randgruppen wie Arbeitslose und perspektivlose Jugendliche
unter dem Eindruck der 77‘er Bewegung als potentielle Subjekte einer Revolution
wahrgenommen, jedoch ohne daß die führende Rolle des Proletariats, die sich aus
deren objektiver Klassenlage ergebe, in Zweifel gezogen wird.
In der Aufzählung der potentiellen revolutionären Kräfte nehmen
die Massenstudenten als „esercito intellettuale di reserva“ (intellektuelle
Reservearmee) neben den Massenarbeitern noch eine herausragende Stellung ein,
denn ihnen seien die schlechten Zukunftsaussichten angesichts der Vielzahl von
Studenten, der schlechten Ausbildung und der sich verschärfenden Krise sehr bewußt.[63]
Der Hauptunterschied zur Resolution von 1975 ist, daß die BR den
Umstrukturierungsprozeß zum SIM als nunmehr abgeschlossen betrachten, was sich
auch in der härteren Kritik am PCI niederschlägt. Die Phase der bewaffneten
Propaganda wird für beendet erklärt, und die Strategie muß nun an den Übergang
zur Praxis des revolutionären Bürgerkriegs angepaßt werden.[64]
Diese fehlerhafte Analyse ist ein Grund für die zunehmende Brutalisierung der
BR- Aktionen, denn von einem Bürgerkrieg –zumal einem an Klassenpositionen
ausgerichteten- kann 1978 keine Rede sein.
Konklusion
Die Brigate Rosse sind in ihrer Argumentation stringenter als die
RAF. Sie erkennen den Freiraum, den der PCI durch seinen „italienischen Weg zum
Sozialismus“ auf der linken Seite des Parteienspektrums hinterläßt und bieten
sich den Massenarbeitern in den großen Fabriken Norditaliens als Avantgarde an.
Die BR erkennen zwar den gesellschaftlichen Wandel, den die Fabrikgesellschaft
Anfang der 70‘er Jahre durchmachen, halten aber trotzdem an den Massenarbeitern
als revolutionären Subjekten fest. Hier hätte sich die BR hin zu anderen
Gruppen und Themen des Wertewandels aus der späteren 77‘er Autonomie- Bewegung
öffnen müssen, um die erodierende Basis zu sichern. Trotz der sicherlich
tieferen Verankerung in einer sozialen Bewegung als die RAF waren die BR aber
auch weit davon entfernt, eine Massenbewegung zu sein.
Ein Grund hierfür ist der theoretische Wechsel von der
„bewaffneten Propaganda“ zum „Angriff auf das Herz des Staates“. War die
bewaffnete Propaganda noch in den einzelnen Großfabriken verankert, so stellte
der Übergang auf die Ebene des Staates eine Entfernung vom revolutionären
Subjekt dar. Was also strategisch unumgänglich war, den Kampf in die nächst
höhere Entscheidungsinstanz zu tragen, beseitigte den direkten Kommunikationskanal
zur Arbeiterschaft. Statt exemplarischer Aktionen, die für sich sprachen und
über Mundpropaganda unter den Arbeitern verbreitet wurden, griff man nun auf
einer Ebene an, für die eine „Übersetzungsleistung“ notwendig gewesen wäre, die
die BR nicht zu leisten imstande waren. „Wie man zu Aktionen gegen den Staat
übergehen könnte, ohne konkrete Präsenz in den einzelnen Fabriken zu verlieren,
das blieb größtenteils abzuwarten- ein Knoten, den wir nie gelöst haben. Ich
glaube, weil er nicht zu lösen war, er beinhaltete eine dem bewaffneten Kampf
innewohnende Grenze“, beschreibt Mario Moretti das Problem.[65]
Gründe für die Isolation
in der Theorie von RAF und BR
Zunächst ist in Bezug auf den Charakter der geplanten Revolution
zu sagen, daß sich die BR enger an marxistischen Kriterien orientieren als die
RAF, die sich an guevaristischen Konzepten orientierte und das
Organisationskonzept der Tupamaros übernahmen. Dies mag mit dem Einfluß der
68‘er- Bewegung auf die beiden Gruppen zusammenhängen. Während diese in Italien,
wie im ersten Kapitel festgestellt, überwiegend am materialistischen Gegensatz
von Lohnarbeit und Kapital orientiert war, hatte es in Deutschland bereits
einen Wertewandel hin zu postmateriellen Werten gegeben.
