In diesem Kapitel soll geklärt werden, in welcher historischen Situation RAF und BR entstanden sind und wie die Veränderung bestimmter Faktoren die Isolation der bewaffneten Organisationen vom revolutionären Subjekt begünstigt haben könnte.

A: DEUTSCHLAND

1. Die Entwicklung bis 1968

1.1. Traditionen

Auch wenn man sich hüten muß, Klischees zu reproduzieren, sollen zunächst einige längerfristig wirksame Wertorientierungen der Deutschen genannt werden, da sie sich von den Traditionen in Italien eklatant unterscheiden. SONTHEIMER benennt verschiedene Traditionen, die v.a. auf die Zeit des Biedermeier und des Wilhelminismus zurückgehen.[1]

Für diese Arbeit interessant sind die etatistische und die unpolitische Tradition. Erstere bezeichnet die Idee des Staates als „Verkörperung des Allgemeininteresses“[2], die sich im 19. Jh. als Resultat der Nichtexistenz eines deutschen Nationalstaates stärker herausbildete. Als Garant für Uniformität, Sicherheit und Ordnung wurde der Staat höher eingeschätzt als Individualität oder das Eintreten für partikulare Interessen. Diese Tradition wurde in der Adenauer- Ära angesprochen, um die Bevölkerung emotional an den neuen Staat zu binden.

Die unpolitische Tradition steht mit der etatistischen in Zusammenhang, denn wo das eigene Wohl einem allmächtigen Staat überlassen wird, ist das Interesse des Einzelnen an der Gestaltung von Politik gering. Der unpolitische Untertanengeist aus der wilhelminischen Zeit ist in dem Roman „Der Untertan“[3] von Heinrich MANN treffend beschrieben. Nach der NS- Ära manifestierte sich diese Tradition in dem Wunsch vieler Deutscher, mit Politik nie mehr etwas zu tun haben zu wollen.[4]

1.2. Das Ende des Nationalsozialismus und die Adenauer- Ära

Diese Ausführungen lassen es nicht verwunderlich erscheinen, daß der Eigenanteil der deutschen Bevölkerung an dem Ende des Nazi- Regimes 1945 als marginal zu bezeichnen ist. Neben dem mutigen, aber ineffektiven Widerstand der Kommunisten, der nach der Teilung Deutschlands zudem tabuisiert wurde, gab es kaum nennenswerten bewaffneten Widerstand, der als demokratisch oder fortschrittlich zu bezeichnen wäre. So mag es kaum verwundern, daß für viele, die sich mehr oder minder gut mit dem Nationalsozialismus arrangiert hatten, der 8. Mai 1945 ein Tag der Niederlage und Schmach und weniger ein Tag der Befreiung war. Verschiedene Umfragen zwischen November 1945 und August 1947, in denen immerhin die Hälfte der Bevölkerung befand, der Nationalsozialismus sei an sich eine gute Sache, die nur schlecht umgesetzt worden sei, bestätigen diesen Eindruck.[5] Es ist festzuhalten, daß es keine parteiübergreifende, verbindende Widerstandstradition und keinen antifaschistischen Gründungskonsens gab. Angesichts dessen ist es wenig verwunderlich, daß in der 1949 gegründeten Bundesrepublik viele Beamte und Richter des Nazi- Regimes wieder auf ihrem Posten zu finden waren. Dieses Kontinuitätsproblem verstärkte in den 60‘er Jahren die Angst vor einer Wiederkehr des Faschismus.

Der beginnende Kalte Krieg und die Entwicklung in der SBZ bewegte die westlichen Alliierten dazu, den politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau ihrer Besatzungszonen zu vereinheitlichen und zu forcieren. Skeptisch zeigten sie sich besonders gegenüber der positiven Besetzung des Begriffes Sozialismus im Gegensatz zur negativen Bewertung der Weimarer Parteien- Demokratie, die ihren deutlichsten Ausdruck in dem „Ahlener Programm“ der neugegründeten CDU vom Februar 1947 hatte. Bei dieser Grundstimmung wäre eine hegemoniale Stellung der SPD als einziger Massenpartei der Weimarer Republik und mit dem Etikett nicht nur gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz gestimmt sondern auch während der Zeit des 3. Reiches Widerstand geleistet zu haben, zu erwarten gewesen. Doch gerade im verlustreichen Widerstand ist auch ein Grund für die Paralysierung der Arbeiterbewegung und ihre schwindende Integrationskraft nach dem Krieg zu sehen.

Die erste Bundestagswahl 1949 fand unter dem Eindruck eines polarisierten Wahlkampfes zwischen Vertretern einer „Sozialen Marktwirtschaft“ und Befürwortern der Wirtschaftsplanung statt und wurde vom bürgerlichen Block unter Führung der CDU gewonnen. Maßgeblichen Anteil daran hatte die Unterstützung der westlichen Alliierten und v.a. der USA, die die BRD wegen ihrer geostrategischen Bedeutung und Frontstellung gegen den Ostblock unter keinen Umständen verlieren wollten und deshalb die CDU u.a. mit den Wiederaufbauhilfen aus dem Marshall- Plan unterstützten.

Die 14 Jahre dauernde Kanzlerschaft Adenauers ist außenpolitisch gekennzeichnet durch die strikte Einbindung Deutschlands in die westliche Wirtschafts- und Verteidigungsgemeinschaft. Innenpolitisch wurden unter der Prämisse des Antikommunismus kritische Diskussionen weitgehend vermieden. Pünktlich zu den Wahlterminen konnte der Antikommunismus durch Ereignisse wie die Volksaufstände in der DDR (1953) und Ungarn (1956) als vereinheitlichende Ideologie wiederaufbereitet werden. Der rasante Wirtschaftsaufschwung brachte zudem weiten Teilen der Bevölkerung einen relativen Wohlstand, auch wenn die Einkommensschere zwischen Selbständigen und Lohnabhängigen immer größer wurde.

Die Adenauer- Ära ist gekennzeichnet durch die oben beschriebenen Geisteshaltungen, d. h. das Vertrauen in einen Staatsapparat, in den man sich nicht einmischt und die Fixierung auf materiellen Wohlstand. Das Gemeinschaftsgefühl wurde durch einen strikten Antikommunismus gespendet.

Die herbe Niederlage bei der Wahl 1957, bei der die CDU die absolute Mehrheit der Mandate errang, beschleunigte bei der SPD eine grundlegende Umorientierung weg vom traditionalistischen Marxismus hin zu einem „ethischen Grundwertesozialismus“[6], der sich 1959 in dem neuen Godesberger Programm widerspiegelte.

1.3. Die SPD

Wirtschaftspolitisch befand sich die SPD mit ihren Ideen der Wirtschaftsplanung nach der beschriebenen kurzen Phase ab 1948 im Abseits. Weder im Frankfurter Wirtschaftsrat, noch in der Verfassungsgebenden Versammlung, noch nach den Bundestagswahlen konnte sie Verbündete außerhalb des Arbeitermilieus finden. Unter dem Druck der überaus erfolgreichen und populären Wirtschaftspolitik Erhards bekannte sich dann schließlich auch die SPD in ihrem neuen Grundsatzprogramm von Godesberg (1959) zur Sozialen Marktwirtschaft. Da die KPD bereits 1956 vom Bundesverfassungsgericht verboten worden war, bestand über die Grundzüge deutscher Wirtschaftspolitik somit weitgehender Konsens zwischen den Parteien.

Die Umsetzung des neuen Programms erfolgte ab 1960 unter der Federführung von Herbert Wehner, Willy Brandt und Fritz Erler in der „Politik der Gemeinsamkeit“. Zunächst auf die Außenpolitik beschränkt, bot Kanzlerkandidat Willy Brandt der Regierung im Bundestagswahlkampf 1961 auch auf innenpolitischen Feldern, wie der Gesundheits-, Verkehrs-, Bau- und Bildungspolitik eine gemeinsame Bestandsaufnahme an.[7] Nach den starken Zugewinnen der SPD warb diese weiter verstärkt um Zustimmung aus breiteren Teilen der Bevölkerung und begann in sogenannten „großen Gesprächen“ einen Dialog mit Unternehmern und Vertretern der katholischen Kirche. Schon 1960 war zum Beweis der Glaubwürdigkeit der neuen Politik die Unterstützung des SDS eingestellt worden, was im November 1961 durch einen Unvereinbarkeitsbeschluß auch formalisiert wurde.

Bis 1965 verhielt sich die SPD in der Opposition staatstragend, und es wurde nur selten scharfe Kritik an der Bundesregierung geübt. Dies war zwar oft auch nicht nötig, denn gerade in der Endphase von Adenauers Kanzlerschaft tobten in der CDU heftige Machtkämpfe, so daß die SPD eigentlich nur abwarten und eigene Geschlossenheit zeigen mußte, um Regierungsfähigkeit zu beweisen. Andererseits zeigten sich während der Spiegel- Affäre 1962 auch die Grenzen solchen Verhaltens, denn in dieser schwersten Regierungskrise seit Bestehen der Bundesrepublik verhielt sich die SPD so neutral, daß die Presse quasi die Rolle der Opposition übernahm und sich so erstmals eine Verlagerung der Opposition in den außerparlamentarischen Raum andeutete.[8]

Für große Teile der neuen Mittelschichten wurde die SPD als kompetente „Partei der optimistischen Technokratie“[9] Mitte der 60‘er Jahre zwar wählbar und regierungsfähig, ließ aber durch das Fehlen einer werteorientierten Perspektive und das technokratische Notstandsgekungel in der Großen Koalition ab 1966 einen politischen Freiraum, in dem sich die Außerparlamentarische Opposition (APO) schließlich ausbreitete und der erst in der kurzen Reformphase der Brandt- Ära wieder abgedeckt wurde.

1.4. Die Große Koalition 1966- 1969

Die Autorität des Bundeskanzlers Erhard nahm mit der schweren Rezession 1966 rapide ab, obwohl er im Jahr zuvor noch einen überzeugenden Wahlsieg eingefahren hatte. Doch die FDP, die nicht mit Erhard in den Abgrund der Meinungsumfragen und Landtagswahlniederlagen gezogen werden wollte, trat im November 1966 aus der Regierung aus, die nun keine Mehrheit im Bundestag mehr hatte. Krisenstimmung und Erinnerungen an Weimar kamen zusätzlich durch die Erfolge der neuen, rechtsextremen NPD bei den Landtagswahlen in Hessen und Bayern auf, bei denen sie mit dumpfer Propaganda gegen die „abgewirtschafteten Alt- Parteien“ aus dem Stand 7,9 % bzw. 7,4 % der Stimmen erhielten. Bis zu ihrem Scheitern bei den Bundestagswahlen 1969 gelangen der NPD noch einige spektakuläre Wahlerfolge. Unter dem Druck der Verhältnisse fanden sich schließlich CDU und SPD zur Großen Koalition zusammen und wählten am 1. Dezember ’66 das ehemalige NSDAP- Mitglied Kurt- Georg Kiesinger zum Bundeskanzler.

Die Große Koalition konnte am Ende der Legislaturperiode auf eine durchaus ansehnliche Bilanz verweisen. So wurden im Bereich der Arbeits- und Sozialpolitik  die Kriegsopferrenten, das Arbeitslosengeld und die Sozialrenten spürbar erhöht und das Arbeitsförderungsgesetz, das Lohnfortzahlungsgesetz sowie eine Verbesserung des Kündigungsschutzes verabschiedet, im Bereich der Bildungspolitik die Grundlagen für das BAföG geschaffen und im Bereich der Justiz das Strafrecht reformiert.[10] Den Spielraum für die Finanzierung dieser Vorhaben hatte die Regierung durch die schnelle Bewältigung ihrer wichtigsten Aufgabe erhalten: nach der „hausgemachten“ Rezession von 1966 die Konjunktur wieder in Schwung zu bringen. Die diesbezüglichen Maßnahmen sind von den Mitarbeitern Kiesingers SCHMOECKEL und KAISER ausführlich dargestellt.[11]

Trotz des relativen Erfolges der Großen Koalition in vielen Sachgebieten gab es von Beginn an harte Kritik (besonders) aus intellektuellen Kreisen an der Quasi- Ausschaltung der parlamentarischen Opposition unter einem Kanzler, dessen Rolle während der NS- Zeit zumindest fragwürdig erscheinen konnte.

