Das folgende Kapitel stellt das Bindeglied zwischen der
theoretischen Begründung des Kampfes und deren praktischer Umsetzung dar. Für
die revolutionäre Umgestaltung braucht es eine revolutionäre Organisation, die
die Massen dazu bewegen soll, sich dem Kampf anzuschließen. In der
Organisationsform selbst scheinen bei den beiden Gruppen Gründe zu liegen, die
die Isolation von der Bevölkerung begünstigen.
A: Grundlegende Merkmale
der Organisationsstruktur
RAF wie Brigate Rosse sind offensive Organisationen, in dem Sinne,
daß sie die Gesellschaftsordnung mit gewaltsamen Mitteln verändern wollen. Ihr
Kampf richtet sich nicht gegen einen äußeren Feind, z. B. eine
Okkupationsmacht, sondern gegen die eigene Regierung.[1]
Somit führt der von den BR reklamierte Anspruch der Fortsetzung der Resistenza-
Tradition in die Irre, denn es handelte sich nicht um Widerstand, der vom
Charakter und der Zielsetzung her defensiv wäre. Auch in Deutschland sollen die
Solidaritätsbekundungen mit dem Widerstand des vietnamesischen Volkes und die
Hinweise auf den angeblich faschistischen Charakter des bundesdeutschen
Gesellschaftssystems den offensiven Charakter der eigenen Organisation überdecken.
Aus dem offensiven Charakter folgt zwangsläufig, daß es sich bei
der RAF und den BR um geschlossene Organisationen handelt. Geschlossen bedeutet
in diesem Fall, daß sie in die Illegalität gehen, daß sie sich aus dem
politischen Wettbewerb ausgeklinkt und nicht mehr die Rekrutierungsmöglichkeiten
haben wie herkömmliche Organisationen. Vielmehr beschränken sich die
Möglichkeiten, neue Mitglieder zu gewinnen auf persönliche Bekanntschaften oder
politische Gruppen mit ähnlichen Zielsetzungen, da nur diese die nötige Zuverlässigkeit
gewährleisten können. Bedingt wird die Entscheidung für die Illegalität durch
den Versuch, sich gegen die zu erwartende oder schon einsetzende Repression des
Polizeiapparates zu schützen, indem Strukturen errichtet werden, die in erster
Linie die Sicherheit der Mitglieder garantieren und vor Infiltration schützen.
Die zwangsläufige Wahl der Illegalität sät permanentes Mißtrauen der Außenwelt
gegenüber und verhindert freie Diskussionen, weil es zur militärischen Logik
geschlossener Gruppen gehört, daß die Sicherheit der Gruppe umso höher ist, je
weniger Mitglieder in die Details ihrer Arbeit eingeweiht sind. OPPENHEIMER
betont, daß die einzige Organisationsform, die aus diesem Mechanismus
ausbricht, die des gewaltlosen Widerstands ist. Der gewaltsame Revolutionskampf
im Untergrund dagegen ist so beschaffen, daß seine Prinzipien einer humanitären
Entwicklung grundsätzlich entgegenstehen.[2]
Deshalb ist der Schritt in den Untergrund als bewußte Abkapselung von dem
Diskurs, aus dem die Gruppe entstanden ist, der erste Schritt zum Scheitern der
Stadtguerilla.
Die RAF ist bewußt nach der Baader- Befreiung in den Untergrund
gegangen, um einen klaren Trennungsstrich zu den politischen Institutionen des
bekämpften Systems zu ziehen. So entstand eine geschlossene Gruppe, die zur
Durchführung von Aktionen Einsatzkommandos durch das gesamte Bundesgebiet
schickte. In fast keinem Fall war die RAF an dem Ort, an dem sie zuschlug,
nennenswert in Teilen der Bevölkerung verankert. Wie abgeschottet und elitär
die Gruppe war, zeigt sich auch daran, daß die Mitglieder, die festgenommen
wurden, sich nicht mehr als Mitglieder der RAF bezeichneten sondern als „Gefangene
aus der RAF“. Damit sollte verdeutlicht werden, daß Teil der RAF nur sei, wer
mit der Waffe in der Hand kämpfe. So widerspricht die RAF dem Organisations-
Konstrukt, das Medien und Staatsanwaltschaft nach der Verhaftung der ersten
Generation über die Ebenen der RAF aufbauten. Diese gingen grob gesagt von folgender
hierarchischer Organisationsstruktur aus:
Gefangene à Kommandoebene à Militantes Umfeld à Sympathisanten
Nach der 72‘er Offensive ging man davon aus, daß die neuformierte
Kommandoebene von den gefangenen Kadern aus den Gefängnissen gesteuert wurde.[3]
Mindestens das strategische Ziel der Gefangenenbefreiung war ja von Ulrike
Meinhof in ihrer Strategieschrift vom November 1972 vorgegeben worden. Die
Kommandoebene reiste quasi als mobiles Einsatzkommando von Ort zu Ort und
führte die Anschläge durch, die teils vom militanten Umfeld, teils von
illegalen Stützpunkten aus, über die die RAF in einigen Städten verfügte,
vorbereitet wurden. Die Sympathisanten schließlich sollten für die Politik der
RAF werben und diese in der Öffentlichkeit vertreten. Jedenfalls ist für die
Zeit nach 1972 eine eindeutige Trennung von Propaganda und Aktion
festzustellen. Die aktive Kommandoebene verbreitete bezeichnenderweise bis 1982
keine politisch- strategischen Überlegungen mehr sondern war nur noch für die
Auswahl und Durchführung der Aktionen zuständig. Die Sympathisanten, aber auch
das militante Umfeld hatten auf die Politik der RAF keinen Einfluß; sie hatten
sich der Entscheidung des elitären Kommandozirkels unterzuordnen. Hieran erkennt
man die schwache Rolle, die die RAF der Basis einräumte. Eine Diskussion ist
innerhalb dieser Struktur unmöglich.
