„Niemand wird so mächtig, wie Helmut

Kohl es am Ende seiner Amtszeit gewesen ist,

ohne dass diese Macht auch strukturell im

Interesse von Gruppen und Organisationen

liegt, die ihrerseits innerhalb des Staatswesens

über grossen Einfluss verfügen.“

 

 

1. Einleitung

 

Ohne uns dem inflationären Gebrauch des Wortes „Mafia“, mit dem mittlerweile jede Form von organisierter (vorzugsweise ethnisch organiserter) Kriminalität bezeichnet wird, anschliessen zu wollen, müssen wir doch feststellen, dass „Mafia“ kein Phänomen ist, das auf Italien, genauer: Sizilien beschränkt ist. Dass häufig aneinander vorbeigeredet wird, wenn man von „Mafia“ spricht, liegt an dem doppelten Charakter des Wortes. Zum einen ist es als Bezeichnung für eine kriminelle Bande, nämlich die Cosa Nostra in Sizilien, in den Sprachgebrauch eingegangen. Doch diese Betrachtung ist sehr oberflächlich. Denn was die Cosa Nostra wahrscheinlich von allen anderen als „Mafia“ titulierten Gruppierungen unterscheidet, ist das spezifische sizilianische Milieu mit all seinen informellen Strukturen, das sich im Laufe der letzten 200 Jahre herausgebildet hat und ohne das man das Phänomen „Mafia“ nicht zufriedenstellend erklären kann. „Mafia“ hat also vielmehr mit Einstellung und Mentalität zu tun als mit formalen Gruppenstrukturen.

Für den Kampf gegen die Mafia ergibt sich daraus die Schwierigkeit, dass ein klarer Trennungsstrich zu einer Gruppe von Personen, die zu bekämpfen sind, anders als beim bewaffneten Kampf linker Gruppen in den 70'er Jahren nicht möglich ist. Vielmehr hat sich im Laufe der letzten Jahre gezeigt, dass die mafiosen Aktivitäten von allerhöchsten Stellen gedeckt wurden (und teilweise noch werden).

Nach einer Beschreibung mafioser Mentalitätsmerkmale und einem Bericht über die Beziehungen der Mafia zu Politik, Wirtschaft und Justiz werden wir dann den Focus auf machttheoretische Gesichtspunkte lenken und uns abschliessend der Frage widmen, ob die Mafia ein paralleles Machtsystem zur Staatsmacht darstellt.

 

2. Definitorische Annäherung an den Begriff „Mafia“

 

Viele Autoren, die sich mit dem Phänomen Mafia beschäftigt haben, weisen auf die Vielschichtigkeit des Begriffes hin. Nahezu alle sind sich wohl einig, dass es so etwas wie „die“ Mafia, im Sinne einer klar zu definierenden Gruppe, nicht gibt. Deshalb beschreiben wir zunächst die Mentalität, die delinquentes Gruppenhandeln in Süditalien erst ermöglicht; hierbei werden wir uns auf Peter Müllers Anmerkungen zu Familismus und Clientelismus etc. stützen. Dann werde ich einige in Süditalien agierende Gruppen vorstellen und in Hinblick auf auf ihre Anwendung von Gewalt zu unterscheiden versuchen.

 

2.1. Kurze Sozialgeschichte Süditaliens

Historisch ist der Süden Italiens und insbesondere Sizilien gekennzeichnet von einer weitgehenden Abweseheit staatlicher Gewalt. Der Feudalismus wurde in Sizilien schrittweise bis 1841 abgeschafft, was für die nun formal freien Bauern aber lediglich einen Wechsel des Abhängigkeitsverhältnisses darstellte. Für Ruhe und Ordnung sorgten in Ermangelung staatlicher Instanzen Privatarmeen der Grundbesitzer. Die Zugehörigkeit zu diesen sog. „bravi“ stellte die einzige Möglichkeit des sozialen Aufstiegs dar. Nicht über Reichtum und Bildung konnte der Status verbessert werden, sondern lediglich über die Fähigkeit zur Gewaltausübung. Die Grossgrundbesitzer zogen oft in die Stadt und verpachteten ihr Land an sog. „Gabellotti“,zumeist ehemalige „bravi“, die sich durch besondere Skrupellosigkeit ausgezeichnet hatten. Da diese auf dem Land über die Machtressourcen verfügten, kürzten sie bald die Pachtzahlungen an den formalen Eigentümer oder stellten sie ganz ein.

1837 versuchten die Bourbonen die Kontrolle über die Machtressourcen in Sizilien wiederzugewinnen und schafften die Privatarmeen offiziell ab. Faktisch änderte sich an den Zuständen im Hinterland aber nichts, da die „bravi“ fast komplett in den Hilfspolizeidienst übernommen wurden. Lediglich der Legitimitätsgrad der Machtausübung änderte sich nun. Aus dieser Möglichkeit des sozialen Aufstiegs durch die Fähigkeit zur Gewaltanwendung ergaben sich auch normative Konsequenzen in der sizilianischen Gesellschaft. So erfolgt auch bis heute noch die Zumessung von Ehre über die gewalttätige Problemlösungskompetenz des einzelnen. Als Mafioso wurden Leute bezeichnet, die sich unter Einsatz oder Androhung von Gewalt Respekt verschaffen können, ohne auf die verachtete staatliche Gewalt (das Gesetz) zurückgreifen zu müssen.