 

2. Studentenbewegung und Außerparlamentarische Opposition

Die Entwicklung der Außerparlamentarischen Opposition läßt sich weder auf einzelne Ursache zurückführen noch ist ihre Entstehung exakt zu terminieren. Thematisch bestimmend waren auf außenpolitischem Terrain neben dem Vietnamkrieg der USA und der Kritik am Regime des Schah von Persien der innenpolitische Streit um die Notstandsgesetzgebung. Weiterer Protest richtete sich gegen das Meinungsmonopol des Springer- Verlags, der mit seiner Hetze gegen die studentische und außerparlamentarische Bewegung maßgeblich zur Eskalation beigetragen haben dürfte.

Schon diese Themenauswahl deutet an, daß sich im Laufe der 60‘er Jahre ein Wertewandel bei Teilen der Bevölkerung vollzieht, der die materielle Sicherheit in den Hintergrund geraten läßt und nun neue Themen wie Demokratisierung, Partizipation und Solidarität aufbringt.

2.1. Die Notstandsgesetze

Seit 1955 gab es in der Bundesrepublik einen Streit darum, ob das Grundgesetz hinreichend Gewähr für die gesetzliche Bewältigung eines Krisen- oder Verteidigungsfalles bieten konnte. Strittig war dabei insbesondere die Frage, inwieweit alliierte Vorbehaltsrechte durch den Deutschlandvertrag von 1955 und die Verabschiedung der Wehrverfassung 1956 bereits abgelöst waren und inwieweit eine mögliche Krisensituation einer eigenen Gesetzgebung einschließlich einer Grundgesetzänderung bedürfe.[12]

Der Konflikt, der sich über 13 Jahre hinzog, ist an dieser Stelle nicht im Detail nachzuzeichnen.[13] Zu erwähnen ist aber, daß mit den verschiedenen Einzelgesetzen eine systematische Suspendierung elementarer Grundrechte für den Verteidigungsfall verbunden war, die SCHLENKER zu einem Vergleich mit dem Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten 1933 provoziert.[14]

Gegen die verschiedenen Entwürfe der verschiedenen Innenminister regte sich entschiedener und grundsätzlicher Widerstand zunächst nur von Gewerkschaften und prominenten Einzelpersonen wie Jürgen Seifert, Heinrich Hannover u.a. Die SPD dagegen war grundsätzlich zur Mitarbeit bereit und bezweifelte nicht die Notwendigkeit von Notstandsgesetzen sondern nur einzelne – teilweise sehr wichtige- Details. Zur Verbreiterung des Widerstandes kam es ab 1966 durch das wachsende Engagement von studentischen Gruppen wie dem SDS[15], der die Ablehnung des Gesetzespakets als „Klassenkampf im Innern“[16] mit einer Kritik des Gesellschaftssystems verband.

Nachdem die Teile des Gesetzespakets, die keiner Grundgesetzänderung bedurften, bereits 1965 verabschiedet worden waren, blieb es der Großen Koalition 1968 vorbehalten, die symbolträchtige Grundgesetzänderung zu beschließen.

2.2. Die Studentenbewegung

Die Studenten galten bis in die frühen 60‘er Jahre als konservativ und unbeeinflußt von jeglichen revolutionären Ideen. Dem Studenten von 1965, diagnostizierte Ludwig von FRIEDEBURG, ginge es nicht darum, „die Welt zu verändern sondern deren Angebote bereitwillig aufzunehmen“.[17] Tatsächlich waren die ersten Proteste und Forderungen der Studenten Anfang der 60‘er auf den universitären Bereich beschränkt. So wurde die Verbesserung der Arbeitsbedingungen an den Universitäten sowie eine Demokratisierung der Hochschulen (und des Zugangs zu den Hochschulen) gefordert. Es gab auch schon Forderungen nach Politisierung der Wissenschaft als Ausbruch aus dem weltfremden "Elfenbeinturm Hochschule“, die in die Diskussion über das „politischen Mandat“ für die Studentenvertretung mündeten. [18]

Um 1965 gelang es dem SDS eine Hegemoniestellung in der theoretischen Diskussion der Außerparlamentarischen Opposition zu erlangen. Im Rückblick erscheint das sozialistische Gewand, in dem sich der SDS beispielsweise als Teil der Arbeiterbewegung bezeichnete, für SCHEERER als „Kostümzwang“[19], der den eigentlich kulturrevolutionären Charakter der Revolte verdeckt.[20] Es waren überwiegend postmaterielle Werte, für die der SDS ab 1965 stritt und die er dann mit einer marxistischen Interpretationsschablone versah. So war der Protest gegen den Vietnam- Krieg getragen von moralischer Empörung und Solidarität und wurde mittels Imperialismustheorien abstrahiert. Der Kampf gegen die Notstandsgesetze war ein Kampf für demokratische Freiheitsrechte und wurde in Diskussionen über den neuen Faschismus theoretisiert.

2.3. Die antiautoritär- internationalistische Ausrichtung der Studentenbewegung

Unter dem Einfluß von Theoretikern wie Frantz Fanon oder Che Guevara bildete sich im Westberliner SDS um 1965 ein antiautoritär- internationalistischer Flügel um Rudi Dutschke und Bernd Rabehl heraus, der dem antikolonialen Befreiungskampf in der 3. Welt die entscheidende Bedeutung im globalen Wettstreit zwischen Kapitalismus und Sozialismus zusprach und deshalb der Solidarität mit den Befreiungsbewegungen auf der ganzen Welt besondere Bedeutung zumaß.

Die Aktionen dieser Gruppe, die aus der Subversiven Aktion hervorgegangen war[21], bekamen ihre Publizitätswirkung auch nicht durch ein traditionelles Sozialismusverständnis sondern durch die Thematisierung postmaterieller Werte, die in bewußten Regelverletzungen, wie z. B. schon im Dezember 1964 mit der Durchbrechung der Polizeiketten bei der Anti- Tschombé- Demonstration ihre spezifischen, für viele attraktiven Ausdrucksformen hatten.

In den folgenden Jahren gab es verschiedene Versuche des organisatorischen Zusammenschlusses und des gemeinsamen Kampfes seitens der Befreiungsbewegungen des Trikonts, wie zum Beispiel auf der Solidaritätskonferenz der Tricontinentale im Januar 1966 in Havanna.[22] Grundgedanke war, die Kräfte des US- Imperialismus in vielen verschiedenen parallelen Kämpfen aufzureiben. Nach Guevaras Focustheorie war für den Beginn des Guerillakrieges eine revolutionäre Situation nicht unbedingt erforderlich; vielmehr sei diese durch die Erfolge des aufständischen Focus erst zu schaffen.

Diese Theorien, wie auch die Schriften Herbert Marcuses[23], übten einen großen Einfluß auf die Studentenbewegung in der BRD und Westberlin aus, und es begannen Diskussionen darüber, wie und welche Oppositionsgruppen in den imperialistischen Metropolen den Widerstand in der Dritten Welt praktisch unterstützen könnten.

2.4. Verbreiterung und Radikalisierung- Vom 2. Juni 1967 zu den Osterkrawallen 1968

Nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch den Polizeihauptmeister Kurras auf einer Demonstration gegen den Besuch des persischen Schah in Berlin am 2. Juni 1967 verbreiterte und radikalisierte sich die Bewegung erheblich. Die Berliner Polizei, die auf einen kommunistischen Aufstand besser vorbereitet war als auf die Provokationsstrategie der Studenten, verlor – zusätzlich aufgehetzt durch die Springerpresse – immer mehr das Augenmaß und reagierte auf den grenzverletzenden Protest immer gewalttätiger. In dieser Situation begannen zunehmend Diskurse über Gegengewalt und Diskussionen, welche Organisationsformen den veränderten Bedingungen angemessen wären.

Erste Ideen, wie das rurale Guerillakonzept auf städtische Räume zu übertragen wäre, entwickelte das Organisationsreferat von Dutschke und Krahl vom September 1967. In der von Bewußtseinsmanipulation geprägten bundesdeutschen Gesellschaft sei die Organisationsform der Mitgliederpartei nicht mehr zeitgemäß. Vielmehr müßten kleine (studentische) „Bewußtseinsgruppen“ den Charakter des Systems durch exemplarische Aktionen offenlegen und so massenhaftes Bewußtsein von der Notwendigkeit des Kampfes produzieren.[24] Auch wenn bei Dutschke/ Krahl natürlich nicht von bewaffnetem Kampf die Rede ist, stellt das Organisationsreferat eine Grundlage des späteren Stadtguerilla- Konzeptes der RAF dar.

Am 3. April 1968 verübte eine Gruppe um Andreas Baader und Gudrun Ennslin aus Protest gegen die Gleichgültigkeit der Bevölkerung dem Vietnam- Krieg gegenüber einen Brandanschlag auf zwei Frankfurter Kaufhäuser. Als dann am 11. April 1968 Rudi Dutschke niedergeschossen wurde, begann eine überaus gewalttätige, mehrtägige Kampagne gegen den Springer- Konzern („Osterunruhen“), der wegen seiner Hetze gegen die Studenten für das Attentat mitverantwortlich gemacht wurde.[25] Für viele war nach dem Attentat, wie Ulrike Meinhof es in ihrer Kolumne in Konkret schrieb, die Grenze vom Protest zum Widerstand überschritten.[26]

2.5. Niedergang und Spaltung der APO

Doch über diesen Punkt der höchsten Mobilisierung und Radikalisierung kam die Bewegung nicht hinaus. Mit Dutschke fiel die Person aus, die die unterschiedlichen Strömungen zusammengehalten hatte. Im SDS, der die theoretische Hegemonie über die Bewegung übernommen hatte, setzten sich die Traditionalisten langsam wieder gegen die Antiautoritären durch. Deutlich wurde der Widerspruch zwischen beiden in der Frage, wie man die erreichte Mobilisierung verbreitern könne. Die Traditionalisten wollten mit einer Betriebskampagne den Kontakt zur Arbeiterschaft intensivieren, während die Antiautoritären eine Justizkampagne vorschlugen. Diese bot sich wegen der Vielzahl der nach den Osterunruhen eingeleiteten Verfahren an.

Im Verlauf des Jahres 1969 zerbrach die APO in viele Fraktionen, von denen die größte nach der Bildung der sozialliberalen Koalition in Bonn wieder in die Parteien (vornehmlich die SPD) zurückkehrte. Die Traditionalisten organisierten sich in verschiedenen autoritären K- Gruppen, während ein Teil des antiautoritären  Flügels sich radikalisierte und in den bewaffneten Kampf mündete. Der Weg dahin führte von der Erfahrung staatlicher Repression über militanten Widerstand, wie bei der Schlacht am Tegeler Weg[27] zu Gruppen wie dem Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen, Tupamaros Westberlin u.a., die die Provokationsstrategie in Formen des bewaffneten Widerstands überführten.

Die große Mehrheit der an der APO Beteiligten wollte aber keine Systemveränderung sondern war ganz konkret gegen bestimmte Auswüchse großkoalitionären Regierungshandelns und setzte dagegen auf Werte wie Demokratie, Solidarität, Partizipation u.a. Diese Mehrheit setzte Vertrauen in die neue sozialliberale Koalition unter Kanzler Brandt, der in seiner ersten Regierungserklärung vom 28.10.1969 ein ehrgeiziges Paket an Reformen und einen neuen politischen Stil ankündigte.[28]

 

3. Strukturelle und gesellschaftspolitische Gründe für die Isolation des bewaffneten Kampfes

Ich stelle nun einige Thesen über die gesellschaftliche und politische Lage in der Zeit der SPD/FDP- Koalition bis 1977 auf, die die Isolation des bewaffneten Kampfes von der Bevölkerung zu begründen geeignet erscheinen.