C: Von den
bewaffneten Arbeiterkernen zur „Kämpfenden Kommunistischen Partei“: die Organisation
der BR
Für die Brigate Rosse unterscheiden CASELLI und DELLA PORTA vier Entwicklungsstufen,
die alle durch eine bestimmte Organisationsform charakterisiert sind. In der
Phase der bewaffneten Propaganda (1970- 1973/74) leben die Brigadisten
überwiegend legal. Sie sind zunächst auf Mailand beschränkt, können sich aber
ab 1973 auch bei Fiat in Turin verankern. Erst nach den ersten Verhaftungen
1972 gehen viele Brigadisten in die Klandestinität.[4]
Bis dahin war nahezu kein Brigadist polizeilich gesucht. Sie
gingen ihrer Arbeit nach, waren den Genossen in der Fabrik bekannt und blieben
so den Diskussionen innerhalb der Arbeiterbewegung verbunden. Der geschlossene
Charakter der Organisation ist im Gegensatz zu der RAF in der Anfangsphase noch
nicht so stark ausgeprägt. Dies spiegelt sich auch in der Organisationsstruktur
wider.
|
Organisationseinheit |
Brigade |
Kolonnen in 6 Städten |
Exekutivkomitee |
Strategische Direktion (ab 1975) |
|
|
Bilden städteweise à |
Entsenden Vertreter à |
Bildet à |
àgreift Ideen auf ßgibt Richtlinien |
|
Funktion |
Kontakt zur Basis |
Durchführung von Kampagnen |
Zusammenfassung d. Kolonnen |
Koordination von Kampagnen |
|
Ort |
Fabrik/Stadtteil |
Städteweise |
national |
national |
Die BR nahmen den umgekehrten Weg wie die RAF: Während diese um
die Kommandoebene herum eine Struktur aufbauten, bildeten sich in Italien
einzelne kleine Gruppen in den großen Fabriken und den Arbeiterstadtvierteln
von Mailand und Turin. Diese Brigaden
von 5 bis 10 Personen organisierten sich dann städteweise in Kolonnen, die ihre
Aktionen so besser koordinieren konnten. Mit dem Aufbau der Kolonnen in Turin
und Genua ab 1972 beginnt sich die Struktur langsam zu zentralisieren, da an
der Spitze der Kolonnen die mittlerweile „regulären“[5]
Kräfte standen. Trotzdem garantiert das System der unabhängigen Brigaden eine
breitere Verankerung in der Arbeiterbewegung und läßt über die „irregulären“
(also legalen) Kräfte eine Teilnahme an den politischen Diskursen zu, denn
diese sind der Polizei nicht bekannt und können sich frei bewegen.
Der Unterschied zwischen Sympathisanten der RAF und irregulären
Kräften der BR liegt darin, daß letztere gemäß der Prämisse der Einheit von
militärischer und propagandistischer Aktion viel intensiver in die Aktionen
eingebunden wurden, was dadurch verdeutlicht wird, daß doppelt so viele
Mitglieder der BR an bewaffneten Aktionen teilgenommen haben wie bei der RAF.