So bildeten sich neben den schwachen staatlichen Institutionen eigene Organisationsformen, die die Vorraussetzungen mafioser Macht schufen.

 

2.1.1. Familismus

„Wo nicht Staat und Organisationen Schutz und Sicherheit gewähren“, sei Familismus „eine unvermeidliche Überlebensstrategie“ schreibt Müller mit Blick auf Süditalien. Grundlage des Familismus ist das Handeln zum kurzfristigen materiellen Vorteil der eigenen Kernfamilie, was bedeutet, dass niemand für die Gemeinschaft handelt, wenn es nicht gleichzeitig seinem eigenen Vorteil dient. Auf dieser Grundlage ist natürlich organisiertes Zusammenarbeiten zum Wohle der Gemeinschaft sehr schwierig, insbesondere wenn der rechtliche und administrative Rahmen dafür nicht gegeben ist. Auch Blok beschreibt den Zusammenhang zwischen schwachen staatlichen Institutionen und starken familiären Banden, beschränkt die Familie aber nicht auf Blutsverwandte, sondern beschreibt auch das Verhältnis zwischen Herr und Vasall als eine Art Ersatzverwandtschaft. In manchen Gegenden wurden Vasallen wie Verwandte einheitlich als „Freund“ bezeichnet. Jedenfalls entstanden so informelle Netzwerke, die wir im nächsten Abschnitt näher beleuchten werden.

Bis in die 1980'er Jahre, also eine Zeit, in der auch der Mezzogiorno weitgehend von der gesellschaftlichen Modernisierung erfasst wurde, steht die Familie in Umfragen zur Wertschätzung an erster Stelle, während die politischen Institutionen am Ende der Skala bleiben. Da ist es nur konsequent, dass auch heute noch Probleme, die den subjektiven Bereich überschreiten, mittels Familien- und Freundschaftsbeziehungen gelöst werden, statt sich an die institutionell dafür vorgesehenen Gruppen (z.B. Polizei) zu wenden.

2.1.2. Clientelismus

Eine weitere Form gesellschaftlicher Organisation im Mezzogiorno nach dem Feudalismus war der wesensverwandte Clientelismus. Dieser bezeichnet eine hierarchische Beziehung zwischen einem Patron und seinen Clienten. Der Patron hat die Rolle des Beschützers, des Führers und Vorbilds, sowie des Mittlers inne, während der Client dafür zur Gefolgschaft verpflichtet ist. Durch den asymmetrischen Charakter dieser Beziehung ist der Client dazu verpflichtet, seinem Patron jederzeit zur Verfügung zu stehen. Seine Hauptaufgabe besteht allerdings darin, seinem Patron weitere Clienten zuzuführen, denn das gesellschaftliche Ansehen bemißt sich u.a. nach der Zahl der Clientel- Verhältnisse. Müller bezeichnet den Charakter dieser Bindungen als „instrumentell“, denn für den Clienten bringt sie Protektion, gegebenenfalls ökonomische Verbesserung und insgesamt Existenzsicherung; dem Patron dagegen sichern die Clientelverhältnisse die gesellschaftliche Machtposition, die sich natürlich nicht nur an Prestige und Ehre bemessen lassen, sondern auch wirtschaftliche Vorteile, Zugang zu Informationsquellen etc. mit sich bringen. Dieses System hat sich im Laufe der Zeit derartig weiterentwickelt und verästelt, dass eine „herkömmliche“ Verwaltung einerseits kaum Chancen zur Entfaltung hat, andererseits auch weniger dringend gebraucht wurde.

Die Einführung demokratischer Prinzipien und die Durchführung von Wahlen brachte ein neues Anwendungsfeld clientelistischer Betätigung mit sich.. Durch die Verästelung der clientelistischen Beziehungen gerieten Patrone mit vielen Clienten in die Lage, Wählerstimmen manövrieren zu können. Diese sogenannten „grandi elettori“nutzen ihre Fähigkeit, Kandidaten mit ihren verfügbaren Stimmen in Ämter mit formeller Entscheidungsbefugnis zu wählen, um dann den Machteinsatz des Amtsinhabers zu ihren Gunsten zu bewirken. Dieses Verfahren wird dadurch begünstigt, dass ideologisch bedingte Wählerbindungen im Mezzogiorno quasi nicht existieren, so dass Wahlentscheidung situativ nach Kosten- Nutzen- Abwägung gefällt werden. Hier wird die Komplexität solcher clientelistischen Beziehungen deutlich. Die Zahl der Clienten ist abhängig von der Möglichkeit des Machteinsatzes für die Clientel, d.h. von den verfügbaren Machtressourcen, die sich aber eben erst aus der Zahl der Clienten ergibt. So erwächst aus der sozialen Macht politischer Einfluss. Dieser wird für die Patrons interessanter, seit in den 50'er Jahren Entwicklungshilfe über die sog. Cassa per il Mezzogiorno in den Süden tranferiert wird, auf deren Verteilung nun in oben beschriebener Weise Einfluss genommen wird.