1.    Die materielle Lage möglicher Zielgruppen, wie Arbeiter, Studenten oder  soziale Randgruppen ist so weit abgesichert, daß das ökonomische Konfliktpotential zur Begründung einer Totalopposition nicht ausreicht.

2.    Die Außenpolitik der Bundesregierung ist nicht geeignet, als Beleg für aggressiv- imperialistisches Machthandeln zu gelten.

3.    Ebenso wenig kann die Reformpolitik im Innern als faschistisch bezeichnet werden.

4.    Insgesamt hat die Reformphase der Brandt- Ära die postmateriellen Bedürfnisse, die die 68‘er- Revolte getragen hatten, in vielen Bereichen befriedigt.

 

3.1. Die Lage der Arbeiterklasse

Die Industriearbeiter sind Subjekt eines materialistischen Gegensatzes zwischen Lohnarbeit und Kapital, der – wie erwähnt – nicht im Mittelpunkt der Revolte (und auch nicht im Mittelpunkt der RAF- Theorie) stand. Trotzdem sollen hier einige Bemerkungen zur Integration der Arbeiterklasse in das Gesellschaftssystem der Bundesrepublik gemacht werden.

Zunächst muß festgestellt werden, daß das Klassenbewußtsein und die Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse und ihrer Parteien und Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland erheblich niedriger ist als z. B. in Italien. Das hängt zum einen mit der auf Konsens ausgerichteten betrieblichen wie gesellschaftlichen Konfliktregulierung zusammen[29], zum anderen mit dem ständig steigenden Reallohn und dem entsprechend steigenden Lebensstandard. Da dieser in den Zeiten wirtschaftlicher Prosperität grundsätzlich für alle anstieg, wurde die durch die größer werdende Einkommensschere bedingte relative Deprivation der Arbeiter als gerechtfertigtes Leistungsprinzip akzeptiert.[30] SCHEERER bezeichnet die Einbindung der Arbeiterklasse als Kooptation in einen korporativen Rahmen[31], die sich z. B. in der Mitverantwortung der Arbeitervertretungen für das Betriebswohl äußert.

Kommt es in Folge einer Wirtschaftskrise wie 1966/67 doch einmal zu einer realen Verschlechterung – damals wurden die Arbeitsbedingungen in vielen Betrieben intensiviert und monotonisiert- wird der Frust darüber aufgrund mangelnden Klassenbewußtseins eher auf ethnischer als auf Klassen- Basis abgebaut.[32]

Insgesamt kann man sagen, daß die gewerkschaftlichen wie die (wenigen) wilden Streiks auf höheren Lohn und bessere Arbeitsbedingungen ausgerichtet sind, nicht jedoch auf Systemveränderung und Sozialismus. Insofern war die Neufassung des Betriebsverfassungsgesetzes von 1972, in dem u.a. die betriebliche Mitbestimmung erheblich erweitert wurde, ein gelungener Beitrag zur festen Integration der Arbeiter in das kapitalistische Wirtschaftssystem der Bundesrepublik.

3.2. Die Entwicklung des Bildungssektors

Kritik an der Politik der Bundesregierung ging Ende der 60‘er Jahre, wie dargestellt, in erster Linie von Intellektuellen und Studenten aus. Da die ökonomischen Erklärungsansätze wenig überzeugend sind und mithin die Inhalte und Aktionsformen der Studentenbewegung nicht erklären können, ist es m. E. eher die allgemeine Reformpolitik als die spezielle Bildungspolitik der neuen Regierung, die die Studenten wieder in das Gesellschaftssystem reintegrierte. Trotzdem soll nicht verschwiegen werden, daß die Zugangschancen zu weiterführenden Schulen und zur Universität durch die Brandt- Regierung nicht zuletzt durch Einführung des BAföG für Kinder aus Arbeiterfamilien erhöht wurden.[33]

3.3. Die Entspannungspolitik der sozialliberalen Koalition

Als bleibende Leistung der Amtszeit Willy Brandts gilt (zurecht) die Entspannungspolitik gegenüber den Staaten des Ostblocks. Nach der von den Vorgängerregierungen vollzogenen Westintegration der Bundesrepublik war es das große Verdienst des Sozialdemokraten und späteren Friedensnobelpreisträgers Brandt, die europäische Nachkriegsordnung anerkannt und die Aussöhnung mit den Staaten Osteuropas vorangetrieben zu haben. Grundlage hierfür waren die Verträge von Moskau und Warschau von 1970, die einen Gewaltverzicht und die Anerkennung der bestehenden Grenzen –einschließlich der Aufgabe des Anspruchs auf die deutschen Ostgebiete- umfaßten und der Grundlagenvertrag mit der DDR von 1972, der ein geregeltes Nebeneinander auf friedlicher Basis ermöglichte.

Diese Abwendung von der Ideologie des „Kalten Krieges“, die die USA und die UdSSR schon in den 60‘er Jahren im Rahmen der „friedlichen Koexistenz“ begonnen hatten, fand die Zustimmung sehr großer Teile der deutschen Bevölkerung, wie die zum Plebiszit über die Ostverträge stilisierten vorgezogenen Bundestagswahlen von 1972 eindrucksvoll bestätigten. In dieser Phase, in der die Regierung ihre ganze Aufmerksamkeit der Entspannungspolitik und der Sicherung des Friedens widmete, war eine Mobilisierung der breiten Massen für den bewaffneten Kampf mit dem Argument der angeblich „aggressiven imperialistischen Politik“[34] nicht möglich.

3.4. Innenpolitische Reformen

In der Innenpolitik ist eine systematische Bestandsaufnahme schon schwieriger, da hier auf den verschiedenen Themenfeldern nicht so konsequent ein „roter Faden“ verfolgt wurde wie in der Außenpolitik. Es wird aber oft zwischen zwei Phasen der sozialliberalen Koalition unterschieden. Einer Reformphase von 1969 bis ca. 1972/73 unter dem Kanzler Brandt und eine pragmatische oder technokratische Phase von 1973/74 bis 1982.[35] Die Politik bis 1973 hat durch ihren Akzent auf der Liberalisierung und Demokratisierung des Staates zur gesellschaftlichen Isolation der RAF beigetragen, die den Staat faschistisch reden wollte; die Folgejahre waren eher bestimmt von der juristischen Isolation der RAF, deren Wirkung im fünften Kapitel beschrieben werden wird und die in ihrem willkürlichen Charakter eher zur Verlängerung des Phänomens RAF beigetragen haben.

Ich habe schon ausgeführt, daß es sich bei der 68‘er- Bewegung in Deutschland- anders als in Italien-  nicht um eine am Konflikt zwischen Lohnarbeit und Kapital orientierte Bewegung handelte, sondern daß es um postmaterielle Werte ging. Dieses Streben nach individueller Freiheit und nach Partizipationsmöglichkeiten und „echter“ Demokratie wurde z. T. schon mit dem Regierungswechsel als solchem befriedigt. Die Tatsache, daß ein Regierungswechsel zu einer Regierung jenseits der CDU überhaupt möglich war, bewies das Funktionieren der Demokratie und es war mehr als nur ein Symbol, daß die neue Regierung im Mai 1970 eine Amnestie für Straftaten im Zusammenhang mit der APO erließ und zugleich das Demonstrationsrecht liberalisierte. Auch der Forderung nach Lockerung der Moralvorstellungen, die am vehementesten von der Kommune 1 vertreten wurde, kam die Koalition mit der Streichung des Kuppelei- Paragraphen und der Entschärfung der Pornographie- Vorschriften nach.[36] Die sozialliberale Koalition ging auf beinahe allen Politikfeldern mit einem solchen Elan an die Arbeit, daß es als Ironie des Schicksals zu werten ist, daß sie gerade in dieser demokratischsten Periode der Bundesrepublik durch das Verschrecken der neuen Mittelschichten den Grundstein für spätere Wahlniederlagen legten. 

B: ITALIEN

1. DIE ENTWICKLUNG BIS 1968

1.1. Traditionen

Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Italien eine lange antistaatliche Tradition. Die Zusammenführung zweier so unterschiedlicher Landesteile wie des industrialisierten, reichen Nordens und des halbfeudalen, armen Südens hat seit der Einigung immer wieder für Spannungen gesorgt. Im Süden gibt es aufgrund der Abwesenheit staatlicher Institutionen, die das Gewaltmonopol durchsetzen könnten, zudem eine Tradition  nichtstaatlicher Gewalt. Bis in die Nachkriegszeit existierte in Süditalien ein gesellschaftliches Subsystem aus Clientelismus, Familismus, mit dem die Mafia ihre Herrschaft begründete.[37] So war es bis in die 60‘er Jahre üblich, daß man sich bei Problemen nicht an die – ohnehin machtlose- Polizei wandte sondern an den örtlichen Capo. Auch Arbeitsplätze und andere gesellschaftliche Notwendigkeiten wurden über solche informellen Strukturen vermittelt, da der staatliche Apparat gar nicht die Ressourcen hatte, die vielfältigen Probleme des Südens zu lösen.

Ebenfalls im Süden existiert eine Tradition der gewalttätigen Revolte, die im Agrarrebellismus und Banditentum ihren Ausdruck findet. Das dem Banditen anhaftende Robin- Hood- Image ist jedoch umstritten.[38] Genannt werden müssen aber noch die zahlreichen lokalen Aufstände der Tagelöhner, Pächter und Kleinbauern, sowie die Landnahmebewegung von 1943 bis 1950, an der Zehntausende Bauern beteiligt waren.[39] Auch die große anarchistische Bewegung brachte einige Aufstandsversuche hervor, wie im Jahre 1877, als die Bauern Campaniens von den Anarchisten Cafiero und Malatesta zu einem Aufstand aufgestachelt wurden.

Auch wenn der geschätzte Umfang mit 30.000 Anhängern bei rund 4000 bis 5000 in Gruppen organisierten Anarchisten 1969 der größte in Europa war[40], spielen Anarchisten für den bewaffneten Kampf der 70‘er Jahre keine Rolle, wenn sich auch immer wieder für faschistische Bombenanschläge verantwortlich gemacht wurden[41]. Die Brigate Rosse berufen sich aber auf andere historische Wurzeln.

1.2. Resistenza

Das Schlüsselereignis, auf das sich die linken bewaffneten Gruppen auch immer bezogen haben, war die Resistenza im Zweiten Weltkrieg. Im Gegensatz zu Deutschland leisteten die Italiener einen relevanten Eigenanteil zur Befreiung vom Faschismus. Der gemeinsame bewaffnete Widerstand von Kommunisten und Sozialisten, Katholiken und Liberalen ist als Gründungskonsens der Nachkriegsrepublik anerkannt. Wenn bewaffnete Gruppen der 70‘er Jahre meinen, sie müßten vollenden, was damals abgebrochen wurde, so ist darin Kritik an der Politik der Arbeiterparteien enthalten, die eine genauere Betrachtung erfordert.

Der Zweite Weltkrieg ging für Italien zweimal zu Ende. Zum einen kapitulierte Italien am 8. September 1943 vor den Alliierten, die von Süden vordrangen. Vorausgegangen war der Sturz des Duce Mussolini nach 20- jähriger Herrschaft durch den faschistischen Großrat am 25. Juli 1943 als Reaktion auf die unerfüllten Hoffnungen, die an den Krieg gestellt worden waren. Die neue Regierung unter dem Generalstabschef Badoglio stand allerdings eindeutig in faschistischer Kontinuität und versuchte Zeit zu gewinnen, um sich den Alliierten als Verbündeter gegen die „kommunistische Gefahr“ anzudienen. Einen Tag nach der Kapitulation befreiten deutsche Fallschirmjäger Mussolini und errichteten in Norditalien die „Soziale Republik von Salo“, die noch über anderthalb Jahre unter faschistischer Besatzung blieb, bevor am 28./ 29. April 1945 der Krieg auch für Norditalien zu Ende ging.