ROSSI nimmt an, daß dies zu einer höheren Identifizierung mit der Gruppe führt
und so die Gefahr von Verrätern und Aussteigern vermindert.[6]
Eine weitere Besonderheit der Struktur der Brigate Rosse sind die
sogenannten Fronten, in denen die Mitglieder organisiert sind. Neben der
Unterteilung nach territorialen Gesichtspunkten (s.o.) gab es ab Herbst 1973
noch eine Aufgabenteilung, also eine Unterteilung nach thematischen
Gesichtspunkten. Dabei wurden drei sogenannte Fronten gebildet: die Fabrikfront,
die für den Kontakt zum revolutionären Subjekt zuständig war, die logistische
Front, die das Überleben im Untergrund zu organisieren hatte (Besorgung von
Pässen, Wohnungen, Autos, Waffen, Geld etc.) und die Front der
Konterrevolution, die den Gegner analysieren, also das politische Geschehen
auswerten sollte.[7]
Die Strukturen beider Gruppen wurden zentralisierter und
geschlossener, je höher der Fahndungsdruck wurde. In Deutschland startete die
RAF auf hohem Eskalationsniveau und war entsprechend von Beginn an hohem
Repressionsdruck ausgesetzt, wogegen die BR in der Anfangsphase eher
symbolische Aktionen durchführten und daher in dem allgemein gewalttätigeren
Klima Italiens nicht sofort in das Visier der Strafverfolgungsbehörden gerieten.
Die zweite Phase von 1974 bis 1976 des Angriffs auf das Herz des
Staates ist nach CASELLI/ DELLA PORTA durch den Versuch der nationalen
Ausdehnung charakterisiert. Zudem wird das halboffene Organisationskonzept nach
der Verhaftungswelle gegen den historischen Kern 1974/75 mit der Einrichtung
einer Strategischen Direktion weitgehend zugunsten der Sicherheit der
Mitglieder aufgegeben. MORETTI beschreibt die Funktion der Strategischen
Leitung dagegen nicht als zentrales Kommando sondern als Treffen der einzelnen
Kolonnen, deren Ergebnisse keine Befehle sondern eher Synthese von Erfahrungen
und Bestätigung von bereits umgesetzten Strategien waren.[8]
Die dritte Phase 1977/78 der „Strategie der Vernichtung“ ist
bestimmt durch die endgültige Zentralisierung des Kommandos in der
aufzubauenden „Kämpfenden Kommunistischen Partei“, was sich auch in der immer
schwächeren Rolle der Fronten, die als horizontale Ebene eingerichtet worden
waren, äußert.[9] Die
Struktur, in die in diesen Jahren auch eine große Anzahl neuer Mitglieder eingefügt
werden muß, sichert der Gruppe eine hohe Kontinuität der Aktionen durch von der
Leitung abgestimmte Kampagnen.[10]
Ein weiterer Aspekt der Organisationsstruktur ist das Verhältnis
zu den Medien. Beide Gruppen erkennen zumindest in der Anfangsphase die Relevanz, die eigenen Positionen als
klandestine Gruppe über alternative Medien verbreiten zu können. Während die BR
sich selbst an den Zeitungen „Sinistra Proletaria“ und „Nuova Resistenza“
beteiligten[11], werden die
RAF- Pamphlete über linke Sponti- Zeitungen wie die „Agit 883“ in Berlin
verbreitet. Bei der RAF verhindert der Avantgarde- Anspruch aber eine wirklich
enge Zusammenarbeit.
Interessant sind auch die Daten zur Sozialstruktur der Gruppe,
weil sie einen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Organisationen
verdeutlichen, der auch offensichtliche Rückwirkungen auf Theorie und Praxis
hatte. Während sich für die RAF die These bestätigt, daß Protestbewegungen in
der Regel von der bürgerlichen Mittelschicht getragen werden, weisen die BR
einen ungewöhnlich hohen Anteil von Arbeitern auf. Dieser im Vergleich zu
Deutschland schon doppelt so hohe Anteil wächst noch weiter an, wenn man bedenkt,
daß große Teile der Techniker- Gruppen in den Fabriken zwar formal Angestellte,
von den Arbeitsbedingungen und dem daraus resultierenden Bewußtsein aber eher
den Arbeitern zuzuordnen waren. Gleiches gilt für den Anteil an Studenten, die
zur Finanzierung ihres Lebensunterhaltes ebenfalls sehr oft zur Lohnarbeit gezwungen
waren, so daß für Italien festgestellt werden kann, daß die BR von Arbeitern
getragen, auf jeden Fall aber durch die Erfahrung der Lohnarbeit geprägt
wurden, während die RAF einen sehr viel geringeren Anteil an Arbeitern aufwies,
die dann- anders als in den BR- in der Regel auch keine Führungsaufgaben ausgeführt
haben.[12]
Ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen den beiden Gruppen ist
die Rekrutierung von jugendlichen Militanten aus der Autonomia in Italien. In
Deutschland gab es keine vergleichbare Bewegung in den Jahren 1976/77, woraus
sich Anfang der 80‘er Jahre ein Rekrutierungsproblem ergab. In Italien war das
Problem schwerwiegender: Die Jugendlichen, die keinen Sinn für die
kommunistischen Traditionen der 68‘er Bewegung und der Gründergeneration der BR
hatten, kamen zu den Roten Brigaden, weil sie die einzige Organisation war, die
in der Illegalität überleben konnte. Doch mit der dafür erforderlichen strikten
Disziplin kamen die Jugendlichen nicht zurecht und auch die ethischen Schranken
des in der Arbeiterbewegung wurzelnden
historischen Kerns hatten für sie keine Bedeutung. So war die neue
soziale Zusammensetzung ab 1976 maßgeblich mitverantwortlich für die Gewaltenthemmung,
die im nächsten Kapitel thematisiert wird.
