Die Praxis der RAF und der BR

Die Kommunikation mit der Bevölkerung lief aufgrund der klandestinen Organisationsstruktur neben den theoretischen Schriften, die aufgrund ihrer Diktion nicht sonderlich geeignet waren, ein breiteres Publikum anzusprechen, über die Aktionen der RAF und der BR. Mit den Aktionen als Ausdruck des Primats der Praxis hätten die als potentiell revolutionär erkannten Teile der Bevölkerung davon überzeugt werden sollen, daß bewaffneter Widerstand möglich ist. Da klammheimliche Zustimmung für die Durchführung einer Revolution aber nicht ausreichend ist,  müßte durch die Aktionen auch eine Mobilisierung erreicht werden, die die im letzten Kapitel dargestellten Grenzen einer klandestinen Organisation überwindet. Dabei muß die Guerilla- Gruppe zwischen militärischer Effizienz und Überzeugung der Massen das Gleichgewicht halten. Zentrale These dieses Kapitels ist es nun, daß die Isolation von RAF und BR von der Bevölkerung Ergebnis einer unangemessenen Praxis ist. Dem Problem soll sich auf drei verschiedenen Ebenen genähert werden:

Zunächst wird auf einige quantitative Daten von ROSSI eingegangen, die einen Überblick über die Schwerpunkte der Praxis vermitteln. Anhand der anschließenden Längsschnittdarstellung wird die Entwicklung der beiden Gruppen deutlich, bevor abschließend auf verschiedene Aktionsformen etwas näher eingegangen wird.

 

A: Quantitative Darstellung der Aktionen der RAF und der BR

Auf die Probleme der Datenermittlung von ROSSI wurde schon eingegangen.[1] Trotzdem bestätigen ihre Daten einige Erkenntnisse, die evident sind.

Zunächst weist die Häufigkeit von Stadtguerilla- Aktionen im Zeitraum von 1969 bis 1979 für Italien und Deutschland gegenläufige Kurven aus. Während für Italien bis 1972 quasi keine Aktionen zu verzeichnen sind, dann konstant zunehmen, von 1975 bis 1977 explosionsartig auf über 500 ansteigen und ab 1979 wieder auf ein Minimum zurückgehen, ist für Deutschland ein höherer Einstieg zu verzeichnen (mit Spitzenwerten über 100 in 1970 und 1974), bevor sich die Anzahl der Aktionen ab 1975 auf konstant niedrigem Niveau einpendelt.[2]

Rossi leitet daraus unter Berücksichtigung des sozialhistorischen Kontextes einige Kausalbeziehungen ab: Für den ersten Protestzyklus um 1969/ 70 sieht sie als Hauptfaktoren die Dichte an von der Protestbewegung erfaßten sozialen Sektoren, die Länge des Mobilisierungszyklus und die Konfliktreduktionsbereitschaft im Sinne der bestehenden Verhältnisse. Sind die ersten beiden Faktoren hoch, so ist die Anzahl an Gewaltaktionen niedrig. Ist die Konfliktreduktionsbereitschaft in der Gesellschaft hoch, so eskaliert die Gewalt schneller. In Deutschland blieb die Studentenbewegung relativ isoliert und dauerte nicht so lange an wie die von Arbeitern und Studenten gemeinsam getragene Bewegung in Italien. Entsprechend gelang es der sozialliberalen Koalition mit ihren Reformen in Deutschland besser, die Konflikte im parlamentarischen Procedere zu kanalisieren als den DC- geführten Regierungen in Italien. So fühlte sich eine kleine, radikale Minderheit, der Reformen nicht reichten, in Gewaltaktionen abgedrängt, während die breite Arbeiter- und Studentenbewegung in Italien sich 1969/70 noch (fast) ohne (bewaffnete) Gewalt Gehör verschaffen konnte.

Für den starken Anstieg der Aktionen Mitte der 70‘er Jahre in Italien bei gleichzeitiger Stagnation in Deutschland macht ROSSI folgende Faktoren verantwortlich: neue Inhalte der Protestbewegung, schon bestehende Untergrundorganisationen und das Fehlen legaler Organisationen, die die Forderungen aufnehmen könnten.

Die Autonomia nahm in diesem zweiten Protestzyklus post- industrielle Werte auf, die in Deutschland schon im ersten Protestzyklus thematisiert wurden. In Italien konnten diese Themen nicht hinreichend integriert werden, weil sie außerhalb des traditionellen politischen Diskurses standen, in dem der ökonomische Konflikt zwischen Lohnarbeit und Kapital die Priorität hatte. Da die an diesem Konflikt orientierten Untergrundgruppen (wie die BR) fortbestanden, wurde eine Radikalisierung der Aktionsformen befördert.[3] Die BR sind in diesen eskalierenden „Wettbewerb“, wie wir noch sehen werden, eingestiegen.

Interessant ist auch die Verteilung der Ziele von Aktionen der BR und der RAF, die signifikant für die Verbindung von Theorie und Praxis sind. In Deutschland wurde die Hälfte der Aktionen gegen internationale Organisationen wie NATO- und US- Einrichtungen durchgeführt, noch einmal fast die Hälfte gegen staatliche Institutionen, insbesondere des Repressionsapparates und nur 3,4 % gegen wirtschaftliche Ziele. In Italien waren 43,7 % der Aktionen gegen Ziele aus dem Bereich Wirtschaft gerichtet, gefolgt von den Bereichen Staat (Repressionsapparat) mit 33,1 % und Organisationen wie Gewerkschaften, Parteien etc. mit 21 %.

Bei der Verteilung der Aktionsformen gibt es einige erklärungsbedürftige Daten[4]:

 

Italien %

Italien total

Deutschland %

Deutschland total

Raubüberfälle

14,4

171

3,9

50

Attentate

69,3

743

78,2

990

Entführungen/ Geiselnahmen

2,3

27

0,3

4

Anschläge auf Personen

17,3

206

2,9

37

Tote

 

142

 

28

Zunächst ergeben die Prozentanteile in beiden Fällen zusammen keine 100 %. Ein weiteres, grundsätzliches Problem ist die unterschiedliche Erfassung von Aktionsformen, denn der auffällig  höhere Anteil der Anschläge auf Personen bei den BR ist z. T. darauf zurückzuführen, daß Bombenattentate der RAF, bei denen auch Menschen umgekommen sind, offensichtlich unter „Attentate“ subsumiert wurden, obwohl dort eigentlich nur Sachbeschädigungen aufgeführt sein sollten. Zudem sind in dem hohen BR- Anteil auch die „gambizzazione“[5] enthalten, die es in Deutschland nicht gab. Der höhere Anteil an Raubüberfällen mag zum einen damit zu erklären sein, daß die BR einfach über mehr Mitglieder verfügten, die versorgt werden mußten. Zum anderen besteht gerade bei Banküberfällen kaum die Chance, sie zweifelsfrei zuzuordnen, denn zu „Enteignungen“ bekannten sich die vielen unterschiedlichen Gruppen nur ungern.

Die hohe Zahl an Toten in Italien erstaunt ebenfalls und ist so recht nicht zu erklären, wenn man bedenkt, daß bis 1976 „nur“ zwei tote MSI- Mitglieder auf das Konto der BR gingen.

Die operativ anspruchsvollste Aktionsform der Entführung wurde entsprechend selten durchgeführt; der höhere Anteil bei den BR ergibt sich aus den Kurzentführungen in der Frühphase der bewaffneten Propaganda.

 

B: Von der Volksaufklärung zum bewaffneten Autismus: Die Aktionen der RAF

1. Die erste Generation der RAF

Die RAF konstituierte sich in der Befreiung von Andreas Baader aus dem Institut für Sozialforschung am 10. Mai 1970. Damit wurde dem Primat der Praxis Ausdruck verliehen. Die Aktion wurde sogar in weiten Teilen der kritischen Bevölkerung begrüßt, auch wenn es scharfe Kritik dafür gab, daß bei der Aktion der Institutsangestelle Linke angeschossen wurde, wofür die RAF Selbstkritik übte.[6]

In den folgenden zwei Jahren beschäftigte sich die RAF fast ausschließlich mit der Logistik des bewaffneten Kampfes. Zur Finanzierung wurden Banküberfälle durchgeführt, wobei es teilweise zu Schußwechseln mit der Polizei kam, die eine Eskalationsspirale in Gang setzten, aus der die RAF bis zu ihrer Auflösung nicht mehr entkommen konnte. Dabei handelten die einzelnen Mitglieder immer streng nach der Vorgabe Ulrike Meinhofs, die sie in einem Interview mit der französischen Journalistin Michele Ray gegeben hatte: „natürlich kann geschossen werden!“[7] Diese Aussage hat zur Eskalation auf beiden Seiten beigetragen. Bis zur RAF- Offensive im Mai 1972 waren schon je drei Polizisten und RAF- Mitglieder umgekommen und viele weitere Personen verletzt worden.