Die Frage, wer in der Beziehung zwischen Mafioso und Amtsträger der Patron und wer der Client ist, ist schwer zu beantworten, da sich die Fähigkeiten zur negativen Sanktionierung in etwa die Waage halten. Zwei unterschiedliche Entwicklungen nach dem zweiten Weltkrieg haben allerdings Einfluss auf dieses Kräfteverhältnis genommen. 1956 trat ein Gesetz zur polizeilichen Wohnortbeschränkung (obbligo di soggiorno) in Kraft, dass eine Sanktion ermöglichte, die schon im Faschismus (und noch früher) angewandt wurde: die Verbannung. Dadurch schien sich das Machtverhältnis zwischen Mafioso und Amtsträger zugunsten des Amtsträgers verändert zu haben. Doch dieses Machtverhältnis kippte wieder, als die Mafia zunehmend exorbitante Gewinne aus illegalen Geschäften, wie dem Drogen- oder Waffenhandel erzielte und somit nicht mehr dringend auf die Hilfe korrupter Amtsträger angewiesen war, um der eigenen Clientel finanzielle Vorteile zu verschaffen.

Blok bezeichnet die Mafiosi in diesem Zusammenhang als „Macht- Makler“, dessen Macht und Kontrolle in der eigenen Sphäre massgeblich abhängt von dem erfolgreichen Umgang mit der übergeordneten Macht. Wenn der Staat seine eigene Administration und seinen Anspruch auf das Gewaltmonopol durchsetzen würden (wie die Faschisten), gäbe es keine Existenzgrundlage für die Mafia.

Der Clientelismus ist eine entscheidende Organisationsform, die die gesamte sizilianische Gesellschaft durchzieht. Jedoch ist nicht jedes clientelistische Verhältnis gleichzeitig auch ein mafioses. Die Grenzlinie verläuft bei der Androhung bzw. Anwendung von Gewalt.

 

 

3. Der Wandel zur „Neuen Mafia“ nach dem 2. Weltkrieg

Das faschistische Regime von 1922- 1943 hatte die Mafia durchaus wirkungsvoll bekämpft, indem es sein Gewaltmonopol durchsetzte, doch nach der Befreiung Italiens durch die Alliierten konnte diese ihre Machtposition schnell wieder aufbauen. Eine Teilschuld daran hatten auch die Alliierten, die beim Aufbau einer nicht- faschistischen und möglichst auch nicht kommunistischen Verwaltung willig auf die alten Patrone zurückgriffen. So wurden Mafiosi z. B. zum Bürgermeister erklärt und somit mit formeller Macht ausgestattet, lange bevor sich der italienische Staat wieder konstituieren konnte.

Mit der Modernisierung der Gesellschaft und der Ökonomie veränderten sich auch der Ehrenkodex, die Anwendung von Gewalt und auch die komplizierten clientelistischen Gesellschaftsbeziehungen modifizierten sich. Dabei sind zwei Faktoren entscheidend für das Abbröckeln der mafiosen Machtbasis. Zum einen bewirkt die Emigration vieler junger Menschen in den Norden oder ins Ausland ein Rekrutieungsproblem; zum anderen wird durch staatliche Intervention in den 50'er und 60'er Jahren die vermittelnde Funktion der Mafia als „Macht- Makler“ obsolet. Diese Entwicklung geht einher mit einer tiefgreifenden Transformation der Werte in der sizilianischen Gesellschaft. An die Stelle der gewalttätigen Fähigkeit zur Durchsetzung eigener Interessen zum Ehrgewinn tritt nun Reichtum und wirtschaftlicher Erfolg. Müller beschreibt diesen Wandel als Lösung der Macht der Mafia von der Gesellschaft ihres Ursprungs, einhergehend mit dem Verlust der Legitimität in der Volksmoral.

Um die eigene Vorherrschaft zu sichern, müssen mafiose Clans nun die Verfügbarkeit über wachsende Mengen an Reichtum und Konsumgütern sichern. Da Massenorganisationen im politisch- gesellschaftlichen Bereich und die Staatsmacht im ordnungspolitischen Bereich immer mehr die ursprünglichen Funktionen der Mafia als Vermittler zwischen lokaler Gesellschaft und Staatsmacht absorbieren, bekommt die Mafia zunehmend den Anschein im Abstieg begriffenen Gangstertums.

Spätestens die blutigen Rivalitäten Anfang der 80'er Jahre und besonders das Attentat auf den beliebten Präfekten Dalla Chiesa 1982, der durch seinen rigorosen Kampf gegen den bewaffneten Kampf linker Gruppen in den 70'er Jahren zum Volkshelden und zum Inbegriff innerer Sicherheit geworden war, beförderten die Ablehnung der Mafia durch weite Bevölkerungsteile. Auf der anderen Seite erkennt Müller aber auch das zweckrationale Kalkül von Menschen, die ökonomisch von der Mafia profitieren. Diese beiden gesellschaftlichen Pole (Pro- Mafia und Anti- Mafia) driften immer weiter auseinander, da der Einstieg in risikoreichere Geschäftszweige zwar einerseits mehr Profite einbringt, andererseits durch die härter werdende Konkurrenz auch mehr Gewalt hervorbringt.