Nicht zu Unrecht benennt Horst Mahler nach seiner Trennung von der
RAF einen „moralischen Rigorismus“ als Motivation für die Aufnahme des bewaffneten
Kampfes. Diese moralisch- emotionale Abwendung vom Staat wurde dann mit Hilfe
von Theorien ideologisiert[66].
Dabei kam der Marxismus- Leninismus wegen seiner Desavouierung 1953 in der DDR,
1956 in Ungarn und schließlich auch während des Prager Frühlings 1968 nicht in
Frage, weshalb sich auf die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt bezogen
wurde.
Beide Gruppen haben einen theoretischen Sprung vollführt, der in
unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit Erfahrungen der Repression steht.
Während die RAF aus dem Gefängnis heraus die Parole ausgab, die Befreiung der
Gefangenen sei die wirksamste und angemessenste Form des Kampfes gegen den Imperialismus, und damit
den Weg in den Autismus der zweiten Generation vorgab, erkannten die Brigate
Rosse nach der Verhaftung des historischen Kerns, daß der Kampf auf Fabrikebene
mit den Mitteln der bewaffneten Propaganda nicht zu gewinnen war. Deshalb
verließen sie ihr angestammtes Terrain und änderten ihre Strategie. Statt der
bisherigen, symbolischen und exemplarischen Aktionen gegen direkte Feinde der
Arbeiterklasse, fand der Kampf nunmehr auf der Ebene des Staates statt.
Mit dem Abstraktionsniveau der Gesellschaftsanalysen steigt in
gleichem Maße auch die Brutalisierung. Für die RAF ist der Staat Ende 1972
durch und durch faschistisch, wodurch jede Form von Gewalt pauschal
gerechtfertigt wird, während dieser Prozeß in den BR mit der Abstraktion des SIM einsetzt und nach der Moro-
Entführung in den BR endgültig dominiert.
Angesichts der politischen Verhältnisse in den beiden Ländern mag
die schnellere Gewalteskalation in
Deutschland erstaunen, herrschte dort doch Anfang der 70‘er Jahre ein besonders
hohes Maß an sozialem Frieden, während in Italien eine Regierung unter
Einschluß der Faschisten regierte und Putschgerüchte an der Tagesordnung waren.
Fetcher sieht einen Grund für die schnellere Eskalation in
Deutschland darin, daß für die RAF die BRD ein Akteur (wenn auch nicht der
Hauptakteur) im imperialistischen Geschehen ist, während die BR den
italienischen Staat lediglich als Objekt des Imperialismus auffassen.[67]
Die unterschiedliche Art und Weise, wie der Imperialismus
theoretisiert wurde, erklärt die schnellere Isolation und letztlich Festnahme
der RAF- Kämpfer. Sie wollten mit ihren Aktionen direkt gegen den Apparat der
US- Imperialisten vorgehen und bezogen sich kaum auf soziale Kämpfe im eigenen
Land. Als Rechtfertigungsschablone diente dabei ein falscher Faschismus-
Begriff. Die Bevölkerung wurde als total entfremdet und dadurch unfähig zum
Kampf angesehen. Die BR dagegen führten den Kampf gegen den Imperialismus,
indem sie die innerkapitalistischen Widersprüche in Italien bekämpften, was zu
ihrer vorübergehenden Popularität beitrug.
[1] LEONHARD, Wolfgang: Die Dreispaltung des Marxismus, Wien 1970; S. 41
[2] LEONHARD, W. (1970), a.a.O., S. 45
ff
[3] Mit dem Charakter der „Diktatur des Proletariats“ lohnt es sich hier nicht auseinanderzusetzen, denn darüber gibt es zwischen den untersuchten Gruppen keine Meinungsverschiedenheit, weil es zu der Frage des „Danach“ bei beiden Gruppen gar keine Meinung im Sinne eines Regierungsprogramms oder auch Gestaltungsrahmens gibt. Die Frage des „Danach“ taucht in der Theorie der Gruppen schlicht nicht auf.