1.3. Die Wende von Salerno

 So blieb Süditalien von der Erfahrung der Resistenza ausgeschlossen und während sich der Widerstand in Mittelitalien lediglich gegen die deutsche Besatzung richtete, war er im Norden explizit antifaschistisch.[42] In dem am 8. September 1943 gegründeten Befreiungskomitee CNL waren Kommunisten, Sozialisten, Liberale, die 1942 neugegründete Democrazia Cristiana (DC) und der Partito d’azione vertreten; diese Koalition bildete in den befreiten Gebieten  gemeinsam die Verwaltung. Die Einheit zerbrach jedoch sehr bald nach der Befreiung an der Frage der zukünftigen Gesellschaftsform. Während Sozialisten, Kommunisten und Partito d’azione eine radikale sozialistische Umgestaltung forderten, wollten die bürgerlichen Parteien zunächst die Monarchie erhalten. Die Kommunisten gingen im März 1944 auf den Kompromißvorschlag ein, in die Regierung Badoglio einzutreten, ohne daß der König zuvor abdanken solle. Mit diesem als „Wende von Salerno“ bekanntgewordenen Strategiewechsel glaubte die Parteiführung um den aus der Sowjetunion zurückgekehrten Vorsitzenden Palmiro Togliatti die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft später auf  politischem, parlamentarischem Wege durchsetzen zu können.[43] Damit wurde eine vollkommen neue Konzeption der Revolution erprobt. Die Kommunisten verzichteten auf den Versuch, den antifaschistischen Befreiungskampf sofort in eine soziale Revolution zu überführen, weil sie glaubten, in einer Regierung der nationalen Einheit ihre Politik auch auf demokratischem Wege durchsetzen zu können. Die Basis ließ sich teilweise entwaffnen, weil sie an ein taktisches Manöver der Parteiführung glaubte. Tatsächlich hat Togliatti seine Idee vom „demokratischen Weg zum Sozialismus“ erst auf dem VIII. Parteitag des PCI 1956 öffentlich erläutert.

Damit einher ging eine neue Konzeption der Partei. Statt einer straff organisierten Kaderpartei, die zur Durchführung eines gewaltsamen Umsturzes nötig gewesen wäre, baute Togliatti den PCI als Massenpartei neuen Typs auf, was ein deutliches Anzeichen für den politischen Kampf war, der den militärischen ersetzen sollte.[44]

Es sei aber erwähnt, daß sich nicht alle kommunistischen Partisanen mit der neuen Linie abfinden wollten. So übte z. B. die Gruppe „Volante Rossa“ vor allem in der Gegend um Mailand nach der Amnestie Togliattis für viele Faschisten Selbstjustiz[45], und es kam auch zu spontanen Volksaufständen.[46]

Der PCI schätzte in dieser Situation offenbar einige Faktoren falsch ein: Zum einen unterschätzten sie die Rolle der Alliierten, die Italien (wie Deutschland) unter keinen Umständen an den Kommunismus verlieren wollten und sich im Wahlkampf 1948 massiv für die Christdemokraten einsetzten. So wurden die Wiederaufbauhilfen aus dem Marshall- Plan quasi von einem Wahlsieg der bürgerlichen Parteien abhängig gemacht.

Zum anderen überschätzten sie offensichtlich die politische Stärke der Arbeiterklasse. Zwar verfügten PCI und PSI in der Verfassungsgebenden Versammlung gemeinsam über mehr Sitze als die DC, doch hatten die bürgerlichen Kräfte insgesamt eine Mehrheit und so kam bei der Formulierung der Verfassung eine Reihe von unbefriedigenden Kompromissen heraus, wie der § 1: „Italien ist eine auf der Arbeit begründete demokratische Republik.“[47] Ähnlich wertlos ist das verfassungsmäßig garantierte Recht auf Arbeit, das fast nie in der Nachkriegsgeschichte Italiens hohe Arbeitslosenzahlen wirklich verhindern konnte.

1.4. Das Ende der Einheit

Die Neutralisierung der Arbeiterparteien nahm Anfang 1947 ihren Lauf, als Ministerpräsident De Gasperi (DC) die Abspaltung eines sozialdemokratischen Flügels vom PSI als Vorwand für eine Regierungsumbildung nahm, bei der der PSI- Außenminister Nenni und der kommunistische Finanzminister Scoccimarro ausgeschlossen wurden. Am 13. Mai 1947, kurze Zeit nach der Verkündung der Truman- Doktrin, die den Beginn des Kalten Krieges markiert, wurden PCI und PSI mit fadenscheinigen Begründungen aus der Regierung ausgeschlossen. Der Versuch, trotz aller Provokationen der Liberalen und der DC die Einheit beizubehalten, um bei den Wahlen stärkste politische Kraft zu werden, war gescheitert.

Der extrem polarisierte Wahlkampf vor der Wahl am 18. April 1948 gegen die „Volksfrontliste“ von Kommunisten und Sozialisten brachte der DC mit 48,5 % der Stimmen die absolute Mehrheit der Mandate und den Arbeiterparteien eine katastrophale Niederlage.

Besiegelt wurde die Niederlage der Arbeiterklasse durch die Spaltung der kommunistisch dominierten Einheitsgewerkschaft CGIL, die von den katholischen Mitgliedern nach den Ausschreitungen anläßlich des Attentats eines faschistischen Studenten auf Togliatti vom 14. Juli 1948 im darauffolgenden Monat verlassen wurde. Diese gründeten eine eigene Gewerkschaft und schlossen sich 1950 mit weiteren, sozialdemokratischen Dissidenten zur CISL zusammen.[48]

1.5. Entwicklung des Wirtschaftssektors

Damit war in Italien der Grundstein für die „kapitalistische Restauration“ gelegt worden, die in erster Linie auf dem Rücken der Arbeiterschaft stattfand. Hohe Arbeitslosenquoten und der faktische Stop der Reallöhne kennzeichneten die Schwäche der Arbeiterbewegung und ermöglichten ein „Wirtschaftswunder“, das Ende der 50‘er Jahre einsetzte und seinen Höhepunkt 1963 hatte, bevor es von einer schweren Rezession abgelöst wurde. Der wirtschaftliche Aufschwung beschränkte sich aber weitgehend auf den Norden des Landes, was starke demographische Folgen hatte. Während der Norden eine rasante Industrialisierungsphase durchmachte, verlor der agrarische Süden wirtschaftlich an Bedeutung. Der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten nahm zwischen 1951 und 1971 von 38 auf 18 % ab. In der gleichen Zeit stieg der Anteil der Arbeiter von 47 auf 56 %, der lohnabhängigen Mittelschicht von 10 auf 15 %, während der Fall des Anteils der selbständigen Mittelschicht von 40 auf 26 % den Kapitalakkumulationsprozeß in dieser Phase verdeutlicht. Der Nord- Süd- Gegensatz wurde noch verschärft, da sich die modernen landwirtschaftlichen Betriebe im Norden befanden, während im Süden überwiegend unproduktive Latifundienwirtschaft dominierte.[49]

Dieser Wechsel in der Beschäftigtenstruktur spiegelt sich auch in den Wanderungsbewegungen innerhalb Italiens wider. Diese zeigen nicht nur relevante Süd- Nord- Bewegungen sondern auch Umzüge aus kleinen Städten in die Industriezentren, insbesondere das Dreieck Mailand- Turin- Genua. In den 10 Jahren zwischen 1952 und 1962 wechselte ungefähr ein Drittel der Bevölkerung Italiens den Wohnort.[50]

Die zugewanderten, jungen Arbeiter waren i.d.R. unqualifizierte Fließbandarbeiter und arbeiteten in der Großindustrie, wofür Fiat in Italien beispielhaft steht. Mit den Arbeiterorganisationen verband diese Massenarbeiter meist nichts, zum einen wegen der fehlenden gewerkschaftlichen Tradition im Süden, zum anderen weil die Gewerkschaften (insbesondere die CGIL) ihre Politik im Sinne einer Klassengewerkschaft nicht betrieblich sondern national ausrichteten und die Arbeitsbedingungen in den Großfabriken kaum thematisierten. So verlor die CGIL in den 50‘er Jahren nicht nur wegen der Repression gegenüber kommunistischen Gewerkschaftsmitgliedern sondern auch wegen der Vernachlässigung der Arbeit in den Betrieben an Boden.

Die Lebensbedingungen der Massenarbeiter waren charakterisiert durch einen Zustand „relativer Deprivation“.[51] Sie wohnten vereinzelt in den großen, „Schlafstädte“ genannten Vorstadtghettos der Metropolen, in denen es an jeder kulturellen Infrastruktur (Bars, Treffpunkte), z. T. sogar an den nötigsten sanitären Einrichtungen mangelte.

Nach dem vorläufigen Ende des Wirtschaftsaufschwungs 1963 versuchten die Unternehmer die Rezession mit einer Neuorganisation des Arbeitsablaufs zu überwinden. Die Mittel hierzu waren: Erhöhung der Arbeitsintensität, Verlängerung der Arbeitszeit, Vereinfachung und Dequalifizierung einzelner Arbeitsschritte, also Verstärkung der Arbeitsteilung. Gerade die Kombination dieser Komponenten macht den Arbeitstag in der Großfabrik für viele Arbeiter unerträglich. Eine einseitig auf Lohnerhöhungen ausgerichtete Gewerkschaftspolitik ist für diese Arbeiter kaum interessant.[52]

Ein weiteres neues Produkt der kapitalistischen Entwicklung ist die „Proletarisierung“ großer Teile der Techniker- Angestellten, die im Zuge der ersten großen Umstrukturierungswelle 1964/65 als Gruppe quantitativ stark zugenommen hatten. Waren diese früher oft als Verbündete der „capi“ verhaßt, so bringt die rasche Entwicklung der Großindustrie radikale Veränderungen der Angestellten- Tätigkeiten mit sich. Diese werden automatisiert, aufgeteilt und in Arbeitsrhythmen organisiert und auch ihre Lebensumstände nähern sich denen der Arbeiterklasse an. Viele Techniker- Angestellte von Sit- Siemens in Mailand schließen sich später den Roten Brigaden an.[53]

1.6. Entwicklung des Bildungssektors

Eine zweite für diese Arbeit relevante Entwicklung betrifft den Bildungssektor. Dieser ist charakterisiert durch die mißglückte Kopplung der Entwicklung des Erziehungswesens an die wirtschaftliche Entwicklung.

In der Expansionsphase der Wirtschaft bis Ende der 50‘er Jahre hatte diese fast ausschließlich Bedarf an ungelernten Fließbandarbeitern. 1963 hatten 6 Mio. von insgesamt 7 Mio. Industriearbeitern höchstens die fünfjährige Pflichtgrundschule (scuola elementare) absolviert. Mit der Modernisierung in den 60‘er Jahren, die eine zunehmende Tertiarisierung mit sich brachte, trat dann ein Fachkräftemangel auf, auf den die Mitte- Links- Regierung 1963 mit der Erweiterung der Schulpflicht um die dreijährige Mittelstufe (scuola media inferiore) reagierte. Dies brachte für Arbeiterkinder theoretisch eine Vereinfachung, auf höhere Schulen zu gelangen. Als dann mit der wirtschaftlichen Stagnation die Arbeitsplätze wieder knapper wurden, absolvierten viele Schüler lieber noch die Oberstufe oder wechselten auf die Universität. Dies führte zu einer dramatischen Überbelegung der Gymnasien und Universitäten. So verdoppelte sich die Zahl der Studenten von 1951 bis 1968 auf 550.000; die Zahl der Gymnasiasten stieg im selben Zeitraum gar von 430.000 auf 1780.000. Das führte dazu, daß von den Absolventen nur ca. 20% einen angemessenen Job finden konnten.[54]

 Zum anderen waren aber auch die Universitäten in keiner Weise auf den Ansturm vorbereitet. Es fehlte an personeller Ausstattung, an Wohnraum und an modernen, dem Stand der Wissenschaft entsprechenden Ausbildungsinhalten. Veraltete Skripte von überforderten Dozenten mußten auswendig gelernt und in einer ca. zehnminütigen Prüfung heruntergebetet werden; eine Diskussion über Inhalte fand nicht statt. HESS beschreibt den Universitätsbetrieb als „rituell, inhaltsleer und in keiner Weise stimulierend“.[55] Geldmangel zwang die Studenten darüber hinaus zur Arbeit neben dem Studium, was zu dem weitverbreiteten Phänomen der Werkstudenten führte und die teilweise Vereinigung von Studenten und Arbeitern in den großen sozialen Auseinandersetzungen Ende der 60‘er Jahre beförderte.