 

4. Unterschiede zwischen Alter und Neuer Mafia

Der generelle Wandel der Wertvorstellungen ist auch an den Mafiosi nicht spurlos vorübergegangen. Der traditionelle Mafioso prahlte nicht mit seinem (im Vergleich auch eher bescheidenen) Reichtum, weil dieser seiner volkstümlichen, auf clientelistischen Austausch gerichteten Seite widersprach. Seine Ehrenhaftigkeit bewies der traditionelle Mafioso durch seine Durchsetzungsfähigkeit und durch die Tatsache, dass er für seinen Lebensunterhalt nicht zu arbeiten brauchte. Er bewegte sich in der lokalen Kultur, der er selbst entstammte. In aller Regel entstammt er selbst der Bauernschicht. Der traditonelle Mafioso machte zunächst eine „illegale Phase“ durch, in der er im Kampf / Wettbewerb mit anderen Mafiosi und mit dem Rechtssystem stand. Hatte er sich aber einmal durchgesetzt, trat er über in die legale Phase, in der sein Ruf hinreichend gefestigt war, so dass er seine Gewaltfähigkeit nicht mehr ständig unter Beweis stellen musste. Den Prototyp des Mafioso alten Typs stellt Don Vito dar, der in wenigen Jahren vom Schafzüchter zum Grundbesitzer wird und der in Konflikt gerät mit Exponenten der neuen Mafia und in dieser Auseinandersetzung schliesslich sein Leben verliert.

Der neue „Unternehmer- Mafioso“ hat sich zwar nicht vollständig aus seinen traditionellen clientelistischen Beziehungen zurückgezogen, jedoch benutzt er sie instrumentell zur Akkumulation von Reichtum, der in der neuen Werteordnung Prestige verleiht. Profit und Macht werden zum „Zweck des Lebens und nicht als Mittel, um die materiellen Bedürfnisse zu befriedigen“. Da die neuen Mafiosi die Schaltstellen der ökonomischen Macht besetzen, ist ihr neuer Lebensstil auch für andere soziale Gruppen, wie z.. B. Universitätsstudenten interessant, zumal Berufe wie Anwalt, Lehrer, Arzt oder Richter im Gegenzug dramatisch an Prestige verloren.

5. Exkurs: Die mafiosen Gruppen in Süditalien

Bevor wir auf die Verbindungen der Mafia zu den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen näher eingehen, möchten wir nun kurz einige wichtige Gruppen vorstellen, um die Begrifflichkeiten ein wenig zu entwirren.

5.1. Cosa Nostra

Die Cosa Nostra ist die Gruppe, die in der Regel gemeint ist, wenn von „Mafia“ gesprochen wird. Ihr Stammland ist Sizilien. Eine detailierte Beschreibung des Innenlebens der Cosa Nostra verdanken wir dem prominenten Aussteiger Thomasso Buscetta, der nach seiner Fesnahme in Brasilien 1984 dem Mafiaermittler Falcone einen exklusiven Einblick in sein 35 Jahre langes Leben in den obersten Rängen der Mafia gewährte. Einfache Mafiosi werden „Ehrenmänner“ genannt, die einer Familie oder Sippe angehören. An deren Spitze steht ein Boss (capo), der einen Unterboss (sotto-capo), sowie einen oder zwei Berater (consiglieri) bestimmt. Die einfachen Ehrenmänner sind in Zehnergruppen mit einem Hauptmann an der Spitze organisiert. Die ca. 30 palermitanischen Sippen sind in zehn Bezirke a 3 Sippen gegliedert, die einen Bezirksführer wählen, der sie in dem höchsten Organ, der cupola (Kommission) vertritt. Die cupola ist das Koordinationsgremium, in dem Streitigkeiten geschlichtet oder wichtige Tötungsbeschlüsse abgestimmt werden. Die cupola wurde nach dem ersten Mafiakrieg Ende der 60'er Jahre eingerichtet. Aufgrund blutiger Auseinandersetzungen um Marktanteile Anfang der 80'er kam es im Zuge des geplanten Einstiegs in das Rauschgiftgeschäft zu einem zweiten Mafiakrieg, den die skrupelloseren Clans aus Corleone für sich entschieden.

5.2. Camorra

Die neapolitanische Camorra hat mit der Cosa Nostra wenig gemein. Im Gegensatz zu jener ist die Camorra eine Untergrundgruppe, „Stadtgangstertum“ mit dem Versuch, in den umliegenden Provinzen und bis ins reichere Apulien Fuss zu fassen. Die Camorra ist nicht so streng familistisch organisiert wie die Cosa Nostra, oftmals werden ihre Mitglieder im Gefängnis von einsitzenden Camorristen angeworben. Betätigungsfeld ist neben den „herkömmlichen“ Geschäftszweigen Schutzgelderpressung, Tabakschmuggel, Rauschgifthandel auch die Prostitution, was sie von der erzkatholischen Cosa Nostra unterscheidet. Insgesamt erwirtschaften ca. 20 000- 25000 Camorristen (davon ca. 7000 zum engen Kreis zählende) ungefähr 10 bis 12 Mrd. DM Umsatz jährlich.