Die Auswahl der Ziele für die Sprengstoffanschläge der Mai- Offensive 1972 ist Resultat des schon analysierten falschen Imperialismus- Begriffs. Die RAF hielt den US- Imperialismus für in den militärischen Einrichtungen verkörpert, wobei gar nicht bezweifelt werden soll, daß die RAF mit ihren Anschlägen auf US- Basen kurzzeitig durchaus militärisch effizient war.[8] Doch war es gerade das hohe Eskalationsniveau, das die Bevölkerung in die Zuschauerrolle drängte und eine direkte Teilhabe an der Rebellion behinderte. Bei den Bombenanschlägen mag – die Umfragen zu dieser Zeit deuten es an – der eine oder andere schon früh eine „klammheimliche Freude“ darüber gefühlt haben, daß es „denen mal gezeigt“ wurde. Doch nachahmbar waren diese Aktionen auch wegen ihres abstrakten, nicht an den realen Problemen der Bevölkerung orientierten Inhalts sicher nicht. Die Anschläge auf den „Repressionsapparat“ (Polizeihauptquartiere in Augsburg und München, BGH- Richter Buddenberg)  deuteten zudem schon den Selbstbezug an, der sich in der 2. Generation zum „bewaffneten Autismus“ steigerte.

Der Anschlag auf das Springer- Hochhaus am 19. Mai 1972 traf mit Springer zwar ein geeignetes Ziel, um an die „Enteignet- Springer- Kampagne“ von 1968 anzuknüpfen und Zustimmung aus der versprengten außerparlamentarischen Linken zu erhalten, denn der Springer- Verlag verkörperte das Feindbild für die Linke schlechthin. Statt dessen hagelte es Kritik, denn es wurden 17 Arbeiter verletzt, weil Springer trotz telefonischer Vorwarnung das Haus nicht räumen ließ.

Zusammenfassen lassen sich die Aktionen der 1. Generation unter dem Begriff Volksaufklärung.[9] Sie greifen nicht in vorhandene Konflikte ein, um Bevölkerungsteile zu mobilisieren sondern belehren sie mit ihren Aktionen. Oder wie es der Arbeiter „Bommi“ BAUMANN von der Bewegung 2. Juni formulierte:

 „Ein Intellektueller zieht den Moment, wo er Gewalt anwendet, aus einer Abstraktion, weil er sagt, ich mache Revolution wegen des Imperialismus oder aus anderen theoretischen Beweggründen. Davon leitet er den Anspruch ab, daß er Gewalt einsetzen kann. (...) Deswegen ist er ja Intellektueller. Das zeichnet ihn aus, daß er erstmal mit dem Kopf Sachen abchecken kann.“[10]

 

Für viele Arbeiter, Jugendliche und Randgruppen blieb der Imperialismus abstrakt; der Bezug zur „proletarischen Alltagsgewalt“, die in ihren Milieus herrschte, war für die bürgerliche RAF nicht zu leisten.

Am 31.05.72 begann die „Aktion Wasserschlag“ des Bundeskriminalamtes, die zur Festnahme praktisch der gesamten Gruppe führte. Damit endete die kurze „politische Phase“, in der sich die Gewalt noch auf einen politisch- gesellschaftlichen Kontext bezog, und es begann die „autistische Phase“, in der Gewalt nur noch Mittel zur Erreichung eines isolierten Zwecks war.

Ab 1974 versuchten vier Nachfolgeorganisationen, im Stile einer „Guerilla- Befreiungs- Guerilla“ die verhafteten Gruppenmitglieder freizupressen.

 

2. Die zweite Generation der RAF

Die Gruppe 4.2.[11] wollte mittels der Geiselnahme von Gruppen, „auf deren Loyalität die Regierung angewiesen ist“ die Inhaftierten freipressen und durch Anschläge auf möglichst hoher Ebene ein Klima der Unsicherheit schaffen.[12] Die Festnahme im Frühjahr 1974 erfolgte aber, bevor die Gruppe zur Aktion schreiten konnte.

Am 24. April 1975 besetzte ein sechsköpfiges RAF- Kommando- angespornt durch den positiven Verlauf der Lorenz- Entführung durch die Bewegung 2. Juni[13] - die Deutsche Botschaft in Stockholm, die wegen der liberalen schwedischen Öffentlichkeit ausgewählt worden war. Dabei wurde aber nicht bedacht, daß die Chance zu entkommen, für die Botschaftsbesetzer erheblich geringer war als für die Entführer von  Peter Lorenz.

Nachdem der Forderung nach Freilassung von 26 RAF- Gefangenen durch die Erschießung von Botschaftsangehörigen Nachdruck verliehen werden sollte, explodierte versehentlich der verteilte Sprengstoff. Vom Kommando erlagen Ulrich Wessel und Siegfried Hausner ihren Verletzungen ebenso wie die Botschaftsangehörigen von Mirbach und Hillegaart. Der extra gebildete Krisenstab in Bonn hatte Verhandlungen über die Freilassung der Häftlinge abgelehnt.

Laut einer Spiegel- Umfrage befürworteten 75 % der Bundesbürger den Austausch im Fall Lorenz- wohl v.a. wegen des geringen Gewalteinsatzes- eine Mehrheit würde aber in einem weiteren Fall für eine harte Haltung plädieren. 56 % hielten die innere Sicherheit nicht für hinreichend gewährleistet.[14]

Eine weitere Gruppe um die Rechtsanwälte Siegfried Haag und Roland Mayer wurde durch die Festnahme der beiden am 30.11.76 zerschlagen. Deren Pläne für Kommandoaktionen mit den Codenamen „Margarine“, „Big Money“ und „Big Raushole“ wurden aber 1977 durch die vierte Nachfolgegruppe durchgeführt.

Nach der Verhaftung Haags übernahm Brigitte Mohnhaupt, die mit dem Kern der ersten Generation in Stammheim inhaftiert gewesen war und ihre vierjährige Strafe wegen minderer Delikte abgesessen hatte, die Führung der Gruppe.

Im Mai 1977 begann dann die Offensive, die keine Abfolge von Straftaten darstellt sondern eine Aktionseinheit, die den Boden für die Befreiung der Gefangenen bereiten sollte.[15]

Am 7. Mai führte das „Kommando Ulrike Meinhof“ die „Margarine“[16]- Aktion durch und erschoß Generalbundesanwalt Siegfried Buback sowie dessen Fahrer und Eskorte.

Die Aktion „Big Money“ bestand in der Erschießung des Vorstandssprechers der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, am 30. Juli 1977. Obwohl eine Entführung geplant war, wurde laut PETERS die Ermordung Pontos ins Kalkül einbezogen, weil sie die Angst vor der RAF steigern würde und einer weiteren Entführung eher zum Erfolg verhelfen würde.[17]

Die nächste Aktion der Offensive richtete sich erneut gegen den Repressionsapparat. Am 25. August 1977 scheiterte ein Granatwerfer- Angriff auf die BAW an einem defekten Zeitzünder. Peter Jürgen Boock, der später vor Gericht für den versuchten Anschlag verantwortlich gemacht wurde, behauptete, er habe den Zünder absichtlich deaktiviert, weil er Angestellte und Besucher durch ein Fenster in der BAW gesehen und Skrupel bekommen habe.

Mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns- Martin Schleyer begann am 5. September dann der Schlußpunkt der Offensive. In dem erzeugten Klima der Gewalt sollte die Regierung zum Austausch Schleyers gegen elf Gefangene aus der RAF[18] gezwungen werden.