1.7. Entwicklung der linken Parteien

Strukturelle Mängel im ökonomischen und Ausbildungsbereich bringen also Unzufriedenheit hervor. Es erscheint sinnvoll, an dieser Stelle die Entwicklung der linken Parteien nachzuzeichnen, um zu verstehen, warum die entstehende Unzufriedenheit von PSI und PCI nicht mehr aufgefangen werden konnte. Die Umwandlung der Unzufriedenheit in Protest hat die Entstehung der Arbeiterautonomie- Bewegung und letztlich des bewaffneten Kampfes begünstigt.

1.7.1. Entwicklung des PSI

Der PSI hielt bis 1956 an der Aktionseinheit mit den Kommunisten fest, die danach in einen Konsultationsvertrag abgewertet wurde. Zeitgleich begann der PSI einen Dialog mit den Katholiken und nahm mit den abgespaltenen, antikommunistischen Sozialdemokraten Kontakt auf, um die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit auszuloten. Daß im PSI reformistische Vorstellungen die Oberhand gewannen, ist auf den Effekt des Wirtschaftswunders zurückzuführen, der die Reallöhne steigen ließ und den Gewerkschaften allgemein zu einer stärkeren Position gegenüber den Arbeitgebern verhalf. Die steigende Konjunktur (und die Auswanderung) hatte das Heer von Arbeitslosen soweit dezimiert, daß das Drohpotential der Unternehmer Anfang der 60‘er stark geschrumpft war.

Was ALBERS als „Preisgabe ihrer bisherigen Klassenpositionen“ bezeichnet[56], bekommt ab März 1962 halbformalen Charakter, als die Sozialisten eine DC- geführte Regierung durch ihre Stimmenthaltung im Parlament stützen. Die weitgehenden Strukturreformen, die im Regierungsprogramm verabredet wurden (Nationalisierung der Elektrizitätswirtschaft, Autonomie der Regionen, Entwicklung staatlicher Wirtschaftsplanungen, Ausbau und Demokratisierung der Hochschulen), wurden jedoch wegen der einsetzenden Rezessíon nur teilweise verwirklicht. Nach dem offiziellen Eintritt des PSI in die Regierung Moro wurden Putschgerüchte bekannt, mit denen Druck auf die Sozialisten ausgeübt wurde, die Koalition mit der DC ohne Bedingungen fortzusetzen[57].

Das Meisterstück, mit formell wechselnden Regierungen die gleiche Politik zu betreiben, wird „trasformismo“ genannt und hat in Italien Tradition.[58] Die Christdemokraten und besonders ihr genialer Stratege Aldo Moro nutzten den trasformismo zum Machterhalt, indem sie wechselnden Koalitionspartnern den Eindruck der Teilhabe an der Macht verschafften, ohne daß es tatsächlich zu einem Politikwechsel kam.

Aus Unzufriedenheit mit dem Kurs der Parteiführung spaltete sich im Januar 1964 die Parteilinke ab und gründete die PSIUP, der sich auch über die Hälfte der sozialistischen Gewerkschafter anschlossen. Dadurch wurde für den Rest- PSI der Weg frei für eine Wiedervereinigung mit den Sozialdemokraten zur PSU, die den Weg nach rechts im Oktober 1966 vorläufig abschloß.

1.7.2. Entwicklung des PCI

Der PCI hatte nach der herben Niederlage von 1948 ebenso wie der PSI mit den Auswirkungen der kapitalistischen Restauration zu kämpfen. Dabei kam für die Kommunisten erschwerend hinzu, daß sie sich nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 mit den Verfehlungen der Stalin- Ära auseinanderzusetzen hatte. Andererseits gab der XX. Parteitag dem PCI auch Rückenwind, denn er bestätigte Togliattis Linie des demokratischen Weges zum Sozialismus.[59]

Für die Folgezeit beschreibt LEONHARD die wachsende Bedeutung der Schriften Antonio Gramcis auf das Wirken des PCI.[60] Man suchte den Dialog mit den Mittelschichten und fortschrittlichen katholischen Kreisen, um die Hegemonie der Bourgeoisie schrittweise durch eine „Hegemonie der Arbeiterklasse“ zu ersetzen. Die konkreten politischen Schritte dahin waren für die Kommunisten auf wirtschaftlicher Ebene Ausdehnung des staatlichen Sektors und demokratische Kontrolle desselben und auf der administrativen Ebene die Dezentralisierung des Staatsapparates durch die Einführung der in der Verfassung vorgesehenen Regionen[61]. Die zunehmende Konzentration auf Wählerstimmen brachte den bisher von Fraktionskämpfen weitgehend verschont gebliebenen PCI  Mitte der 60‘er Jahre in eine Krise. Eine Minderheit warnte nach dem Tod Togliattis 1964 vor einer Fixierung auf die Eroberung des Staatsapparates mit dem Stimmzettel und forderte einen verstärkten „Stellungskrieg“ an der Basis der Gesellschaft. Die exponierten Vertreter dieser Strömung um die Zeitschrift „Il manifesto“ wurden 1969 aus der Partei ausgeschlossen. Auch der Jugendverband der Kommunisten FGCI wurde verschiedener Abweichungen bezichtigt, insbesondere des „terzomondismo“, des zu solidarischen Bezugs auf die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt.[62]

Anders als die DC mit ihren unzähligen „correnti“[63] galt für den PCI das Leninsche Dogma vom „demokratischen Zentralismus“. Dieses Organisationsprinzip verbot die Fraktionsbildung und forderte die Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit und die Einheit der Partei in der Aktion nach freier Diskussion. Die Anwendung dieser in der illegalen Kaderpartei Lenins sehr erfolgreichen Prinzipien in der demokratischen Massenpartei PCI führte im Laufe der Zeit zur Konzentration von Macht bei wenigen Funktionären, die Gefahr liefen, lieber ihre Privilegien zu sichern als „ihre Rolle als revolutionäres Korrektiv gegen den Tradeunionismus der Massen zu erfüllen“.[64] Mit dem „demokratischen Zentralismus läßt sich auch die scheinbar paradoxe Gegenbewegung der Mitgliederzahl und der Wählerzahl bis zum Ende der 60‘er Jahre erklären. Während immer mehr Mitglieder den PCI wegen des Mangels an innerparteilicher Demokratie verließen, kam das geschlossene Auftreten, das der „demokratische Zentralismus“ garantierte, bei den Wählern offenbar gut an.

1.8. Entstehung des Operaismus

Insgesamt kann eine ähnliche programmatische Entwicklung wie beim PSI festgestellt werden, die den Willen zur Gestaltung des PCI, man könnte auch sagen: die Furcht vor Isolation, aufzeigt. In das theoretische Vakuum, das der PCI im linken politischen Spektrum hinterließ, stießen in den 60‘er Jahren verschiedene Gruppen und Strömungen, von denen der Operaismus[65] besondere Erwähnung verdient, weil er die Theorie verschiedener außerparlamentarischer Gruppen wie Potere Operaio, aber auch der Brigate Rosse vorwegnimmt.

Entwickelt wurde der Operaismus in den „Quaderni Rossi“, die von einer Gruppe um Raniero Panzieri und Mario Tronti herausgegeben wurden. Kernthese ist, daß die gegenwärtigen Verhältnisse in Italien nicht mehr geprägt seien durch den Gegensatz von Planung in der Fabrik und Anarchie in der Zirkulation der Waren, daß also, einfacher ausgedrückt, der Konkurrenzkapitalismus durch den Monopolkapitalismus abgelöst worden sei und damit die Bedingungen seiner Konsolidierung schaffen könne, statt zwangsläufig die Aufhebung des Kapitalverhältnisses zu fördern. Damit sei die Theorie des PCI vom automatischen und zwangsläufigen Zusammenbruch des kapitalistischen Systems hinfällig, denn dieses sei nun in der Lage zu planen und sich selbst zu beschränken. Das einzige nicht vollständig kontrollierbare  Element im Produktionsprozeß sei die Arbeitskraft, so daß ein revolutionärer Prozeß nur durch einen voluntaristischen Akt der Arbeiterklasse ausgelöst werden könne.[66]

Damit wurde den traditionellen Arbeiterparteien und Gewerkschaften das Recht streitig gemacht, zentrales Subjekt der Klassenauseinandersetzung zu sein und so entstand schließlich die Bewegung der Arbeiterautonomie.

2. DIE STUDENTENBEWEGUNG 1968 UND DER „HEIßE HERBST“ 1969

Die Jahre 1968 und 1969 brachten in Italien den Ausbruch der Entwicklung, die sich seit 1962 anbahnte und die in den vorigen Abschnitten skizziert wurde. 1962 endete mit den Ausschreitungen auf der Turiner Piazza Statuto die Phase des Wiederaufbaus, dessen einseitige Lastenverteilung zuungunsten der Arbeiterklasse nun nicht mehr stillschweigend hingenommen wurde. Ursache der Unruhen war ein seperater Tarifvertrag für die Metallbranche zwischen der Fiat und der sozialdemokratischen Gewerkschaft UIL. Die Arbeiter fühlten sich von der UIL verraten und zogen zu deren Sitz auf der Piazza Statuto, wo es zu schweren Auseinandersetzungen und mehrtägigen Straßenschlachten mit der Polizei kam. Die Ereignisse vom 7. bis 9. Juli 1962 waren die gewalttätigsten Arbeiterdemonstrationen seit Kriegsende. Was die Demonstration aber zu einem besonderen Datum machte, war die Tatsache, daß auf ihr die Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse erstmals deutlich wurde, weil die Demonstration von den Massenarbeitern getragen wurde und keinerlei Unterstützung von den Gewerkschaften bekamen. Die Operaisten werteten die Ereignisse als Bestätigung ihrer Theorien.[67]

Bereits zwei Jahre zuvor, im Juli 1960, war es in Genua zu sehr gewalttätigen Demonstrationen gegen den geplanten Nationalen Kongreß des faschistischen MSI gekommen. Die provokative Durchführung ausgerechnet im „roten“ Genua, einer Hochburg der Resistenza, war den Faschisten von der Regierung des DC- Rechtsaußen Tambroni als Gegenleistung für die parlamentarische Unterstützung zugesichert worden. An den Protesten nahmen erstmals auch viele Studenten teil, die bis dahin als konservativ galten. Der Kongreß mußte abgesagt werden und die Regierung Tambroni mußte zurücktreten, womit die „alternativa destra“ gründlich desavouiert war und Aldo Moro den Spielraum für die geplante Öffnung der DC nach links bekam. In den folgenden Jahren waren faschistische Überfälle auf dem Universitätsgelände in vielen Städten an der Tagesordnung.

2.1. Die Studentenbewegung

Es muß aber klargestellt werden, daß die Studentenproteste lange Zeit reformistische Ziele hatten. Teilweise waren die Inhalte trotz neuer Protestformen wie Universitätsbesetzungen oder Vollversammlungen sogar konservativ, wie der Kampf um den Erhalt des Soziologie- Abschlusses in Trento, der in einen Politik- Abschluß „abgewertet“ werden sollte.