5.3. 'Ndrangheta

Die 'Ndrangheta hat ihr Stammland in Kalabrien und wurzelt im unteritalienischen Brigantentum, was dazu führt, dass zu ihr, im Gegensatz zur Cosa Nostra, auch einfache Banditen und Briganten gehören. Die einzelnen Gruppen und Familien agieren weitgehend autonom in ihrem Gebiet und sind untereinander in der Regel nicht vernetzt. In Aufwind geriet die Ndrangheta durch die staatlichen Zuschüsse für Kalabrien, die großteils in den Taschen der örtlichen Bosse landete, sowie die durch den Fahndungsdruck auf die sizilianischen Clans entstandene Lücke auf dem Drogenmarkt.

 

 

6. Die Geschäfte der „Neuen Mafia“

Neben den traditonellen Bereichen, z.B. der Schutzgelderpressung und anderen illegalen Tätigkeiten, wie dem lukrativen Einstieg ins Drogen- oder Waffengeschäft in den 60'er Jahren, haben sich die Mafiaclans auch ein Imperium legaler Unternehmen aufgebaut. Bevorzugt werden hier Branchen, in die die meisten staatlichen Subventionen fliessen und bei denen kein hohes technologisches Niveau erforderlich ist, was gleichbedeutend mit dem Zwang zu hohen Investitionen wäre. Der Hauptzweck muss nicht unbedingt die Erwirtschaftung von Profiten sein, sondern ist oft auch schon das „Reinwaschen“ illegaler Gewinne. Dadurch entsteht nebenbei auch Wettbewerbsverzerrung, denn die Kapitaldecke mafioser Firmen ist ungleich höher als die legaler Firmen und die mafiosen Firmen brauchen nicht auf Gewinn zu kalkulieren, können also immer billigere Preise anbieten als die nichtmafiosen Mitbewerber. Darüberhinaus schüchtern mafiose Firmen Konkurrenten mit Gewaltandrohung und –ausführung ein und verstossen gegen wettbewerbs- und arbeitsrechtliche Bestimmungen

Bevorzugte Branchen sind neben der Baubranche die Landwirtschaft und das Dienstleistungs- gewerbe.

 

7. Politische Macht der „Neuen Mafia“

Nachdem die Mafia in der Frühphase nach dem zweiten Weltkrieg zunächst auf die Separatistenbewegung setzte, kam es ab 1948 zu einer Annäherung an die Democrazia Cristiana (DC), die durch die gelungene Integration der Monarchisten zur entscheidenden politischen Kraft aufgestiegen war und mit der persönliche wirtschaftliche Interessen scheinbar am leichtesten durchzusetzen war. Arlacchi schildert den Unterwanderungsprozess jedoch in entgegengesetzter Richtung. Es sei die Linie der von Mitte der 50'er bis Mitte der 70'er Jahre in der sizilianischen DC führenden Gruppe des sechsmaligen Ministerpräsidenten Fanfani gewesen, mit den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen nicht nur Wahlbündnisse einzugehen, sondern diese in die DC zu integrieren. Auf die uomini d'onore konnte zudem durch die Drohung mit dem Anti- Mafia- Gesetz von 1956 (s.o.)Druck ausgeübt werden. Aufgrund der Teil- Autonomie Siziliens mit weitreichenden Befugnissen in der Wirtschaftslenkung gelang es den Fanfanianern, nahezu alle Schaltstellen politischer und wirtschaftlicher Macht mit eigenen Leuten zu besetzen oder doch zumindest die strikte Kontrolle zu bewahren.

Gemäss der unideologischen Attitüde der Mafiosi wurde die Verbindung zur DC nicht dogmatisch gesehen. Je nach Nutzen für die wirtschaftlichen Interessen der Cosa Nostra wurden auch andere Parteien „unterstützt“, d. h. geschmiert oder mit Hilfe der clientelistischen „Wähler- Armee“ ins Amt getragen. Stoff für eine eigene Arbeit böten beispielsweise die Verstrickungen der Mafia mit der Sozialistischen Partei unter ihrem Vorsitzenden Bettino Craxi, der es als Nicht- Christdemokrat und Vorsitzender einer 10 %- Partei Mitte der 80'er Jahre immerhin auf die längste zusammenhängende Amtszeit eines Ministerpräsidenten im Nachkriegsitalien brachte. Wegen Korruption, Betrug, Geldwäsche und Erpressung- mehr als 400 Mio. DM soll er aus Bestechungsgeldern ins Ausland transferiert haben- wurde Craxi zu insgesamt 20 Jahren Haft verurteilt. Dem Vollzug entzog er sich durch Flucht ins tunesische Exil in Hammamet. Am 19.01.00 starb er dort an Herzversagen.

Die Personifizierung der Verbindung von Politik und Mafia ist allerdings der 7- malige christdemokratische Ministerpräsident Giulio Andreotti, der nach Ende des 2. Weltkrieges bis zu seinem letztmaligen Ausscheiden als Ministerpräsident 1987 immer an der Regierung beteiligt war, u.a. 33 (!) Mal als Minister in allen wichtigen Ressorts. Andreotti „überlebte“ mehr als zwei Dutzend Untersuchungsausschüsse und mehrere Gerichtsverfahren. Auch das 1999 zuende gegangene Strafverfahren wegen Beihilfe zur mafiosen Bandenbildung und Anstiftung zum Mord endete mit einem Freispruch wegen Mangels an Beweisen, obwohl es eine ganze Schar von Kronzeugen gegen ihn gab, die ihn mit dem „Boss der Bosse“ Salvatore Riina den mafiosen Bruderkuss tauschen sahen. Riina lebte seit 1968 im Untergrund, bevor er 1993 gefasst wurde. Zur Last gelegt wurden ihm 150 Morde, von denen der ca. 30 selbst begangen haben soll. Im Januar 2000 wurde er von einem Geschworenengericht zum 13. Mal zu lebenslanger Haft verurteilt.