Für die staatliche Seite übernahm ein Gremium die Verhandlungen, das im Grundgesetz nicht vorgesehen ist: der Große Krisenstab. Ihm gehörten neben dem Bundeskabinett die Partei- und Fraktionsvorsitzenden der Regierungsparteien und der CDU/CSU, Vertreter der Länder, in denen RAF- Häftlinge einsitzen, die Vorsitzenden der Innen- und der Justizministerkonferenz, sowie der Präsident des BKA, Horst Herold, und der Vorsitzende der Daimler- Benz AG, Joachim Zahn an. Die Medien verordneten sich selbst eine Nachrichtensperre, so daß es für die Zeit der Entführung quasi keine Opposition gab.

Am 13.10.77 entführte das palästinensische „Kommando Martyr Halimeh“ die Lufthansa- Maschine Landshut auf ihrem Flug von Mallorca nach Frankfurt und unterstützte damit die Forderung der Schleyer- Entführer. Nachdem der Kapitän von den Hijackern erschossen wurde, stürmte das Einsatzkommando GSG 9 am 18.10.77 um kurz nach Mitternacht auf dem Flughafen von Mogadischu das Flugzeug, erschoß drei Entführer und befreite die Geiseln. Am nächsten Morgen entdeckten die Wärter der JVA Stammheim Andreas Baader und Jan- Carl Raspe erschossen und Gudrun Ennslin erhängt in ihrer Zelle, sowie die schwerverletzte Irmgard Möller, die bis heute beteuert, sich die Stichverletzungen in der Herzgegend nicht selbst zugefügt zu haben.[19] Am 19.10.77 wurde die Leiche von Hanns- Martin Schleyer in einem grünen Audi 100 in Mühlhausen gefunden. Der „deutsche Herbst“ 1977 war zu Ende.

 

C: Von der bewaffneten Propaganda zur Strategie der Vernichtung: Die Aktionen der BR

Zur Orientierung sollen noch einmal die von CASELLI und DELLA PORTA eingeführten Phasen der BR in Erinnerung gerufen werden: Sie unterscheiden zwischen der Phase der bewaffneten Propaganda, des Angriffs auf das Herz des Staates und der Strategie der Vernichtung.[20]

 

1. Bewaffnete Propaganda

Die Roten Brigaden traten unter diesem Namen erstmals 1970 in Aktion, als sie das Auto des Chefs der Personalabteilung von Siemens, Giuseppe Leoni, anzündeten. „Wir hatten ihn ausgewählt, weil die Genossen aus der Fabrik seinen Namen am häufigsten nannten. Außerdem war er Christdemokrat, also ein natürlicher Feind“,[21] benennt FRANCESCHINI die Gründe für die Auswahl Leonis. Diese Aussage veranschaulicht die Strategie der bewaffneten Propaganda: Die BR nahmen Stimmungen der Genossen in den Fabriken auf und beeinflußten die dortigen Machtverhältnisse, indem sie den Gegnern durch kalkulierbaren Sachschaden aufzeigten, daß sie für ihr Verhalten zur Verantwortung gezogen werden können. Entsprechend beliebt wurde diese Interventionsmethode, und in den folgenden Jahren gingen unzählige Autos in Flammen auf. Die spektakulärste Aktion dieser Art war der Anschlag auf acht Lastwagen auf der Teststrecke von Pirelli in Lainate am 25. Januar 1971.

Mit der Entführung des Direktors des Siemens- Werks Idalgo Macchiarini am 3. März 1972 erhöhten die BR das Eskalationsniveau. Trotzdem blieb die Stimmung in der Fabrik maßgeblich für die Auswahl der Opfer. Noch einmal FRANCESCHINI: „Bei jeder Betriebsversammlung hatten die Arbeiter versucht, Macchiarini aus seinem Büro zu holen und ihm öffentlich den Prozeß zu machen, aber es war ihnen nie gelungen. Unsere Aktion war also als erweiterte Betriebsversammlung gedacht, wir wollten ihn schnappen und ihm den Prozeß machen.“[22]

Der Siemens- Direktor wurde auf dem Heimweg abgefangen und in einen kleinen Transporter verfrachtet, wo ein Foto gemacht wurde, auf dem ein Gewehrlauf auf Macchiarinis Schläfe zielte und auf dem er einen Zettel mit revolutionären Parolen hielt. U. a. auch das berühmte „Mordi e fuggi“[23], das die Taktik der bewaffneten Propaganda auf den Punkt brachte.

Die Aktion wurde von vielen Gruppen der außerparlamentarischen Linken mit Sympathie aufgenommen, auch weil sie in einem Klima sich verschärfender Auseinandersetzungen durchgeführt wurde. So war im Januar Porto Marghera für zwei Tage blockiert worden, und der Prozeß wegen des Anschlags auf der Piazza Fontana gegen den Anarchisten Valpreda hatte im Februar begonnen

Während Wolfgang BERNER das Weiterbestehen der BR nach dieser Aktion in seiner Dokumentation der italienischen APO von 1973 aufgrund des Repressionsdrucks schon in Zweifel zog[24], teilte sich die Gruppe auf. Renato Curcio und Mara Cagol bauten eine Kolonne in Turin auf und nahmen die sogenannten gelben Gewerkschaften[25] ins Visier der bewaffneten Propaganda. Die CISNAL war der Fabrikableger des neofaschistischen MSI und Verbündete der Unternehmer. Sie bespitzelten autonome Arbeiterversammlungen und waren direkt an der Unterwanderung bestimmter renitenter Abteilungen mit faschistischen Arbeitern beteiligt. Für zusätzliche Brisanz sorgte die Entdeckung einer Dokumentation, aus der hervorging, daß Polizisten und „faschistische Provokateure“ von der FIAT- Geschäftsleitung dafür bezahlt wurden, daß sie Arbeiteravantgarden identifizierten, die dann der Repression ausgesetzt wurden.[26]

 Im Februar 1973 entführte die Turiner Kolonne den CISNAL- Vorsitzenden Bruno Labate. Erstmals wurde die Entführung auch zur Informationsbeschaffung benutzt, denn Labate wurde mehrere Stunden verhört, bevor er zum Schichtwechsel vor dem Werkstor von Fiat- Mirafiori mit einem Schild um den Hals angekettet wurde. Die BR verteilten ihre Flugblätter, und niemand kam Labate zu Hilfe, bis ihn die Polizei schließlich nach einer Stunde befreite. Obwohl die Brigadisten unmaskiert waren, wurden sie nicht verraten.

Einen weiteren Anstieg des Eskalationsniveaus erreichten die BR bei der Entführung des Fiat- Personalchefs für den Autosektor, Ettore Amerio, vom 10.12. bis zum 18.12.73. Erstmals knüpften die Roten Brigaden die Freilassung eines Entführungsopfers an Bedingungen und begaben sich damit auch erstmals in die Abhängigkeit von der Reaktion der Gegenseite. Die Forderungen wurden allerdings auf einem symbolischen Niveau belassen. So wurde von Fiat verlangt, die Kurzarbeit über Weihnachten zurückzunehmen. Die vom Fiat- Chef Agnelli herausgegebenen Tageszeitungen sollten zudem vollständig und wahrheitsgemäß über die Aktion berichten und schließlich müsse auch Amerio selbst Informationen über Einstellungs- und Entlassungspolitik bei Fiat geben.[27]

Nachdem Fiat die Kurzarbeit zurückgenommen hatte und Amerio zufriedenstellend über die Personalpolitik des Unternehmens ausgesagt hatte, ließen ihn die BR wieder frei. In dem Flugblatt Nr. 3 zur Entführung wird die Freilassung auch damit begründet, „daß es unmöglich ist, einen Krieg zu gewinnen, indem man eine Schlacht bis zum äußersten treibt.“[28]

Der Ton der Flugblätter ist appellativ. Auch wenn die Forderungen an die Unternehmensleitung gestellt wurden, so wenden sich die BR doch zuerst an die Arbeiter. Die Forderungen an Agnelli waren auch nicht mit der Drohung verbunden, die Geisel zu töten. Die BR betonten lediglich, daß die Dauer der Gefangenschaft von der Kooperationsbereitschaft der Fiat- Leitung abhänge.