[4] Marx/Engels: Werke, Band 35; S. 358
[5] LEONHARD, W., a.a.O.; S. 82 ff
[6] Vgl. WEBER, Hermann (Hg.): Lenin- Aus den Schriften 1895- 1923 München 1980 (2. Auflage); S. 57 ff
[7] LEONHARD, W., a.a.O. ; S. 278
[8] MAO Tsetung: Über die Revolution. Ausgewählte Schriften, Frankfurt a. M. 1971; S. 96 ff
[9] LEONHARD, W. (1970), a.a.O.; S. 289
f
[10] LEONHARD, W. (1970), a.a.O.; S. 306
ff
[11] GUEVARA, Ernesto Che: Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam; in: GUEVARA, Ernesto Che: Guerilla- Theorie und Methode; Berlin 1968, S. 143 ff
[12] GUEVARA, E., a.a.O. S. 158
[13] GUEVARA, E., a.a.O. S. 156
[14] abgedruckt in: LABROUSSE, Alain: Die Tupamaros- Stadtguerilla in Uruguay, München 1971; S. 46 ff
[15] WALDMANN, Peter: Strategien politischer Gewalt; Stuttgart 1977, S. 62
[16] WALDMANN, P., a.a.O., S. 66
[17] ROTE ARMEE FRAKTION: Die Rote Armee aufbauen, in: Gesellschaft für Nachrichtenerfassung und Nachrichtenverbreitung (GNN) (Hg.): Ausgewählte Dokumente der Zeitgeschichte: Bundesrepublik Deutschland (BRD)- Rote Armee Fraktion (RAF), 6. Auflage, Köln 1993, S. 4
[18] Alle Zitate ebd.
[19] Vgl. dazu: MEINHOF, Ulrike Marie: Bambule: Fürsorge- Sorge für wen ? (Neuausgabe), Berlin 1994 oder das gleichnamige Fernsehspiel von Meinhof, das kurz nach ihrem Schritt in die Illegalität im Fernsehen hätte ausgestrahlt werden sollen, dann aber 27 Jahre lang in den Archiven verschwand, bevor es anläßlich des Jubiläums des „Deutschen Herbstes“ 1997 erstmals ausgestrahlt wurde.
[20] RAF: Konzept Stadtguerilla, in: GNN, a.a.O., S. 10
[21] RAF: Konzept Stadtguerilla, in: GNN, a.a.O., S. 11
[22] KOLLEKTIV RAF: Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa; in: BITTERMANN, Klaus (Hg.): Die alte Straßenverkehrsordnung. Dokumente der RAF, Berlin 1987; S. 47 ff
[23] HORCHEM, Hans- Josef: Die verlorene Revolution- Terrorismus in Deutschland; Herford 1988, S. 31
[24] KOLLEKTIV RAF, a.a.O.; S. 112
[25] KOLLEKTIV RAF, a.a.O.; S. 116
[26] AHLBERG, Rene: Das Proletariat- Die Perspektiven der Arbeiterklasse in der Industriegesellschaft; Stuttgart 1974, S. 109 ff
[27] FETCHER, I., a.a.O., S. 35 ff
[28] ROTE ARMEE FRAKTION: Dem Volke dienen- Stadtguerilla und Klassenkampf; in: GNN, a.a.O.; S. 15 ff
[29] ROTE ARMEE FRAKTION: Dem Volke dienen, in: GNN, a.a.O.; S. 21
[30] „Schwarzer September“ ist der Kommandoname der 8 Palästinenser, die am 5. September 1972 neun israelische Mitglieder der Olympiamannschaft in München als Geiseln nehmen und die Freilassung von 200 Arabern aus israelischen Gefängnissen fordern. In Verhandlungen mit dem BMI Genscher wird die Ausreise des Kommandos mit den Geiseln zugesagt. Statt dessen wird auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck das Feuer auf die Terroristen und ihre Geiseln eröffnet. Dabei sterben 5 Mitglieder des Kommandos, sowie alle neun israelischen Sportler und ein Polizist. Der Kommandoname bezieht sich auf ein Massaker der jordanischen Armee an den Palästinensern in Jordanien im September 1970.