E: Zusammenfassung und Vergleich
Zusammenfassend kann also gesagt werden, daß beide Gruppen aus
Gründen der Sicherheit für ihre Mitglieder eine geschlossene Organisationsform
wählten, wodurch die Rekrutierungschancen eingeschränkt und der Kontakt zur
Bevölkerung unterschiedlich schnell verloren ging. Der Grad der Abschottung
wurde bestimmt von dem Repressionsdruck, dem die Gruppen ausgesetzt waren. Standen die BR zunächst nicht so stark unter
Druck, da sie aufgrund ihrer sozialen Zusammensetzung und ihres basisbezogenen
Organisationskonzeptes in engem Kontakt mit ihrem revolutionären Subjekt, der
Arbeiterklasse standen, gelang es der RAF- Kommandoebene als mobilem
Einsatzkommando dagegen nicht, in sozialen Milieus Wurzeln zu schlagen und
stand folglich unter höherem Verfolgungsdrang. Der höhere Grad der Beteiligung
von Mitgliedern an bewaffneten Aktionen bei den BR schaffte eine größere
Identifikation mit der Organisation und schützt sie in höherem Maße vor Verrätern
als das elitäre Führungskonzept der RAF.
Nach dem Tod der RAF- Gründer in Stammheim verlor die RAF, deren
Aktionen zu einem hohen Anteil aus dem Gefängnis gesteuert wurden, nicht nur
ihr kurzfristiges Ziel sondern auch ihre Führungsgruppe. Ein großer Teil der
RAF verließ zwischen 1980 und 1982 wegen der fehlenden Perspektive das Land und
siedelte in die DDR über.[13]
Die BR sahen sich ab 1978 einem verstärkten Problem der
Heterogenität gegenüber, das durch die Rekrutierung vieler Jugendlicher aus der
Autonomia mit ganz anderen Erfahrungshintergründen entstand und zu Spaltungen
und Verrat führte.
[1] Auch wenn die eigene Regierung vielleicht als Marionetten einer imperialistischen Okkupationsmacht (USA) dargestellt werden, dringt der Kampf weder der RAF noch der BR als Befreiungskampf gegen Besatzer ins Bewußtsein der Massen.
[2] OPPENHEIMER, Martin: Stadtguerilla, Frankfurt a. M./ Berlin 1971, S. 70 ff
[3] Diese These von der „Zellensteuerung“ wurde vom Ex- RAF’ler Karlheinz Dellwo auch indirekt bestätigt, vgl.: IG ROTE FABRIK (Hg.): Zwischenberichte, a.a.O., S. 35
[4] CASELLI, Gian Carlo/ DELLA PORTA,
Donatella: La storia delle Brigate rosse- strutture organizzativa e strategie
d’azione, in: CASELLI, Gian Carlo u.a.: Terrorismi in Italia, Bologna 1984, S.
156 ff
[5] Als Reguläre wurden die illegalen Brigadisten bezeichnet, im Gegensatz zu den irregulären Kräften im legalen Umfeld.
[6] ROSSI, M., a.a.O., S, 130 f
[7] MORETTI, M., a.a.O., S. 81 ff Ab 1978 wurde dazu noch die „Knastfront“ gebildet.
[8] MORETTI, M., a.a.O., S. 107
[9] CASELLI, G./ DELLA PORTA, D., a.a.O., S. 186 f
[10] Auf die 4. Phase nach CASELLI/ DELLA PORTA wird nicht mehr eingegangen, da es sich um die Phase der Fraktionierungen handelt, die aus dem Untersuchungszeitraum dieser Arbeit fällt. Zu den Fraktionierungen sei auf den Epilog verwiesen.
[11] MORONI, P./ BALESTRINI, N., a.a.O., S.
265
[12] ROSSI, M:; a.a.O., S. 127
[13] GAST: Wolfgang: Anklage: Beihilfe zu neuem Leben, in: tageszeitung vom 19.02.97, S. 3