Charakteristisch für die Periode der bewaffneten Propaganda ist also der symbolische Gebrauch der Waffen, der lediglich die Gegenmacht der Arbeiterklasse demonstrieren soll. Die Ergebnisse der Verhöre werden den Arbeitern in Flugblättern unmittelbar mitgeteilt, wobei oft höchst praktische Fakten, wie die Namen von Spitzeln o.ä. bekannt werden.

Die BR scheuten sich auch nicht vor populistischen Aktionen. So wurde einem Arbeiter, dessen Wagen bei einer Bestrafungsaktion gegen leitende Angestellte ebenfalls beschädigt wurde, der Schaden erstattet.

All das zeigt das Bemühen der BR in dieser Phase, durch ihre Aktionen die Industriearbeiterschaft zu einem Kampf für den Kommunismus zu gewinnen, indem praktische Interventionsmöglichkeiten praktiziert wurden. Die Massenarbeiter stellen eine Art moralisches Korrektiv dar, denn die Unterstützung ist den BR nur solange sicher, wie sie „den Bogen nicht überspannen“. So sind die Roten Brigaden zu diesem Zeitpunkt noch weit davon entfernt, die Waffen auch einmal zu benutzen.

 

2. Angriff auf das Herz des Staates

Das änderte sich, als mit der Entführung des Genueser Staatsanwaltes Mario Sossi erstmals das Terrain des Fabrikkampfes verlassen und das „Herz des Staates“ angegriffen wurde.

Sossi hatte die Anklage im Prozeß gegen die Gruppe „XXII. Oktober“ 1971 vertreten und sich einen Namen als unerbittlicher Verfolger der radikalen Linken gemacht. Die BR sahen in ihm den rechten Arm des christdemokratischen Innenministers Taviani, der ebenfalls aus Genua kam und dem Putschpläne nachgesagt wurden.

Am Abend des 18. April 1974 wurde Mario Sossi von einem Kommando der BR entführt. Die BR formulierten ein Maximalprogramm, das die Freilassung der Genossen des XXII. Oktober oder die Tötung Sossis als einzige Handlungsmöglichkeiten vorsah. Grundlage für diese Entscheidung war die feste Überzeugung, daß Sossi nicht mit den Entführern „kollaborieren“ würde und ein Propagandaerfolg bei dieser Entführung nicht zu erzielen sei. Doch Sossi berichtete offen von seiner Arbeit, benannte den Generalstaatsanwalt Francesco Coco als den politisch Verantwortlichen für die Arbeit der Anklagebehörde und verriet brisante Informationen über die Genueser politische Polizei.

Auch ein Austausch schien zunächst möglich: Ein Mittelsmann der kubanischen Botschaft sagte die Aufnahme der Gefangenen zu, und der Appellationsgerichtshof stimmte der Freilassung zu. Doch dann fechtete Coco den Beschluß an und der PCI bewegte Kuba dazu, seine Zusage wieder zurückzunehmen. In dieser Situation der politisch- militärischen Niederlage versuchten die BR mit der Freilassung Sossis einen propagandistischen Sieg zu erzielen. FRANCESCHINI räumt aber auch ein, daß die Frage nach der Hinrichtung der Geisel nie ausdiskutiert worden war und daß es auch keiner fertiggebracht hätte, ihn zu töten.[29]

Kurz nach der Freilassung Sossis kam es zu den ersten Toten durch die Roten Brigaden, als bei der Durchsuchung des MSI- Büros in Padua zwei Faschisten getötet wurden. Die Tötungen wurden als „incidente sul lavoro“ (Betriebsunfall) bezeichnet, weil sie nicht beabsichtigt sondern aus einem organisatorischen Fehler heraus erfolgten.

Das erste geplante Todesopfer der BR war der Genueser Generalstaatsanwalt Francesco Coco, der für sein Verhalten während der Sossi- Entführung bestraft werden sollte. Es war die erste Aktion, mit der die BR keinen erzieherischen Zweck verfolgten sondern Rache übten. Auch MORETTI gesteht ein, daß die Selbstbezogenheit der BR mit der Erschießung Cocos am 8. Juni 1976 begann. Die Bewegung oder ihre Teile, die die BR bis dahin getragen hatten, waren bei dieser Aktion völlig außen vor. MORETTI weiter: „Von da ab war die einzige Bestätigung unserer Linie die Fähigkeit, sie umzusetzen, uns zu reproduzieren und zu überdauern.“[30]

Die Zeit nach der Ausschaltung des Historischen Kerns der BR durch Verhaftung oder Tod ist gekennzeichnet durch eine zunehmende Enthemmung in der Gewaltanwendung. Die charakteristische Aktionsform ist das sogenannte „gambizzare“, d.h. der gezielte Beinschuß zur Einschüchterung von Vertretern des Repressionsapparates, der politischen Elite und Journalisten. Dieses ist der qualitative Sprung von der bewaffneten Propaganda, für die die Bewaffnung nur ein Symbol militanter Gegenmacht war, hin zum funktionellen Gebrauch der Waffe, der charakteristisch für diese zweite Phase in der Geschichte der BR ist.[31]

 

3. Strategie der Vernichtung

Das Jahr 1977 ist in Italien geprägt von einem Klima der Gewalt, das aber nicht nur von den BR ausging sondern auch von der Autonomia. Zwischen beiden bestand ein tiefes Unverständnis über die Inhalte des anderen. Dennoch nutzten die BR die Frustration vieler Jugendlicher zur Rekrutierung ihrer von der polizeilichen Repression stark gelichteten Reihen und bereiteten logistisch die Frühjahrsoffensive 1978 vor.

Kernstück der Offensive war zweifellos die Entführung des DC- Vorsitzenden Aldo Moro am 16. März 1978 in der Via Fani in Rom. Die BR töteten die Eskorte Moros und schafften ihn unverletzt in das „Volksgefängnis“ in der Via Montalcini, wo er die 55 Tage seiner Gefangenschaft verbrachte, ehe er am 9. Mai 1978 erschossen in einem in der Via Caetani abgestellten Renault 4 aufgefunden wurde.

Am 5. Mai war das letzte Kommuniqué zugestellt worden: „Wir beenden deshalb den am 16. März begonnenen Kampf, indem wir das gegen Moro verhängte Urteil vollstrecken.“[32]

Die Moro- Entführung war eingebettet in die Frühjahrskampagne, die zwischen dem 10. und 31. Januar 1978 mit Beinschüssen gegen Vertreter des ökonomischen Bereichs startete. Ab Februar wurden dann Vertreter des Justizapparates angegriffen, um eine Wiederaufnahme des Turiner Prozesses gegen die Brigate Rosse zu verhindern. Auch während der Entführung führten die einzelnen Kolonnen verschiedene kleinere Aktionen durch, die natürlich von der Bedeutung Moros überlagert wurden, die aber die operativen Fähigkeiten und die militärische Stärke der BR unter Beweis stellten. Mit dem Ende der Operation Moro wurde allerdings die Unfähigkeit der Roten Brigaden deutlich, diese militärische, organisatorische Stärke in politische Stärke umzuwandeln.

 

D: Zur Strategie des bewaffneten Kampfes

1. Sprengstoffanschläge

Ein grundsätzlicher Unterschied in der Gewaltanwendung durch die beiden Gruppen manifestiert sich im Verhältnis zur Verwendung von Sprengstoffen. Christian SEMLER betont in seinem Kommentar zum Sprengstoffanschlag in Düsseldorf vom Juli 2000[33] den Unterschied zwischen politisch motivierten Attentaten von Rechts- und Linksextremisten. Dieser liege darin, daß linke Anschläge sich gegen Vertreter des herrschenden Regimes richteten, während rechte Anschläge in erster Linie dazu dienten, ein Klima der Angst zu erzeugen, indem diese wahllos eingesetzt würden und somit beliebige Opfer treffen könnten. Dazu seien zweifellos Sprengstoffanschläge besser geeignet als andere Formen, da sich Sprengstoff nicht genau dosieren lasse und somit immer die Gefahr bestehe, daß auch Unbeteiligte getroffen werden. Durch dieses Klima der Angst würden Menschen dazu gebracht, einen Teil ihrer Freiheitsrechte im Tausch für größere Sicherheit aufzugeben.