[31] RAF: Die Aktion des Schwarzen September in München- Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes; in: GNN, a.a.O., S. 31 ff
[32] RAF: Konzept Stadtguerilla, in: GNN, a.a.O., S. 7
[33] ROTE ARMEE FRAKTION: Dem Volke dienen, in: GNN, a.a.O., S. 16
[34] ROTE ARMEE FRAKTION: Dem Volke dienen, in: GNN, a.a.O., S. 21
[35] abgedruckt in: GNN, a.a.O, S. 28
[36] RAF: Die Aktion des Schwarzen September in München- Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes; in: GNN, a.a.O., S. 36
[37] abgedruckt in: GNN, a.a.O.; S. 47 ff
[38] GNN, a.a.O. S. 49
[39] BRÜCKNER, Peter/ SICHTERMANN, Barbara: Gewalt und Solidarität- Zur Ermordung Ulrich Schmückers durch Genossen: Dokumente und Analysen (Neuauflage), Hannover o. J., S. 32
[40] RAF: Konzept Stadtguerilla, in: GNN, a.a.O., S. 9 f
[41] BRÜCKNER, P./SICHTERMANN, B., a.a.O., S. 42
[42] Dokumente des Colletivo (CPM): Soziale Kämpfe und Organisation in der Metropole; in: DREßEN, Wolfgang: Sozialistisches Jahrbuch 3, Berlin 1971; S. 123 ff
[43] CPM, a.a.O. ; S. 136
[44] CPM, a.a.O. ; S. 154 ff
[45] CPM, a.a.O. ; S. 141 ff
[46] abgedruckt in der Flugschrift: BRIGATE ROSSE: Bewaffneter Kampf für den Kommunismus; Hamburg 1974, S. 2 ff; auf italienisch in: SOCCORSO ROSSO, a.a.O., S. 103 ff
[47] BRIGATE ROSSE, a.a.O. ; S. 3
[48] SOCCORSO ROSSO, a.a.O., S. 104 f
[49] Vgl. FETCHER, Iring: Terrorismus und Reaktion in der Bundesrepublik Deutschland und in Italien (erweiterte Taschenbuchausgabe), Reinbek 1981, S. 128 f
[50] BRIGATE ROSSE, a.a.O. ; S. 8 ff; auf
italienisch in: SOCCORSO ROSSO, a.a.O., S. 144 ff
[51] BRIGATE ROSSE, a.a.O. ; S. 13
[52] SOCCORSO ROSSO, a.a.O., S. 149
[53] ROTE BRIGADEN: Die Krise wird von der Reaktion benutzt, um die Arbeiter zu schlagen in: Schriften zum Klassenkampf Nr. 41 (hrg. vom TRIKONT- Verlag), a.a.O., S. 34 ff
[54] Zum Kampf bei Fiat, siehe auch die Chronik in: Schriften zum Klassenkampf Nr. 41, a.a.O.
[55] auszugsweise in: SOCCORSO ROSSO, a.a.O.,
S. 270 ff
[56] SEIFERT, Stefan, a.a.O., S. 63
[57] Mit dem Begriff des „korporativen Paktes“ nehmen die BR offensichtlich Bezug auf die Korporationen, in denen in der Zeit des Faschismus die Unternehmer und die Gewerkschaften zwangsvereinigt waren.
[58] SOCCORSO ROSSO, a.a.O., S. 273
[59]Vgl. SEIFERT, S., a.a.O. ; S. 65
[60] SEIFERT, S., a.a.O. ; 65 f
[61] BRIGATE ROSSE: Risoluzione della
Direzione Strategica, febbraio 1978; abgedruckt in: Controinformazione Nr. 11-
12, Milano Juli 1978, S. 76 ff
[62] BRIGATE ROSSE, (1978) a.a.O. S. 78
[63] BRIGATE ROSSE, (1978) a.a.O. S. 91
[64] FETCHER, I., a.a.O., S. 134 ff
[65] MORETTI, Mario: Brigate Rosse- Eine italienische Geschichte, Hamburg und Berlin 1996, S. 106
[66] JESCHKE, Axel/ MALANOWSKI, Wolfgang (Hg.): Der Minister und der Terrorist- Gespräche zwischen Gerhart Baum und Horst Mahler, Reinbek 1980, S. 14 ff
[67] FETCHER, I., a.a.O., S. 163