Während die Studenten  bei der Besetzung der Sapienza in Pisa in ihren „tesi della Sapienza“[68] die Situation der Studenten als mit der Situation der Arbeiter vergleichbar bezeichneten, ihre Forderungen aber noch reformistisch blieben[69], transportierte das vom späteren BR- Ideologen Renato Curcio beeinflußte Konzept der „Negativen Universität“ im Herbst 1967 in Trento verstärkt systemoppositionelle Inhalte. Nachdem hierin zunächst die Rolle der Universität als Herrschaftsinstrument im Klassenkampf analysiert wird, das durch die Mechanismen der Selektion, aber auch durch die Inhalte und die Art ihrer Vermittlung wirksam würde, propagierten die Autoren ihre Idee einer „Negativen Universität“. Die Universität wird aber als lediglich ein Kampfplatz angesehen, an dem die „Herausbildung (...) einer revolutionären Bewegung der unteren Klassen“[70] organisiert werden solle, denn nur der Umsturz des Staates könne eine Umstrukturierung des Bildungssektors möglich machen.[71]

Curcio selbst verneint zwar den revolutionären Charakter dieses Papiers im Rückblick, stellt aber die theoretische Schaffung des „Antisoziologen“ heraus, der mit den marginalisierten sozialen Kräften zusammenarbeiten solle, um so mehr Mitsprache und Eingriffsmöglichkeiten zu erreichen.[72]

2.2. Verbreiterung und Radikalisierung- Die „Schlacht von Valle Giulia“

Der Versuch, die Radikalisierung der Bewegung in einer einfachen Kausalkette zu erklären, muß an der Vielzahl der Ereignisse scheitern, die meist  ihre eigenen lokalen Auslöser hatten. Ein Ereignis taucht in den Erzählungen ehemaliger Protagonisten aber immer wieder auf: die „Schlacht von Valle Giulia“ am 28. Februar 1968. An diesem Tag sollten in der besetzten Universität in Rom Prüfungen durchgeführt werden, und die Studenten setzten „gleichberechtigte“ Prüfungen durch. Sie fanden öffentlich statt, und der Prüfer mußte die Note begründen und mit den anwesenden Studenten diskutieren. Diese konnten die Note dann auch ablehnen. Noch am selben Nachmittag ließ der Rektor die Universität räumen. Auf der anschließenden Demonstration begannen die Studenten entgegen ihrem früheren Verhalten eine gewalttätige Straßenschlacht mit der Polizei. Diese Demonstration wurde zum Mythos und Bezugspunkt der ganzen Studentenbewegung, weil die Studenten erstmals in so gewalttätiger Weise der Staatsmacht gegenübertraten.[73]

Die durch die Repression der Polizeikräfte beförderten negativen Erfahrungen mit dem Staat verstärkten sicherlich die Radikalisierung der Studentenbewegung und gaben den unterschiedlichen Strömungen (Movimentisten um den späteren Lotta Continua- Gründer Guido Viale vs. die ML- orientierte Gruppe in Trento) eine gemeinsame Erfahrung, die die erheblichen Differenzen in der Organisationsfrage in den Hintergrund treten ließen.

2.3. Arbeiterautonomie

Die Arbeiterkämpfe, die ähnlich der Studentenbewegung alle ihre eigenen lokalen Auslöser hatten, nahmen Ende der 60‘er Jahre aufgrund der skizzierten Politik der Arbeiterorganisationen ein hohes Maß an Autonomie von diesen an. Doch es entwickelten sich auch noch weitergehende Dimensionen. Zum einen hatte die Autonomie eine inhaltliche Stoßrichtung, die auf einheitlichen und mehr Lohn bei weniger Arbeit abzielte und so die Rentabilitätslogik des Kapitalismus angriff; zum anderen bezog sie sich auch auf die Kampfformen, wie Absentismus, Sabotage, „wilde Streiks“, „Selbstreduktionen“ von Mieten etc., die offensiver wurden und Militanz immer klarer einbezogen.[74]

Die Kämpfe waren inspiriert von den Aktionsformen und der Radikalität der Studenten, die sich seit Anfang 1968 verstärkt vor den Fabriktoren einfanden und die Arbeiter agitierten. Die inhaltlichen Forderungen kreisten neben den Lohnforderungen um die in der Rezession 1964/65 verschärften Arbeitsbedingungen. Das soziale Subjekt der Arbeiterkämpfe der späten 60‘er Jahre und des Heißen Herbstes 1969 war nicht mehr der klassenbewußte Facharbeiter sondern der ideologisch ungebundene Massenarbeiter aus dem Süden. Er sah in der Fabrikarbeit die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs und der Partizipation an der Wohlstandsgesellschaft und mußte erleben, daß sein Alltag durch unmenschliche Arbeitsrhythmen bestimmt wurde.

2.4. Das Verhältnis der Massenarbeiter zu den Gewerkschaften

So ist es nicht verwunderlich, daß es eben nicht die Gewerkschaften sind, die die Arbeiterkämpfe anführen, wie ALBERS in seiner Dissertation behauptet.[75] Zumindest in den Großfabriken waren es die Protagonisten der Arbeiterautonomie, die sich in den Basiskomitees (CUB’s) eine von den Gewerkschaften unabhängige Organisationsform gaben und in ihren Inhalten wie in ihren Aktionsformen die Logik des gewerkschaftlichen Tarifkampfes als unzureichend angriffen.[76]Wo „Vogliamo tutto e subito !“  zum „Programm“ der Bewegung wird, scheint eine Vermittlung kaum möglich, und deshalb wurde der Tarifabschluß durch die Gewerkschaften, der Lohnerhöhungen von 16 bis 20 %, sowie bestimmte Verbesserungen der Arbeitsbedingungen brachte, von vielen Arbeitern nur als Teilerfolg angesehen. Zurecht, denn die Lohnerhöhungen, die die italienischen Arbeiter an den europäischen Durchschnitt heran führten, wurden durch Preissteigerungen in den Jahren 1970/71 zum großen Teil wieder kassiert.

Die Tatsache, daß es den Gewerkschaften gelang, bestimmte Forderungen der Bewegung aufzunehmen, ließ mitnichten eine „systemüberwindende Alternative“ sichtbar werden[77] sondern offenbarte den systemstabilisierenden Charakter der Institutionen der Arbeiterbewegung. Deren Politik trug in den 70‘er Jahren zu tiefgreifenden strukturellen Veränderungen in der Wirtschafts- und Sozialstruktur bei. Diese führten aber nicht zu Systemveränderungen im Marxschen Sinne sondern zu einer Neutralisierung der radikalen, kampfbereiten Teile der Arbeiterklasse. Die Avantgarden des „Heißen Herbstes“ waren die Arbeiter der Großfabriken besonders der Metallbranche. Hier vertraten die Fachgewerkschaften auch viel weitergehende Forderungen als die Gewerkschaftszentralen- besonders der CGIL- die als Klassengewerkschaft auch die weniger fortschrittlichen Teile der Arbeiterschaft vertreten mußte und deshalb vor separaten betrieblichen Forderungen in der Großindustrie zurückschreckte. ALBERS‘ Fehler besteht darin, daß er nicht erkennt, daß der soziale Konflikt, den er untersucht, nicht nur zwischen der Arbeiterklasse und dem kapitalistischen Block aus Unternehmern und DC verläuft sondern auch zwischen einem kampfbereiten, autonom organisierten Teil der Arbeiterklasse, deren Basis die Massenarbeiter der Großfabriken waren und einem staatlichen Block aus Regierung, Arbeiterparteien und Gewerkschaften, die die radikalen, über die Tariflogik hinausgehenden Kämpfe wieder in institutionelle Bahnen lenken wollten, bzw. denen bestimmte reformistische Zugeständnisse ausreichten.

Es soll hier nicht bewertet werden, welche Strategie die realistischere gewesen ist. Es soll lediglich die Kluft beschrieben werden, die sich zwischen den Arbeiteravantgarden, also den fortschrittlichsten Teilen der Arbeiterklasse, in den Großfabriken und den Arbeiterorganisationen gebildet hatte und in die die studentischen (und später die bewaffneten) Gruppen mit ihren radikalen Forderungen und ihren neuen, faszinierenden Aktionsformen eindringen konnten.

2.5. Strategie der Spannung und das Massaker auf der Piazza Fontana

Die Auseinandersetzungen des Herbstes 1969 sind gekennzeichnet durch die harte Linie von Polizei und Justiz, die in nur drei Monaten ca. 13.000 Verfahren einleiteten. Diese waren nur ein Teil eines strategischen Konzeptes, das die instrumentelle Nutzung neofaschistischer Gruppen wie der Geheimdienste beinhaltete, die mit Gewaltakten halfen, ein Klima der Spannung zu erzeugen, das über die Medien transportiert wurde und den Wunsch nach einem „starken Staat“ beförderte.[78]

Den Höhepunkt einer Serie von Attentaten im Jahr 1969 stellte der Bombenanschlag auf der Piazza Fontana am 12. Dezember 1969 in Mailand dar, bei dem 16 Menschen starben und über 80 verletzt wurden Zur gleichen Zeit explodierten weitere Bomben in Rom, für die von staatlicher Seite schnell „anarchistische Gewalttäter“ verantwortlich gemacht wurden.[79]

Diese „Strategie der Spannung“, die im Winter 1970 auch noch den Putschplan des ehemaligen faschistischen Kommandanten der Republik von Salo, Valerio Borghese, ans Tageslicht brachte, ist sicherlich ein wichtiger Grund für die Konzeption des „Historischen Kompromisses“, die der PCI ab 1973 offiziell vertrat, einerseits, wie auch für die Radikalisierung und Bewaffnung von Teilen der Bewegung andererseits.

2.6. Konklusion

Die Geschichte der italienischen Arbeiterbewegung ist die Geschichte der andauernden Entscheidung zwischen einem integrationistischen, reformistischen Weg und einer revolutionären, an den Prinzipien des Klassenkampfes orientierten Perspektive. Die Organisationen der Arbeiterbewegung haben sich immer für den reformistischen Weg entschieden; angefangen bei der Wende von Salerno, dem Rauswurf aus der Regierung, dem Attentat auf Togliatti über die offizielle Deklaration des „italienischen Weges zum Sozialismus“ 1956 und den Eintritt der Sozialisten in die Mitte- Links- Regierung bis zum Heißen Herbst 1969 haben sich die Arbeiterorganisationen immer gegen einen Teil der eigenen Basis auf die Seite der staatstragenden Kräfte gestellt. Dies geschah in dem Glauben, man müsse nur an die Regierung kommen, um den Staat nach den eigenen Vorstellungen umformen zu können.

Weitreichende strukturelle Veränderungen im ökonomischen und Bildungssektor bewirkten die Entstehung eines Protestpotentials, das Massenarbeiter in den Großfabriken des Nordens, proletarisierte Techniker- Angestellte und Arbeiter- Studenten umfaßte und nicht mehr durch die Arbeiterorganisationen eingebunden wurde.

Die Entscheidung für den bewaffneten Kampf wurde in der speziellen Situation Ende der 60‘er Jahre begünstigt durch das Zusammentreffen der Arbeiterbewegung mit der Studentenbewegung, die neue Aktionsformen  und die Kenntnis von Revolutionstheorien einbrachte.

Die Tatsache, daß der bewaffnete Kampf von einer signifikanten Zahl an Arbeitern mit Sympathie aufgenommen oder gar unterstützt wurde, liegt in den objektiven Lebensumständen der Arbeiter begründet, für die der PCI mangels Regierungsgewalt und der PSI mangels Durchsetzungskraft bisher wenig getan hatte. Die Gewerkschaften sahen sich zudem der Vertretung auch der rückständigeren Teile der Arbeiterklasse verpflichtet, die den größten Teil der Arbeiterschaft ausmachten.