Diesen Sinn erfüllte zweifellos auch die „Strategie der Spannung“ in Italien. Die Abneigungen gegen Sprengstoffattentate bei den Brigate Rosse erklärt sich somit auch durch die Konfrontation mit faschistischen Anschlägen Ende der 60‘er Jahre. Tatsächlich haben sie auch nie Sprengstoffattentate durchgeführt.

Auch wenn die RAF in Deutschland nicht unmittelbar mit rechtem Bombenterror konfrontiert wurde, hätte es nur einer geringen theoretischen Übersetzungsleistung bedurft, um sich die Unkontrollierbarkeit solcher Anschläge vor Augen zu führen.

 

Exkurs: Propaganda der Tat

Die Strategie, die Bevölkerung mittels Bombenattentaten zu agitieren, hat einen historischen Vorläufer: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde dieses Mittel von russischen Studenten, die durch Schriften des Anarchisten Michail Bakunin beeinflußt wurden, angewandt, um die Bauern zu einer Revolution gegen die diktatorisch herrschende Zarenfamilie zu bewegen. Es handelt sich im übrigen um eine gerade mal ca. 20 Jahre umfassende Periode in der langen Geschichte des Anarchismus, die von libertären Idealen und dem Gedanken der Gewaltfreiheit geprägt ist. Diese Methode, die schon in Rußland nicht sonderlich erfolgreich im Sinne eines erfolgreichen Umsturzes war, hatte aber für die diktatorisch- feudale russische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, in der es anders nicht möglich war, Meinungen zu äußern, zumindest einige moralische Berechtigung; für die sozialliberale Bundesrepublik der 70‘er Jahre, in der es – trotz Springer – noch Möglichkeiten gab, abweichende Meinungen zu äußern, verlieren Bombenattentate nicht nur ihre moralische Berechtigung sondern auch ihren strategischen Sinn, denn im Bewußtsein der Massen lösten sie die absehbare Reaktion der entsetzten Abwendung von der RAF aus.

 

2. Entführung

Entführungen als Mittel des bewaffneten Kampfes können verschiedenen Zwecken dienen: Erstens können sie zur Finanzierung der Gruppe durch Erpressung eines Lösegelds dienen[34], zweitens kann ein „Gefangenenaustausch“ angestrebt werden und drittens kann die Entführung eine Propagandawirkung entfalten.

 

 

 

2.1. Entführung zum Zweck der Propaganda

Nur der letzte Zweck ist  unabhängig von der Reaktion der Gegenseite. Repräsentanten des bekämpften Systems werden entführt, eine gewisse Zeit festgehalten und dann in freier Entscheidung der Entführer unbeschadet wieder freigelassen. Während der Entführung bekommt die Gruppe durch die Aktion eine Aufmerksamkeit, die sie mit einem Flugblatt nie erreichen könnte. Die Guerilla bestimmt den Ablauf und erwirbt Sympathien durch das unblutige Ende der Aktion. Durch den Verzicht auf Forderungen, die an Drohungen gegen die körperliche Unversehrtheit gebunden sein müßten, gerät die Gruppe nicht in eine unkontrollierbare, weil von der Reaktion der Gegenseite abhängige Gewaltspirale. Da diese Aktionsform neben einem möglichen Informationsgewinn in erster Linie Propagandawirkung entfaltet, ist der Adressat das unbeteiligte Publikum, das es von der Richtigkeit eines revolutionären Umsturzes zu überzeugen gilt.

Es ist bezeichnend, daß die RAF solche Aktionen nie durchgeführt haben. Ihre Aktionen basierten auf der militärischen Wirksamkeit und nicht auf der Popularität, die sie mit ihnen in der Bevölkerung hätten erreichen können. Für die RAF war es bis 1972 wichtig, daß ihre Aktionen eine unmittelbare Wirkung erzielten, wie die Zerstörung eines Computers, mit dessen Hilfe Bombenangriffe auf Vietnam koordiniert wurden.

Die Brigate Rosse nutzten die Möglichkeiten, die die Entführungen für die bewaffnete Propaganda brachten. Bei der Auswahl der Opfer wurde stets berücksichtigt, wer sich bei den Arbeitern besonders unbeliebt gemacht hatte. So waren zunächst nur Funktionäre der mittleren Ebene unter den Entführten; das erhöhte die Identifikationsmöglichkeit für die Arbeiter, denn es handelte sich um direkte Vorgesetzte, denen stellvertretend der „Prozeß“ gemacht wurde.

 

2.2. Entführungen zum Zweck des Gefangenenaustauschs

Bei solchen Entführungen geraten eine Reihe von Interessen in Konflikt miteinander, da erstens Forderungen gestellt und diese zweitens an den Staat oder die Regierung gerichtet werden. Eine ganze Reihe von Faktoren entscheiden über die Möglichkeit der Erfüllung von Forderungen. Obwohl sich die Entführungen von Schleyer und Moro aufgrund vieler Ähnlichkeiten für einen Vergleich anbieten, haben sie einen entscheidenden Nachteil: Beide Entführungen verliefen für die Entführer nicht erfolgreich im Sinne eines geglückten Gefangenenaustausches. Der einzig erfolgreiche Austausch gelang der Bewegung 2. Juni mit der Lorenz- Entführung in Berlin 1975. Deshalb soll der Ablauf dieser Aktion als idealtypischer Fall angenommen werden, an dem die Entführungen von Schleyer und Moro in Hinblick auf strategisch wichtige Aspekte miteinander verglichen werden. Da der Prozeß der Isolation von RAF und BR in dieser Arbeit als mit diesen Entführungen abgeschlossen angenommen wird, sollen diese Aktionen etwas gründlicher untersucht werden.

2.2.1. Auswahl des Opfers

Eine entscheidende Bedeutung kommt der Auswahl des Opfers zu. Es muß in einem Verhältnis zur Regierung stehen, das ihr die Ablehnung eines Austausches erschwert, sei es, weil es für die Regierungsarbeit besonders wichtig ist oder weil das Verhältnis zum Opfer so gespannt ist, daß die Regierung es schwerlich „opfern“ könnte, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, sich eines unliebsamen Konkurrenten auf diese Weise entledigt zu haben. Da die Entscheidungsträger Politiker sind, kann es vorteilhaft sein, einen Politiker auszuwählen, um die Betroffenheit zu verallgemeinern. Politiker, die selbst betroffen sein könnten, sollten ein Interesse haben, die Ablehnungsfront nicht zu fest zu betonieren. Für die Anhänger der Entführer muß das Opfer mit dem abgelehnten System in Verbindung gebracht werden können, um einen Mobilisierungseffekt zu erzielen.

Die Bewegung 2. Juni wählte den Spitzenkandidaten der CDU für die wenige Tage später stattfindenden Senatswahlen, Peter Lorenz, aus, weil sie sich sicher waren, daß die SPD- geführten Regierungen in Berlin und Bund es sich nicht erlauben könnten, kurz vor der Wahl den Konkurrenten „über die Klinge springen zu lassen“. Zudem hatte Lorenz mit seinem Slogan „Mehr Tatkraft schafft mehr Sicherheit“ das Thema innere Sicherheit in den Wahlkampf eingebracht und war insofern als Feindbild für die nach dem Drenckmann- Attentat[35] repressionsgeschwächte Berliner Linke ideal.