8. Der Kampf gegen die Mafia

8.1. Das italienische Anti- Mafia- Gesetz

Im September 1982, kurz nach der Ermordung des sizilianischen Präfekten Dalla Chiesa, wurde vom italienischen Parlament ein Anti- Mafia- Gesetz verabschiedet, das dort schon zwei Jahre lang „geparkt“ war. Viel weitreichender als Gesetze gegen die organisierte Kriminalität in anderen Ländern, gibt das Gesetz auch erstmals eine Definition dessen, was „Mafia“ eigentlich ist:

„Eine Vereinigung ist mafios, wenn diejenigen, die ihr angehören, sich der Einschücherung aufgrund einer Bindung in Vereinigungen und von Abhängigkeitsverhältnissen und der daraus entspringenden Verschwiegenheitspflicht (omerta) bedienen zum Begehen von Verbrechen, zum direkten oder indirekten Ansichziehen der Leitung oder der Kontrolle ökonomischer Aktivitäten, öffentlicher Konzessionen, Zulassungen, Aufträge und Dienstleistungen, oder zum Erzielen unrechtmäßiger Profite und Vorteile für sich oder andere .“

Die Vorteile einer solch weitreichenden Definition für die Strafverfolger liegen auf der Hand. Der Katalog von Tätigkeiten der Organisierten Kriminellen umfasst z.B. nicht nur strafbare Handlungen wie Einschüchterung, sondern auch die bisher halblegale Nischenkriminalität. Werden z. B. Konkurrenten um eine Baukonzession z.B. durch die Abhängigkeit von einem Subauftrag zur Modifizierung oder Rücknahme ihres Angebotes veranlasst, ist das ein Verstoss gegen das Gesetz; ebenso die Einflussnahme bei Konzessionsvergaben über Parteiführer auf kleine Beamte. Durch das Verbot unrechtmässiger Profite für sich oder andere wird zudem auch der überaus beliebte Einsatz von Strohleuten wirkungsvoll bekämpft.

Aber auch der Nachteil des Gesetzes liegt auf der Hand. So weitreichende Vollmachten setzen elementare Rechtsprinzipien ausser Kraft, würden in Deutschland einer Überprüfung auf die Verfassungskonformität kaum standhalten.

Die blosse Zugehörigkeit zur Mafia reicht für eine Verurteilung; ausserdem hat der Staat nunmehr Zugriff auf die Bankguthaben bekannter Mafiosi bekommen.Der Initiator dieses Gesetzes, der Chef der sizilianischen KP und Mitglied der Anti- Mafia- Kommission Pio La Torre wurde am 30. April 1982 von der Mafia ermordet.

8.2. Die Mafia vor Gericht

Da sich Zeugen aufgrund der mafiosen Verschwiegenheitspflicht (omerta) erst seit Anfang der 90'er Jahre in grösserem Umfang zur Verfügung stellen, mussten andere Ermittlungsmethoden gefunden werden. Es ist das grosse Verdienst der beiden populären, 1992 ermordeten Mafiajäger Falcone und Borsellino Ermittlungen zu finanziellen Transaktionen und konventionelle kriminalistische Detektivarbeit in die Ermittlungsarbeit gegen mafiose Tätigkeiten eingebaut zu haben. So kam es zwischen 1986 und 1989 zu drei Mammutverfahren gegen insgesamt 674Angeklagte. Die Grossverfahren wurden für notwendig gehalten, weil es zum Beweis der Existenz des „Kraken“ Mafia mit all ihren Verwicklungen und Verfilzungen mit Teilen des Staatsapparates nicht reichte, mal hier und mal da einen Boss oder Handlanger vor Gericht zu bringen. Die Ergebnisse waren, rein juristisch, relativ enttäuschend: Die ohnehin schon weit unter den Forderungen der Staatsanwälte gebliebenen Urteile wurden vom Kassationsgericht in Rom unter ihrem umstrittenen Gerichtspräsidenten Carnevale mit zum Teil abenteuerlichen Begründungen noch einmal kräftig gekürzt.Der Justizminister Vassalli bemerkte am 3. Mai '89 in Überschreitung seiner Kompetenzen dazu, der Oberrichter habe voll und ganz recht und die Richter in Palermo seien irriger Ansicht über die Gesetze.

Nach seinem Ausscheiden 1992 musste sich Carnevale einer Flut von Gerichtsverfahren, u.a. wegen Begünstigung stellen.