Die Aufnahme oder Unterstützung des bewaffneten Kampfes wurde unter der Bedingung der Repression und der Strategie der Spannung zudem durch die genannten süditalienischen Traditionen und den Mythos der Resistenza erleichtert. In dieser Situation bedurfte es nur noch eines Auslösers, der mit dem Attentat auf der Piazza Fontana gegeben war.

 

3. GRÜNDE FÜR DIE ISOLATION DER ARBEITERAUTONOMIE UND DER BR

Eine zentrale These dieser Arbeit ist nun, daß der bewaffnete Kampf nur unter den günstigen Bedingungen der Jahre 1969/70 entstehen konnte und daß seine Unterstützung von diesen Bedingungen abhängig war. Ein Grund für die Isolation der Brigate Rosse ist also in den Veränderungen dieser Bedingungen im Laufe der 70‘er Jahre zu finden. Da die BR vorwiegend von den Massenarbeitern der großen Fabriken des Nordens unterstützt wurden, sollen nun die strukturellen Veränderungen in der Großindustrie sowie die allgemeinen politischen Veränderungen untersucht werden. Voranstellen möchte ich auch hier einige Thesen:

1.    Die verstärkten Bemühungen der Entwicklungshilfe für den Süden durch die Regierung haben die innere Emigration gestoppt oder zumindest verlangsamt und damit das Potential der entfremdeten, unzufriedenen Massenarbeiter verringert.

2.    Eine radikale Umstrukturierung der Wirtschaftsbereiche mit einer zunehmenden Tertiarisierung vermindert den gesellschaftlichen Einfluß der Industriearbeiterschaft. Hohe Arbeitslosenquoten unter Jugendlichen und besonders unter Hochschulabsolventen verlagern das Konfliktpotential hin zur Bewegung von 1977.

3.    Die Reformen der Mitte- Links- Regierungen begannen im Verlaufe der 70‘er Jahre zu greifen und haben zumindest subjektiv eine Verbesserung des Lebensstandards der Industriearbeiterschaft bewirkt.

4.     Damit einhergehend hat die Integrationsfähigkeit der Arbeiterorganisationen wieder zugenommen.

 

3.1. Entwicklung des Südens

Italien ist schon seit dem 19. Jahrhundert geprägt von einem großen Entwicklungsgefälle zwischen dem unterentwickelten, agrarischen Süden und dem reichen, industrialisierten Norden.

Die Subventionierung des Südens nach dem Zweiten Weltkrieg nahm ihren Anfang mit der Einrichtung der „Cassa per il Mezzogiono“[80] 1950, die zwar Tausende von Milliarden Lire in den Süden pumpte, aber aufgrund des clientelistischen Gesellschaftssystems in Süditalien kaum mehr war als ein „gigantisches Instrument zur Schaffung einer christdemokratischen Wählerklientel“.[81]

Erst in den 60‘er Jahren wurde die Industrialisierung des Südens zu einem Schwerpunkt für die Mitte- Links- Koalition. So wurden die staatlichen Holdinggesellschaften IRI und ENI angewiesen, bis zu 80 % ihrer Investitionen im Süden zu tätigen, und es entstanden gigantische Industrieprojekte. Auch wenn ein Großteil der Investitionen in korrupten Verwaltungen versandete und auch wenn die Mafia in vielen Teilen Süditaliens wahrscheinlich der größte Arbeitgeber war, kam die Binnenwanderung in den 70‘er Jahren zum Stillstand. Während die nördlichen Großstädte zwischen 1972 und 1980 ein negatives Wanderungssaldo haben, verzeichnen die Großstädte des Südens einen Bevölkerungsanstieg.[82] Damit ist sicherlich eine Entlastung der Lebensumstände in den norditalienischen Metropolen verbunden, die aber nicht allein auf die Industrialisierung des Südens zurückzuführen ist[83].

3.2. Umstrukturierung des Industriesektors

Vielmehr kam es in den 70‘er Jahren zu einer großangelegten Umstrukturierung der italienischen Wirtschaft. Neben der Relativierung des Einflusses der Industriearbeiterschaft durch den immer stärker wachsenden Dienstleistungssektor[84], kam es auch innerhalb des Industriebereichs zu gravierenden Veränderungen. So fiel der Anteil der Großbetriebe am Gesamtumsatz der Industrie von 27 % (1973) auf 12,6 % (1981), während die Kleinunternehmen ihren Anteil von 21,2 % auf 34,2 % steigerten. Damit einher gingen Dezentralisierungstendenzen in der Großindustrie, die auf eine Revision der Erfolge der Arbeiterklasse in den Auseinandersetzungen von 1969 zielten. So wurde die Produktion teilweise ausgelagert, die Belegschaften einzelner Großbetriebe wurden zersplittert, Arbeitsabschnitte wurden an Fremdfirmen vergeben und besonders kämpferische Betriebseinheiten wurden geschlossen.[85] Besonders stark betroffen war die Fiat, die unter dem Vorwand, Arbeitsplätze schaffen zu wollen, neue Werke in Süditalien (Cassino, Sizilien) errichtete und so die hochexplosive Zusammensetzung der Arbeiterschaft zergliederte.[86] So kommt es in der Großindustrie im o. a. Zeitraum zu einem Abbau von 400.000 Arbeitsplätzen[87], der zudem auf eine verstärkte Automatisierung der Produktion zurückzuführen ist.

Den radikalen linken Gruppen wie Lotta Continua ist dieser Angriff auf die eigene Machtbasis durchaus bewußt gewesen[88]. Das Kalkül der Unternehmer bei diesen Umstrukturierungsprozessen war auch den Roten Brigaden bewußt. Wie wir noch sehen werden, sind sie der Antrieb für den Strategiewechsel zum „Angriff auf das Herz des Staates“.

ALF bemerkt zurecht, daß ein Hauptfehler der Neuen Linken in der Konzentration auf die Großbetriebe besteht. Aus diesem verengten Blickwinkel auf die radikalen, fortschrittlichen Kämpfe dort resultiere die falsche Einschätzung einer potentiell revolutionären Situation, die nur von PCI und Gewerkschaften blockiert werde.[89]

Die steigende Produktivität durch Automatisierung führte zu einer steigenden Arbeitslosigkeit, die in der Folge der Wirtschaftskrise von 1975 allerdings immer stärker Jugendliche und Hochschulabsolventen auf Erstbeschäftigungssuche traf. Geringer war der Anteil derjenigen, die durch den klassischen Fall des Arbeitsplatzverlustes arbeitslos wurden. So wuchs eine neue Protestgeneration heran, die nicht über den Erfahrungshintergrund der Fabrikkämpfe verfügte.

Exkurs: Die Autonomia von 1977

Die Arbeits- und Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher führte zu einer neuen, strukturellen Spaltung der Arbeiterklasse. Nunmehr wurde nicht mehr zwischen Massen- und Facharbeiter sondern zwischen „garantiti“, deren Arbeitsplätze und materielle Versorgung gesichert waren und „non- garantiti“ unterschieden, die von wechselnden Jobs (wenn überhaupt) nur mehr schlecht als recht leben konnten. Auch die Flucht vor der Arbeitslosigkeit auf die Universität stellt nur einen Umweg dar, denn der Markt für intellektuelle Arbeit ist aufgrund des Anstiegs an Hochschulabsolventen ebenfalls nur marginal.

In diesem Bewußtsein wurde alle traditionelle Politik und Kultur, einschließlich der Arbeiterkultur radikal abgelehnt, und es entwickelte sich eine Gegenkultur, die sich in Ablehnung des Konsumwahns, verlogener Moralvorstellungen und der Ausbeutung und Unterdrückung in den Kleinbetrieben, in denen sie gelegentlich jobbten, äußerte. Man kann sagen, daß mit der Bewegung von 1977 die postmaterielle Revolte nachgeholt wurde, denn während die Themen in Deutschland schon von der Studentenbewegung 1968 entdeckt worden waren, war die Studentenbewegung in Italien vorrangig auf den klassischen Konflikt zwischen Lohnarbeit und Kapital ausgerichtet.

Die Praxis von Jugendgangs, die durch die Stadtviertel patroullierten und sich die Straße von  faschistischen Schlägerbanden zurückeroberten, wurde von Intellektuellen wie Toni Negri theoretisch unterfüttert.  Neues revolutionäres Subjekt war nicht mehr der „operaio massa“ sondern der „operaio sociale“, der marginalisierte Arbeiter, der sich gegen die „fabbrica diffusa“, die dezentrale, über die ganze Gesellschaft ausgedehnte Fabrik, zur Wehr setzen sollte.

    Die Eskalation verlief 1977 nach bekanntem Muster. Der Erziehungsminister Malfatti legte einen Vorschlag zur Verschärfung der Prüfungen vor, der Massenproteste auslöste. Die Polizei reagierte repressiv, worauf es zu Straßenschlachten kam.

Aufgrund der inneren Vielfalt, die in der Anfangsphase die große Stärke der Autonomia (wie sich die Bewegung nennt) war, kam es im September 1977 auf dem Anti- Repressionskongreß in Bologna zu Meinungsverschiedenheiten, die dazu führten, daß ein Teil der Bewegung sich desillusioniert dem Heroin ergab. Ein anderer Teil nahm den bewaffneten Kampf nach dem Prinzip der halblegalen „guerriglia diffusa“ auf oder schloß sich den Roten Brigaden an.[90] Letzteres in der Regel nicht aus theoretischer Überzeugung sondern weil nur noch die BR über kampffähige Strukturen verfügten. Die Aufnahme vieler Militanter aus der Autonomia verursachte in den bis dahin sehr homogenen BR ab 1980 Spaltungen aufgrund des völlig unterschiedlichen Erfahrungshintergrundes vieler Protagonisten.

3.3. Die Politik der linken Parteien und der Gewerkschaften in den 70‘er Jahren

3.3.1. Die Gewerkschaften

Obwohl sie 1969 nicht zu den treibenden Kräften der sozialen Auseinandersetzungen gehörten, gingen die Gewerkschaften gestärkt daraus hervor. Es gelang ihnen sogar, Strukturen und Inhalte der Autonomie- Bewegung zu übernehmen und in der Gewerkschaftsorganisationen zu institutionalisieren, so daß es zu einer engen Verkopplung von Belegschaft, Fabrikräten und Gewerkschaften auf Fabrikebene kam, die in ihrem Aufbau von Gegenmacht dem verrechtlichten deutschen Mitbestimungssystem mit seinen dem Betriebswohl verpflichteten Betriebsräten, die zudem sehr unabhängig von Gewerkschaft und Belegschaft agieren konnten, quantitativ und qualitativ überlegen war. Die enge Verkopplung in Italien bewirkte eine permanente Mobilisierung oder Mobilisierbarkeit der Belegschaft, die ständig in kollektiven Verhandlungsprozessen dazu lernte, wogegen die deutsche Arbeiterschaft „‘betreuter‘ Gegenstand betrieblicher Auseinandersetzungen“[91] blieb.

Das italienischen System der Konfliktpolarisierung, das nicht auf sozialem Konsens aller Bevölkerungsschichten basiert (wie in Deutschland) und entsprechend auch nicht rechtlich abgesichert ist, bringt der italienischen Arbeiterschaft spektakuläre Erfolge in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs und solange die Kampfbereitschaft der Arbeiterschaft nicht nachläßt. In Krisenzeiten schlägt der fehlende soziale Konsens über die betriebliche Konfliktaustragung dagegen entsprechend durch.[92]

Konnten Ende der 60‘er Jahre noch die außerparlamentarischen Gruppen von der Krise der Unternehmer und der Gewerkschaften profitieren, so war dies nach der Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse Ende der 70‘er Jahre nicht mehr möglich. So besiegelte das offensive System der Konfliktaustragung in den Betrieben, das sich in den Kämpfen des „Heißen Herbstes“ als Zeichen der Stärke der italienischen Arbeiterklasse herausgebildet hatte, die Niederlage in dem Moment, in dem die Arbeiter u. a. aufgrund einer neuen Klassenzusammensetzung nicht mehr hinreichend zu mobilisieren waren.