Die RAF wählte mit Schleyer den führenden Wirtschaftsmanager aus. Schleyer war Präsident des Arbeitgeberverbandes und hatte sich schon 1963 unter Arbeitern einen sehr zweifelhaften Ruf erarbeitet, als er als Präsident der Württembergisch- Badischen Metallindustriellen einen Streik der IG Metall mit der Aussperrung von 300.000 Arbeitern konterte. PETERS‘ kurzer biographischer Abriß, der Schleyer als einen „richtig liebenswürdigen Menschen“ darstellt, weist zudem eine peinlich auffällige Lücke in den Jahren der NS- Herrschaft auf.[36]

Die Roten Brigaden griffen mit Aldo Moro die staatstragende Regierungspartei Democrazia Cristiana an, deren Vorsitzender Moro war. Moro war geschickter politischer Stratege, wußte wie kein Zweiter den Ausgleich zwischen den auseinanderdriftenden Flügeln der DC zu organisieren und war Baumeister des Mitte- Links- Bündnisses mit den Sozialisten Anfang der 60‘er, dem er auch als Ministerpräsident vorstand, sowie des Historischen Kompromisses mit den Kommunisten in den 70‘er Jahren. Dabei ging es ihm nicht darum, die Linken an der Regierung zu beteiligen sondern um stabile Mehrheitsverhältnissen zur Sicherung der Macht. Am Tag seiner Entführung, dem 16. März 1978, wurde gerade die vom PCI mitgetragene Regierung Andreotti vereidigt. Wenn man bedenkt, daß der bewaffnete Kampf maßgeblich durch den Weg des PCI in die gesellschaftliche Mitte, sprich zur Regierungsfähigkeit, und seinen Abschied von der Revolution entstanden ist, so ist erklärbar, daß sich die BR gegen denjenigen stellten, der dieses Bündnis auf Seiten der DC ausgehandelt hatte, denn ein Angriff gegen einen PCI- Funktionär war trotz allem noch nicht denkbar. Zudem stand die DC durch ständige Skandale und arbeiterfeindliche Politik eh im Mittelpunkt der Kritik der außerparlamentarischen Linken.

Der RAF ging es bei der Auswahl also um die Wahrscheinlichkeit eines Austausches, weniger um die Kontinuität zum Dritten Reich, die Schleyer als ehemaliger SS- Offizier im Protektorat Böhmen- Mähren hätte repräsentieren können. Die BR dagegen legten zuviel Wert auf die Symbolik des Angriffs auf das Herz des Staates und berücksichtigen nicht die Unterschiede zwischen den Führungsfiguren der DC. Sie übersehen die Gefahr, zum Komplizen der Hardliner in der DC zu werden, denen sie mit der Beseitigung Moros womöglich einen Gefallen tun.

2.2.2. Die „Festnahme“ des Opfers

Die Motivation für eine Regierung, Häftlinge im Austausch für eine entführte Geisel freizulassen, kann nur darin liegen, Leben zu retten. Deshalb ist es von esssentieller Bedeutung, daß im Verlauf einer Entführung von den Entführern sowenig Gewalt wie möglich ausgeübt wird.

Die Bewegung 2. Juni hatte das Glück, daß Peter Lorenz nicht schwer bewacht wurde, so daß nur der Fahrer vorrübergehend ausgeschaltet werden mußte. Ein wohldosierter Gewalteinsatz, bei dem nicht das Leben Beteiligter oder Unbeteiligter gefährdet wird, ist eher geeignet, die öffentliche Meinung dahingehend zu beeinflussen, daß ein Austausch in Betracht gezogen wird.

Beide Gruppen, BR wie RAF, haben durch die kaltblütige Tötung der Eskorte, bei der es schon an ein Wunder grenzte, daß das Opfer unversehrt aus dem durchsiebten Wagen geholt werden konnte, gegen diese Regel verstoßen. Wenn schon fünf bzw. vier Menschen getötet wurden, bevor es zu Verhandlungen kommt, ist für die Regierung das mögliche Motiv, Menschenleben durch einen Austausch zu retten, schon schwer beschädigt, denn mit Mördern verhandelt man nicht. „Wenn man beim Tod angelangt ist, ist es das Ende jeder Vermittlung“ stellt MORETTI in Bezug auf die Tötung Cocos sehr richtig fest.[37] In den Entführungsfällen steht man vor dem schizophrenen Phänomen, daß das Leben des angegriffenen „Klassenfeindes“ höher eingeschätzt wird, als das der einfachen Sicherheitsbeamten, die zwar theoretisch nur in ihrer Funktion angegriffen werden sollen, aber praktisch tot auf der Straße liegen bleiben.

Damit stoßen wir an eine erste Grenze: Entführungen, die nicht mit einem Minimum an Gewalteinsatz durchgeführt werden können, sind in ihrer strategischen Funktion zum Scheitern verurteilt.

2.2.3. Forderungen

Soll der Regierung ein Einlenken zum Austausch von Gefangenen ermöglicht werden, so sind Anzahl und Stellung der zu befreienden Gefangenen zu bedenken.

Der Bewegung 2. Juni war klar, daß es völlig aussichtslos wäre, die Freilassung von verurteilten Mördern zu verlangen. Die deutsche Strafprozeßordnung sieht die Möglichkeit des Verzichts auf Strafverfolgung bei minderschweren  Delikten wie z. B. der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vor, wenn dadurch ein schwerer Schaden für die Bundesrepublik Deutschland abgewendet werden kann. Auch wenn der SPIEGEL zurecht darauf hinweist, daß zwischen Strafverfolgung und Strafvollstreckung unterschieden werden müsse, wird ebenfalls darauf hingewiesen, daß der Schutz menschlichen Lebens in der Werteskala bundesdeutscher Grundrechte an höchster Stelle steht und von daher durchaus Vorrang vor dem Anspruch auf Strafvollstreckung haben könne.[38]

Auch die italienische Verfassung sieht die Möglichkeit des Strafnachlasses, der Amnestie oder der Begnadigung im § 79 vor. Diese Maßnahmen „werden durch Gründe der Zweckmäßigkeit gerechtfertigt, die von den Kammern und vom Präsidenten der Republik frei bewertet werden“.[39]

   Die RAF forderte in ihrem Brief vom 7. September 1977 die Freilassung von insgesamt 11 Mitgliedern von Stadtguerilla- Gruppen. Davon waren außer Sonnenberg, der des vierfachen versuchten Mordes angeklagt war, alle bereits zu langjährigen Haftstrafen verurteilt; sechs von ihnen gar zu lebenslanger Haft, alle wegen schwerer Gewalttaten.

Die Roten Brigaden stellten dagegen zunächst keine konkrete Forderung nach Freilassung von Häftlingen. Dadurch wurde der Regierung Spielraum gelassen und Verhandlungsbereitschaft signalisiert. Zudem sollte an der Frage des Umgangs mit den BR die Spaltung der politischen Klasse betrieben werden. Hätte die Regierung die Freilassung irgendeines Häftlings angeboten und zugleich anerkannt, daß es ein Problem der politischen Häftlinge in Italien gibt, so wären die BR damit schon zufrieden gewesen.[40] Eine konkrete Forderung fand sich erst in dem Kommunique Nr. 8 vom 24. April 1978: Dort wurde die Freilassung von 13 politischen Gefangenen[41] verlangt, verbunden mit dem Hinweis, all jene, die sich in der letzten Zeit mit humanitären Appellen hervorgetan hätten, sollten sich nun für die Freilassung dieser 13 Häftlinge einsetzen, denn die Haft in den Sondergefängnissen sei nichts anderes als langsames Sterben.[42] MORETTI gesteht aber ein, daß diese Forderung schon nicht mehr in der Hoffnung auf eine Verhandlungslösung gestellt wurde und deshalb so maßlos ausgefallen ist.[43]

Zusammenfassend ist zu sagen, daß die schnelle Forderung nach Freilassung von 11 namentlich benannten, zu langjährigen Haftstrafen verurteilten Gefangenen durch die RAF die Möglichkeit  einer Verhandlungslösung stark einschränkten. Die Roten Brigaden blockierten den politischen Diskurs nicht durch Forderungen, zu der sich die Öffentlichkeit hätte positionieren müssen. In der Tat erreichten die BR eine Diskussion z. B. über die Frage der politischen Gefangenen[44], die im Feilschen um technische Details eines Austausches untergegangen wäre.

2.2.4. Die Rolle des Opfers während der Entführung

Eines haben alle Entführten sicherlich gemeinsam: Sie wollen unversehrt wieder freigelassen werden. Dies führt dazu, daß sie mehr oder weniger offen mit ihren Entführern kollaborieren (sogenanntes Stockholm- Syndrom). Für die Entführer bieten sich dadurch Chancen, das Opfer in zweifacher Hinsicht zu instrumentalisieren. Zum einen kann der Entführte sich in Appellen an politische Freunde oder die Öffentlichkeit wenden, um sich für einen Austausch einzusetzen. Zum anderen kann damit gedroht werden, daß der Entführte sensible Informationen preisgebe, wenn es nicht bald zu einem Austausch käme.