9. Die Macht der Mafia

Popitz unterscheidet vier Formen von Macht: Aktionsmacht ist die Verletzungsmacht, die sich in der Anwendung von Gewalt äussert. Wird durch die Anwendung von Gewalt ein bindendes Machtverhältnis geschaffen, dass dann alleine durch die Bedrohung oder Versprechung aufrechterhalten wird, so handelt es sich um Instrumentelle Macht. Machtressource ist hier nicht die offene Verletzungsmacht, sondern die Fähigkeit, über Belohnungen oder Bestrafungen verfügen zu können. Die dritte Machtform, die autoritative Macht bedarf nicht solcher äusseren Einflüsse, sondern setzt an der Massstabsbedürftigkeit der Menschen an. Machtressource ist die Anerkennung oder deren Entzug. Als viertes kommt noch die Datensetzende Macht hinzu, die Entscheidungsmacht über die Lebensbedingungen anderer Menschen. Machtressource ist hier die Fähigkeit zum technischen Handeln.

Wir wollen nun versuchen darzustellen, welche Formen der Macht mit welchen Machtressourcen zu welcher Zeit von der Mafia ausgeübt wurden.

9.1. Aktionsmacht

Sozialhistorisch gesehen, scheinen verschiedene Formen der Machtausübung durch die Mafia aufeinander aufzubauen. Wir hatten beschrieben, wie die Ausübung von Aktionsmacht mit Mitteln der physischen Gewalt durch die bravi in Abwesenheit einer staatlichen Gewalt zur Aufbesserung ihres sozialen Status und zur Zumessung von Prestige und Ehre führte. Die Gewaltfähigkeit muss unter Beweis gestellt werden, beispielsweise, um Bauernaufstände niederzuschlagen. Als Strafaktionen dienten Terroraktionen, zur materiellen Schädigung (Haus abbrennen) oder zur körperlichen Verletzung (Mord). Die Tatsache, dass Prestigegewinn durch Bruch des formalen Rechts möglich ist, erklärt Hess mit der Existenz eines subkulturellen Normensystems, in dem Sanktionen meist als Rache (durch eine beteiligte Partei) und weniger als Strafe (durch eine unabhängige Instanz) ausgeführt werden, die Gewalt insofern stark personalisiert wird. Im Gegensatz zur unpersönlichen Staatsgewalt gilt diese in der Volksmoral des 19. Jahrhunderts als legitim.

9.2. Instrumentelle Macht

Wenn private Gewaltanwendung nicht sanktioniert, nicht unterbunden werden kann, kann aus der sporadischen Aktionsmacht instrumentelle Macht werden. Instrumentelle Macht ist das Kernstück mafioser Machtausübung nach dem 2. Weltkrieg, als das mafiose Handeln (und z.T. auch die Volksmoral insgesamt) zunehmend auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtet wurde. Es ist leicht einsehbar, dass offene Gewaltanwendung sowohl legale als auch illegale Geschäfte empfindlich stören kann. Deshalb wird auf die Machtressource der Drohung zurückgegriffen. Der Drohende versucht unter Sanktionsandrohung das Verhalten des Bedrohten zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Strukturbestimmend sind dabei die Tatsachen, dass der Bedrohte sich zu der Drohung verhalten muss, ihr also nicht ausweichen kann, dass der Drohende zugleich die mögliche Sanktion ausführt (oder ausführen lässt) und das durch eine mögliche Handlung eine tatsächliche Handlung bewirkt wird. Dieser letzte Punkt zeigt die ökonomischen Vorteile der Drohung gegenüber der Gewaltanwendung, die in jeder Hinsicht erheblich kostenaufwendiger ist und die im Vollzug keine Möglichkeiten zur Dehnbarkeit mehr lässt. Drohen kann man mit allem möglichen, solange ihr Vollzug immer noch wahrscheinlich oder zumindest möglich bleibt.

Die Drohung spielt in nahezu allen Bereichen mafioser Geschäftstätigkeit eine entscheidende Rolle. Das soll hier an einigen Bereichen exemplifiziert werden.

9.2.1. Schutzgelderpressung

Das Paradebeispiel für die Effizienz von Drohungen ist die Schutzgelderpressung, die Hess als die „spezifisch mafiose Form des Gelderwerbes“ bezeichnet. Schutzgeld wird für das Unterlassen von Schädigungen verlangt. Die Erpressung funktioniert nur, wenn es für den Bedrohten wahrscheinlich erscheint, dass der Mafioso über die Machtmittel verfügt, mit denen er droht. Dazu muss der Mafioso bei nicht- konformen Verhalten von Zeit zu Zeit seine Machtmittel demonstrieren, um die Wirksamkeit der Drohung zu steigern. Generell kann der Mafioso aber kein Interesse an der direkten Gewalt haben, denn ein Ladenbesitzer, dessen Laden brennt oder der tot ist, kann kein Schutzgeld mehr bezahlen.

Von diesen Fällen, in denen durch die Drohung selbst Gewinne erzielt werden, unterscheidet Hess die Fälle, in denen legale Geschäfte durch Einschüchterung von Kokurrenten Monopolstellungen erhalten.

9.2.3. Omerta

Ihre starke Machtposition in der sizilianischen Gesellschaft verdanken die Mafiosi auch der Tatsache, dass sie gegen staatliche Verfolgung bis vor 15 Jahren relativ immun waren. Ein Gerichtsverfahren (wenn es denn soweit kam) endete grundsätzlich mit Freispruch aus Mangel an Beweisen, weil in der sizilianischen Gesellschaft das Prinzip der Omerta gilt. Dies bezeichnet die Verschwiegenheitspflicht eines jeden einzelnen gegenüber den staatlichen Institutionen. Natürlich kann die Mafia keinen Verstoss gegen dieses Gebot dulden, denn ihre Macht basiert auf dem Ruf, unangreifbar zu sein. Diesem Ruf war es durchaus dienlich, gelegentlich vor Gericht zitiert zu werden, denn jeder Freispruch aus Mangel an Beweisen erhöht das Droh- und damit das Machtpotential.

Die terroristische Phase, in die die Mafia seit Anfang der 90'er Jahre wieder verfallen ist, resultiert (wie auch die Mafia- Kriege der Vergangenheit) aus einer Infragestellung der Machtverhältnisse; bei den Mafia- Kriegen durch neue aufstrebende Clans, Ende der 80'er durch die Justiz und besonders durch ihre Exponenten Giovanni Falcone und Paolo Borsselino. Da die Machtverhältnisse durch instrumentelle Machtressourcen nicht mehr aufrechtzuerhalten sind, muss die Fähigkeit zur Ausübung von Aktionsmacht wieder demonstriert werden. Je hartnäckiger die Instrumentelle Macht der Mafia (insbesondere die Omerta) durch Gerichtsverfahren infragegestellt wird, umso heftiger wird die Machtressource Gewaltfähigkeit eingesetzt.

9.2.3.Verdeckte Drohung

Oftmals, wahrscheinlich sogar meistens, wird die Drohung nicht offen ausgesprochen; aufgrund des Rufs der Mafia reicht es, sie als Ratschlag oder Warnung auszusprechen. Im Unterschied zur Drohung ist der Warnende nicht auch der Ausführende der möglichen Sanktion. Da dem Bedrohten nicht das Messer auf die Brust gesetzt wird, bleibt ihm die Möglichkeit der verdeckten Fügsamkeit. Die Beziehung zwischen Mafiosi und Politikern nach dem 2. Weltkrieg ist meist so strukturiert.

9.3. Autoritative Macht

Es ist schwer einzuschätzen, ob die Mittlerrolle in Streitfällen Mafiosi nur deshalb zukommt, weil sie über Instrumentelle Macht verfügen oder ob seine exponierte Stellung auch auf Anerkennung basiert. Da wir den hohen Stellenwert persönlicher Ehre schon mehrfach herausgestrichen haben, wollen wir davon ausgehen, dass ihm die Mittlerrolle nicht nur aufgrund des Drohpotentials, sondern auch aufgrund der Anerkennung von Autorität des Mafioso zukommt. Allgeingültigkeit kommt dieser Aussage auch unter Berücksichtigung dessen, was wir weiter oben schon über den instrumentellen Charakter der Patron- Client- Beziehung gesagt haben, aber nicht zu.

Mittlerfunktionen nimmt der Mafioso in den Bereichen ein, in denen die Lösungskompetenz der Staatsmacht bezweifelt wird (Viehdiebstahl, Entführungen, Streit um Schulden etc.), bzw. in denen die Staatsmacht gar nicht zuständig ist, weil es sich um Verstösse gegen das subkulturelle Normensystem handelt, das durch das Gesetz nicht geregelt ist (Ehre eines verführten Mädchens wiederherstellen). Ob die Autorität oder das Drohpotential den Ausschlag für die Annahme des Schiedsspruches geben, ist, wie gesagt, von Fall zu Fall unterschiedlich.

9.4. Datensetzende Macht

Technisches Handeln meint ganz allgemein, vorgefundene Gegenstände absichtvoll zur längerfristigen Verwendung zu verändern. Technisches Handeln ist Basis jeder Kultur, insofern allgegenwärtig und nicht besonders spektakulär. Nun nimmt technisches Handeln, beispielsweise im sizilianischen Bausektor, aber Einfluss auf die Lebensbedingungen von Menschen, je nach Umfang der Handlung auch auf eine grosse Menge Menschen. Diese Macht nennt Popitz datensetzende Macht.

10. Ist die Mafia „ein Staat im Staate“ ?

Mit dieser abschliessenden Frage sollen nun die in dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnisse verdichtet werden ín Hinblick auf die Gefahr für die italienische Demokratie. Sie zielt ab auf die Frage, wer in wessen Namen eigentlich politische Entscheidungen fällt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literaturverzeichnis

 

Arlacchi, Pino: Mafiose Ethik und der Geist des Kapitalismus; Frankfurt a.M. 1989

Blok, Anton: Die Mafia in einem sizilianischen Dorf 1860 –1960; Frankfurt a.M. 1981

Hess, Henner: Mafia: Zentrale Herrschaft und lokale Gegenmacht, Tübingen 1970

Müller, Peter: Die politische Macht der Mafia; Frankfurt a.M. 1991

Popitz, Heinrich: Phänomene der Macht; Tübingen 1992

Raith, Werner: Mafia- Ziel: Deutschland; Köln 1989

Reski, Petra: Rita Atria- eine Frau gegen die Mafia; Hamburg 1994

Stille, Alexander: Die Richter- der Tod, die Mafia und die italienische Republik; München 1997

 

die tageszeitung vom 27.01.95, 21.01.00, 24.01.00