Aldo Moro schrieb während der 55 Tage im Volksgefängnis 39 Briefe an seine Familie, an alle Träger hoher politischer Ämter, wie Andreotti, Zaccagnini, Fanfani, Leone oder Craxi und schließlich sogar an den Papst Paul VI. Wenn man sich nur die Quantität der Äußerungen ansieht (39 Briefe Moros, 9 Kommuniques der BR), bekommt man einen Eindruck in welchem Maße die BR ihrem Gefangenen die Verhandlungen überließen, auch weil sie wußten, daß Moro, der sich 30 Jahre lang im Dunstkreis der Macht aufgehalten hatte, natürlich besser wußte, wie er mit den Entscheidungsträgern umzugehen hatte. Der Schriftsteller Leonardo SCIASCIA hat als Mitglied im Moro- Untersuchungsausschuß der Schlacht Moros gegen seine „Freunde“ ein ganzes Buch gewidmet, in dem er beschreibt, wie Moro verzweifelt versucht, sie von der Linie der „fermezza“ abzubringen, weil der blinde Respekt vor der Staatsräson die Wiedereinführung der Todesstrafe bedeute.[45] Er versucht argumentativ die Vorzüge einer Verhandlungslösung zu verdeutlichen, er benutzt taktische Schachzüge wie die Einberufung eines Parteitages, wozu er als Präsident der DC befugt wäre, er droht mit Enthüllungen, und er verwickelt den strenggläubigen Katholiken Zaccagnini in moralische Gewissenskonflikte.

Bei Hanns- Martin Schleyer ist die Bereitschaft, mit den Entführern zur Rettung seines Lebens zusammenzuarbeiten, offenkundig geringer. Sowohl vom Umfang noch von der emotionalen Intensität her verhält er sich sachlich reserviert. Daß dieser Eindruck nicht alleine Produkt fehlender Bereitschaft ist sondern auch durch die allgemeine Propaganda beeinflußt wurde, soll im nächsten Abschnitt dargelegt werden.

2.2.5. Die Transparenz der Aktion

Wenn durch eine Entführung „politische Gefangene“ freigepreßt werden sollen, nehmen die Entführer politische Motive für sich in Anspruch. Die Entführer werden deshalb versuchen, die Aktion auch propagandistisch auszunutzen. Hierfür ist die absolute Transparenz der Ereignisse erforderlich.

Den Idealfall stellt wieder die Lorenz- Entführung dar. Der 2. Juni beharrte darauf, daß alle Verhandlungen über das Fernsehen laufen müßten. Von der Verlesung der Erklärungen des Kommandos, über die bizarre Begründung Horst Mahlers, warum er nicht ausgeflogen werden wolle, bis zum Abflug der befreiten Genossen waren alle Verhandlungsetappen für die Bevölkerung sichtbar und nachvollziehbar. Daneben baute die Bewegung 2. Juni über ein breites Unterstützernetz eine bescheidene Gegenöffentlichkeit in Form von Flugschriften auf, die immerhin in den Berliner Arbeiterbezirken großflächig verteilt wurden. In der abschließenden Flugschrift „Die Entführung aus unserer Sicht“ enthüllt die Bewegung 2. Juni auch Details z. B. der geplanten, aber vor der Wahl natürlich nicht bekannt gemachten Fahrpreiserhöhung bei der BVG, die sich aus Befragungen und Durchsuchung der Aktentasche von Lorenz ergeben hatten.

Nichts ist für eine um Anerkennung ringende Stadtguerillagruppe unvorteilhafter, als die Verhandlungen unter den Bedingungen einer Nachrichtensperre über einen Vermittler führen zu müssen. Im Fall der Schleyer- Entführung gelang es der RAF nicht, Öffentlichkeit über die (Schein-) Verhandlungen mit dem Schweizer Vermittler Payot herzustellen, so daß der Eindruck entstehen konnte, es handle sich um eine „Privatangelegenheit“ zwischen RAF und Bundesregierung.

Die Betrachtungen zur Strategie der Entführung zwecks Gefangenenaustauschs zeigen deutlich, daß die RAF auch den engen Handlungsspielraum, den sie als Akteur hätte haben können, nicht genutzt hat und deshalb im Herbst 1977 vor dem Scherbenhaufen ihres gescheiterten Stadtguerilla- Projektes stand. Gescheitert, weil die Bevölkerung propagandistisch aus der Illegalität heraus nicht für den Kampf zu gewinnen war und weil die „Erfolge“, die in einem rein militärischen Schlagabtausch zu erzielen waren, lediglich in der Exekution von verschiedenen austauschbaren Funktionsträgern bestehen konnten.

Die BR legten in den engen Grenzen einer klandestinen Gruppe großen Wert auf Transparenz der Verhandlungen, die allerdings nur von BR- Seite geführt wurden, denn die Regierung legte sich schon am Tag nach der Entführung auf seine Linie der „fermezza“ fest und wich, abgesehen von wenigen Ausnahmen, nicht von ihr ab. Die BR veröffentlichten die meisten Briefe Moros und die eigenen Kommuniques nicht nur über die Presse sondern auch über das eigene Unterstützernetz in allen Städten, in denen die BR präsent waren. So demonstrierten sie operative Stärke und verliehen ihren Verlautbarungen Authentizität. Als z. B. in dem gefälschten Kommunique Nr. 7 vom 18. April der „Selbstmord“ Moros –„weil Selbstmord nicht das Privileg der Stammheimer Gefangenen bleiben dürfe“- und die Versenkung der Leiche im Lago della Duchesa bekanntgegeben wurde[46], glich weder die Art der Verbreitung noch der Stil den Kommuniques der BR.

 

E: Zusammenfassung zur Praxis der Rote Armee Fraktion und der Brigate Rosse

Die quantitativen Daten haben den Versuch von RAF und BR verdeutlicht, die theoretisch erarbeiteten Strategien in der Praxis umzusetzen. Die Auswahl der Zielscheiben ist mit der jeweiligen Theorie vereinbar.

Die erste Generation der RAF setzte ihre antiimperialistische Strategie mit den Anschlägen gegen US- Einrichtungen konsequent um. Es ging ihnen hierbei weniger um den propagandistischen Effekt als um die militärische Wirkung; insofern ist die Wahl der Aktionsform Sprengstoffanschlag konsequent, der die breiten Massen zwar eher abschreckte, aber eine große Zerstörungswirkung entfaltete. Mit der 72‘er- Offensive zielte die RAF eher auf die Aufklärung als auf die Agitation der Bevölkerung, bewegte sich aber durchaus noch in einem politischen Raum.

Mit der Verhaftung quasi der gesamten Gruppe und der Veröffentlichung der Schrift „Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes“ rückte die Gefangenenfrage bei der RAF viel stärker in den Vordergrund als bei den BR. Wir werden im nächsten Kapitel noch sehen, daß die jeweilige staatliche Reaktion auf den bewaffneten Kampf daran einen entscheidenden Anteil hatte. Jedenfalls war die Praxis der zweiten Generation geprägt von „autistischen“ Aktionen, deren einziger Zweck die Gefangenenbefreiung war. Keine der Aktionen der Guerilla seit Ende 1972 bis zum Ende des Deutschen Herbstes hatte eine Mobilisierungswirkung entfalten können, die geeignet gewesen wäre, den Kampf auf eine breitere Grundlage zu stellen. Bezeichnend ist, daß die RAF Unterstützung nur noch durch ihre gewaltlosen Hungerstreiks und wegen ihrer Sonderbehandlung durch die staatlichen Behörden erhielt.

Die Praxis der Brigate Rosse war anders als die der RAF Ausdruck eines sozialen Konfliktes in Italien. Bis 1974 waren die BR lediglich bewaffneter Ausdruck einer militanten Bewegung, die in den großen Fabriken Norditaliens fest verankert war. Die Aktionen wurden auf niedrigem Eskalationsniveau durchgeführt und waren dadurch anschaulich und prinzipiell nachahmbar. Der Erfolg der Aktion hing noch nicht von der Reaktion der Gegenseite ab. Diese Phase der bewaffneten Propaganda, die charakterisiert ist durch die Verankerung in einem sozialen Milieu, endete wie bei der RAF, aber nicht so abrupt, mit der Hinwendung zur Gefangenenfrage.

Ging es bei der Sossi- Entführung noch um Gefangene einer anderen Organisation, so erklärte sich die zunehmende Gewaltenthemmung auch mit der Existenz und den Bedingungen von politischen Gefangenen. In dieser Phase dominierten Angriffe auf Vertreter des Repressionsapparates und der funktionale Gebrauch der Waffe, der nicht mehr- oder zumindest nur unzureichend- der Vermittlung der (neuen) Theorie diente sondern nur noch der Rache. Das Unverständnis über die Machtverhältnisse in der DC trieb die BR schließlich zur Moro- Entführung, die – obwohl insgesamt „politischer“ angelegt - mit einer ähnlichen politischen Niederlage endete wie die Schleyer- Entführung für die RAF.

Offenbar scheint die Selbstisolation in den Aktionen der BR und der RAF von den Reaktionen der staatlichen Instanzen beeinflußt zu sein, denen ich mich deshalb im folgenden Kapitel zuwende. Statt gerade im Moment der staatlichen Repression den Schutz von Teilen der Bevölkerung durch eine Verdeutlichung der politischen Botschaften zu suchen, ließen sich RAF und BR auf einen rein militärischen „Privatkrieg“ ein.

Im ersten Kapitel  war die Frage nach den Kommunikationskanälen zwischen Guerilla und Basis aufgeworfen worden. Für Gruppen, die aus der Illegalität heraus agieren, ist die Möglichkeit zur Kommunikation fast nur durch die Aktion gegeben. In der Aktion müssen deshalb die Bedürfnisse der potentiell revolutionären Teile der Bevölkerung aufgenommen und in adäquater Form ausgedrückt werden. Dabei muß die Aktion möglichst einen Bezug zu realen Problemen haben, um mobilisierend zu wirken. Der Unterschied zwischen RAF und BR in der Frühphase besteht nun darin, daß die RAF mit ihren Aktionen lediglich aufklären und belehren, aber nicht zuhören und lernen wollten, während die BR Anregungen aus der (Massen-) Arbeiterbewegung aufnahmen und  exemplarisch umsetzten.

Während die zweite Generation der RAF als „Guerilla- Befreiungs- Guerilla“ jegliche Überzeugungsarbeit aufgab, wurden die BR durch die strukturellen Veränderungen im Bereich der Großindustrie auf eine höhere Ebene der Auseinandersetzung gezwungen, die mit der zunehmend dringenderen Gefangenenfrage zu einer ähnlichen Verengung der Perspektive führte wie bei der RAF.

 

 



[1] Siehe dazu die Einleitung

[2] ROSSI, M., a.a.O., S. 118 ff

[3] ebd.

[4] Tabelle übernommen aus: ROSSI, M., a.a.O., S. 143

[5] ital.: Knieschüsse

[6] RAF: Konzept Stadtguerilla, a.a.O., S. 6

[7] „Natürlich kann geschossen werden“, in: SPIEGEL Nr. 25/ 1970, S. 74/75

[8] Im Stammheim- Prozeß wurde viel Zeit darauf verwendet nachzuweisen, daß der Anschlag in Heidelberg die Koordination von Flächenbombardements in Vietnam verhindert und somit vielen Vietnamesen das Leben gerettet habe.

[9] Schriften zum Klassenkampf Nr. 41  (hg. vom TRIKONT- Verlag), a.a.O., S. 132

[10] BAUMANN, Bommi: Wie alles anfing (2. Auflage), Berlin 1994, S. 100 f

[11] benannt nach dem Festnahmedatum

[12] PETERS, Butz: RAF- Terrorismus in Deutschland; München 1993 (aktualisierte Auflage), S. 193

[13]  Zur Lorenz- Entführung werden weiter unten noch weitere Ausführungen gemacht. Die Bewegung 2. Juni, eine anarchistische Berliner Stadtguerillagruppe, entführte am 27.02.75 den CDU- Spitzenkandidaten Peter Lorenz für die kurz bevorstehenden Senatswahlen und erzwangen einen Austausch des Politikers gegen 5 gefangene Genossen. Horst Mahler, der auch auf der Liste des 2. Juni steht, weigerte sich, sich austauschen zu lassen. Als die Gefangenen ausgeflogen wurden und ein Codewort übermittelten, wurde Lorenz unversehrt wieder freigelassen. Die Möglichkeit dieses einzigen erfolgreichen Gefangenenaustausches basierte auch auf dem sehr dosierten Gewalteinsatz des 2. Juni und der Tatsache, daß niemand der Freigepreßten wegen Mordes angeklagt oder verurteilt war, was die Güterabwägung für die Vertreter des Staates erleichterte.

[14] „Mehrheit für harten Kurs“, in: SPIEGEL Nr. 11/1975, S. 22 f

[15] PETERS, B., a.a.O., S. 220

[16] Bubacks Initialen SB sind der Markenname einer Margarine.

[17] PETERS, B., a.a.O., S. 227 ff

[18] Neben Baader, Ennslin und Raspe die Mitglieder des „Kommandos Holger Meins“ Krabbe, Dellwo und Rößner sowie Verena Becker, die schon gegen Lorenz ausgetauscht worden war und Werner Hoppe, Ingrid Schubert, Irmgard Möller und Günter Sonnenberg, der wegen seiner Schußverletzung haftunfähig und deshalb sofort freizulassen sei.

[19] GOTTSCHLICH, Jürgen: Eine erneute Reproduktion von Mythen der RAF, in: tageszeitung vom 20.05.95, S. 13

[20] CASELLI, G./ DELLA PORTA, D., a.a.O., S. 153 ff

[21] FRANCESCHINI, Alberto: Das Herz des Staates treffen; Wien 1990, S. 35

[22] FRANCESCHINI, A., a.a.O., S. 51

[23] ital.: Beiß zu und flüchte

[24] BERNER, W., a.a.O., S. 80

[25] Gelbe Gewerkschaften sind unternehmerfreundliche, z. T. auch von Unternehmern zur Schwächung der politischen Gewerkschaften selbst gegründete Verbände, die für ihre Kollaboration mit der Unternehmensleitung Vergünstigungen erhalten. Die faschistische CISNAL handelte aber auch ideologisch, denn ihr Ziel war ein korporativer Pakt zwischen Kapitalisten und Arbeitern „zum Wohle des Volkes“.

[26] MORONI, P. / BALESTRINI, N., a.a.O., S. 278

[27] Schriften zum Klassenkampf Nr. 41 hg. vom TRIKONT- Verlag, a.a.O. , S. 47 f

[28] Schriften zum Klassenkampf Nr. 41 hg. vom TRIKONT- Verlag, a.a.O., S. 53

[29] FRANCESCHINI, A., a.a.O., S. 79 ff

[30] MORETTI, M., a.a.O., S. 121

[31] CASELLI, G. / DELLA PORTA, D., a.a.O., S. 180 f

[32] SEIFERT, S.,  a.a.O., S. 104

[33] SEMLER, Christian: Die Logik politischer Attentate, in: die tageszeitung vom 29.07.00, S. 10

[34] Auf solche Entführungen wird hier nicht näher eingegangen, da sie keinen strategischen Zweck erfüllen.

[35] Der Berliner Kammergerichtspräsident Günther von Drenckmann wurde am 10. November 1974 als Reaktion auf den Tod des im Hungerstreik befindlichen RAF- Häftlings Holger Meins von einem Kommando der Bewegung 2. Juni erschossen.

[36] PETERS, B., a.a.O., S. 240

[37] MORETTI, M., a.a.O., S. 121

[38] Lorenz- Entführung: Nur die Generalprobe?, in: Der SPIEGEL Nr. 10/ 1975; S. 26 f

[39] GIANCOLA, Renato (Hg.): Der italienische Staat und seine Verfassungsordnung, Rom 1976, S. 33

[40] MORETTI, M., a.a.O., S. 187

[41] vier von der Gruppe XXII. Ottobre, drei von den NAP und sechs Brigadisten

[42] DONI, Gino: „Mein Blut komme über Euch“- Moro oder die Staatsräson. Eine Dokumentation München 1978, S. 112 ff

[43] Ebd.

[44] Siehe dazu auch Kapitel 5

[45] SCIASCIA, Leonardo: Die Affäre Moro, Frankfurt a. M. 1989, S. 74 f

[46] DONI, G., a.a.O., S. 93