3.3.2. Der PSI- zurück zur „linken Alternative“

Nach der Wahlniederlage des PSU 1969 trennten sich die Sozialisten wieder von den Sozialdemokraten und wurden in der Folgezeit von den Ideen der außerparlamentarischen Bewegung des „Heißen Herbstes“ beeinflußt. Diese versuchten sie in die Regierung mit einzubringen, was ihnen in einigen Punkten (Arbeiterstatut, Einführung der Regionen, Bodenreform in städtischen Ballungszentren) gegen den erbitterten Widerstand der DC auch gelang. Unter diesen Bedingungen verwundert es nicht, daß die Mitte- Links- Koalition Anfang 1972 auseinanderbrach und die DC in der Folgezeit zunächst ein Minderheitenkabinett mit Duldung der Faschisten einsetzen ließ und dann eine Centro- Regierung ohne den PSI installierte. In dieser Zeit setzten sich im PSI wieder zunehmend linke Positionen durch und auf dem Parteitag 1976 wurde als strategisches Ziel wieder explizit eine „linke Alternative“ angestrebt.[93]

3.3.3. Der PCI auf dem Weg zum historischen Kompromiß

Angesichts der Strategie der Spannung und der Absicht, die damit verfolgt wurde, erschien vielen Aktivisten des Heißen Herbstes der PCI doch am ehesten der Garant der demokratischen Ordnung zu sein, da er im Gegensatz zu den außerparlamentarischen Gruppen zur Massenmobilisierung fähig war. Mit der Herausbildung eines Flügels um den Parteilinken Pietro Ingrao, der sich für eine Übernahme der Anstöße der Protestbewegung einsetzte, begann sich der „demokratische Zentralismus“ abzuschwächen und viele Protagonisten des „Heißen Herbstes“ traten (wieder) in den PCI ein.

Die Politik der Kommunisten war geprägt von dem Willen zur Regierungsbeteiligung. Eine erste Bewährungsprobe für die Mobilisierungsfähigkeiten des PCI bot das Scheidungsreferendum am 12. Mai 1974, das den linken Parteien einen überwältigenden Erfolg brachte, während DC und die Rechtsparteien nur noch 40,9 % der Stimmen auf sich vereinigen konnten.

Die Einrichtung der Regionen brachte den Kommunisten dann die Möglichkeit, sich im kleinen als Regierungspartei zu bewähren. So stellte der PCI nach den Regionalwahlen von 1975 in fast allen Großstädten den Bürgermeister und regierte in sechs von 20 Regionen allein oder in linken Koalitionen. Insgesamt regierten PCI und PSI in 656 der 1280 Städte Italiens mit mehr als 5000 Einwohnern, während die DC nur noch in 428 Städten Mitte- Rechts- Koalitionen bilden konnte.[94] Die Politik der Linkskoalitionen, besonders in den „roten Regionen“ Emilia, Toscana und Umbrien, wurde von der Öffentlichkeit als vorbildlich aufgenommen.

Einen weiteren Erfolg brachten die vorgezogenen Parlamentswahlen vom 20. Juni 1976, bei denen die Kommunisten um 7 % auf 34,4 % zulegten, wodurch eine demokratische Mehrheitsbildung ohne den PCI nicht mehr möglich war. Seit 1973 gab es die klare Offerte eines „Historischen Kompromisses“ an die DC für eine gemeinsame nationale Regierung.

3.3.4. Der historische Kompromiß

Unter dem Eindruck der Strategie der Spannung, aber auch des Putsches gegen den sozialistischen Präsidenten Allende in Chile, sah sich der PCI unter seinem neuen Generalsekretär Enrico Berlinguer 1973 veranlaßt, der DC einen neuen „historischen Kompromiß“ anzubieten. Grundlage der Gedanken Berlinguers war die Annahme, daß die großen Probleme des Landes nicht in einer linken Regierung gelöst werden können. Statt dessen müßte eine neue Bündnispolitik auch andere soziale Kräfte als die klassenbewußte Arbeiterschaft umfassen. Da eine Mehrheit von 51 % bei Wahlen nicht  auch eine Hegemoniestellung in der politischen Auseinandersetzung garantiere, gelte es, die realen Kräfteverhältnisse in der politischen Landschaft zugunsten der Linken zu verschieben. Ohne die Unterstützung von zwischen den Blöcken stehenden Mittelschichten sei eine demokratische Umgestaltung der Gesellschaft nicht möglich. Die Politik des PCI müsse deshalb darauf ausgerichtet sein, eine „Evolution der Mentalität“ bei Frauen, Jugendlichen, den Volksmassen Süditaliens, Kulturschaffenden u.a. zu bewirken. [95]Als Beispiele für die politische (nicht nur parlamentarische) Pattsituation führt Berlinguer die Versuche der DC an, Rechtsregierungen mit Tambroni (1960) oder Andreotti (1972) zu installieren, die schon nach kurzer Zeit wieder aufgeben mußten, weil es den demokratisch orientierten Kräften gelungen sei, die reaktionären Kräfte zu isolieren.[96]

Dieser Vorschlag eines „historischen Kompromisses“ zielte mittelfristig auf eine Regierungsbeteiligung der Kommunisten ab, war aber auch ein Angriff auf die Arbeiterautonomie- Bewegung und ihre Praxis der Arbeitsverweigerung. So formulierte Berlinguer in seinem Referat für den 14. Parteitag seine Ideen einer „Politik der Opfer“, forderte harten Einsatz von allen Bevölkerungsgruppen, wendete sich gegen Delinquenz und Immoralität, stellte der Arbeiterklasse aber auch in Aussicht, daß der PCI diese Politik nur vertrete, wenn gesichert sei, daß die Opfer dem Ziel dienen würden, eine höhere soziale und ökonomische Ordnung zu erreichen.[97] Als Hebel zur Umgestaltung sollten eine effektive Wirtschaftsprogrammierung und der breite öffentliche Sektor dienen, wobei auch die Unternehmer gewisse Vorteile durch eine solche  Politik haben müßten.[98]

Das Kernproblem des „historischen Kompromisses“, der sich nicht nur als reines Regierungsbündnis verstand sondern das grundsätzliche Einverständnis der großen Mehrheit der Bevölkerung mit einer Politik forderte, die der Arbeiterklasse eine Hegemoniestellung einräumen sollte, ist die Frage, inwieweit sich die DC und die Kräfte, die sie repräsentieren, von den Linksparteien zur Durchsetzung deren Klasseninteressen instrumentalisieren lassen.

Hierüber bestand auch Uneinigkeit zwischen den sich wieder annähernden Linksparteien. Auch wenn es durchaus relevante linkskatholische Gruppen in der DC gab, verneinte der PSI die Möglichkeit weitergehender Reformen (und also eines „historischen Kompromisses“) mit der DC. Tatsächlich hinderte den PCI die neue Strategie nicht daran, in den Städten und Regionen Linksregierungen mit dem PSI einzusetzen.

Die reformistische Politik der Linksparteien, die zum „historischen Kompromiß“ führte, brachte somit einerseits die außerparlamentarischen Gruppen und den „bewaffneten Kampf“ mit hervor, trug aber in dem Moment, in dem sie eine konkrete Machtalternative hervorzubringen schien, auch zum Entzug der Unterstützung der Brigate Rosse bei.

Für die Zeit bis 1978 ist jedenfalls eine verstärkte Focussierung der Hoffnung auf die Wahlergebnisse zu erkennen. Während aber ehemalige außerparlamentarische Gruppen wie Lotta Continua, die 1976 an den Wahlen teilnahmen, durch marginale Ergebnisse desillusioniert wurden, scharte sich die durch Umstrukturierungen und den politischen Rollback verunsicherte Arbeiterschaft wieder um den PCI.

 

Während die Ursachen für die Entstehung außerparlamentarischer Gruppen und des bewaffneten Kampfes in einen kausalen Zusammenhang mit der Entwicklung und den Krisen des politischen und wirtschaftlichen Systems zu bringen sind, sind die Gründe für das Scheitern dieser Arbeiterbewegung und ihrer Gruppen nicht so konsistent.

Die wichtigste Rolle spielt dabei sicherlich die Umstrukturierung im Bereich der Großfabriken. Waren die Massenarbeiter aufgrund ihrer ideologischen Flexibilität in der Lage, den bewaffneten Kampf ebenso zu unterstützen wie die Kämpfe der Gewerkschaften zu Beginn der 70‘er Jahre (während die Gewerkschaftsspitzen und ihre traditionelle Facharbeiterbasis den bewaffneten Kampf verurteilten), verlagerte sich der Klassenkampf mit der Umstrukturierung in den Großfabriken ab 1975 zunehmend auf die parlamentarische Ebene.

Verantwortlich hierfür war der Eindruck, daß eine Machteroberung durch den PCI auf parlamentarischem Wege aufgrund der Wahlerfolge und der erfolgreichen Politik der Linkskoalitionen in den Regionen plötzlich möglich schien.

Die Inkonsistenz der Entwicklung besteht nun darin, daß sich der Zuspruch für den bewaffneten Kampf eben nicht allein danach richtet, wie weit die traditionellen Arbeiterorganisationen nach rechts rücken sondern auch danach, für wie wahrscheinlich ein Erfolg dieser Politik erachtet wird.

 

C: Vergleich der Entwicklungen in Deutschland und Italien

Auffällig ist zunächst einmal die Wanderungsbewegung aller linker Parteien in Richtung gesellschaftlicher Mitte. Sowohl SPD als auch PCI/ PSI entfernen sich dabei von bestimmten Grundwerten, die ein Teil ihrer Klientel noch nicht aufzugeben bereit ist. In Italien ist der Wert exakt benennbar: der Verzicht auf die soziale Revolution und eine Volksfrontregierung als einzigem Garanten für kommunistische Politik verursacht bei dem von der kapitalistischen Produktion am härtesten betroffenen Teil der Arbeiterschaft, den Massenarbeitern, Entfremdung. Bei der SPD sind die Werte, die sie in Godesberg und auf dem Weg zur Regierungsbeteiligung zurückläßt,  diffuser: Sozialismus, Solidarität, demokratische Freiheiten (wegen ihrer Bereitschaft zur Mitarbeit an Notstandsgesetzen). Während die Enttäuschung in Italien mit dem Mythos der Resistenza und den Traditionen der gewalttätigen Revolte einen Bezugspunkt hat, gibt es in Deutschland keine solchen gemeinschaftsstiftenden Ereignisse. Das mag die quantitativen Unterschiede an Teilnehmern an der Revolte erklären.

Inhaltlich waren die Arbeitsbedingungen und die Lage der arbeitenden Bevölkerung in Italien objektiv ein dringenderes Problem als in Deutschland, wo die Arbeiter aufgrund des Konsens -prinzips bei der betrieblichen Konfliktaustragung kontinuierlicher am steigenden Wohlstand beteiligt wurden. Subjektiv war die Kampfbereitschaft der italienischen Arbeiterklasse zudem höher als bei den deutschen Arbeitern.

So umfaßte der Themenkanon der deutschen APO eher postmaterielle Werte wie Solidarität mit dem Vietnam, gegen das Springersche Meinungsmonopol, für individuelle Grundrechte gegen die Notstandsgesetze etc. In Italien gab es 1968 auch vereinzelte Gruppen, die z. B. die sexuelle Revolution oder Solidarität mit dem Vietnam propagierten, doch brach die postmaterielle Revolte erst 1977 in der Autonomia durch. 1968/69 war in Italien überwiegend geprägt von dem Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital.

In beiden Ländern vollzog sich dann eine Radikalisierung der Bewegung, die eine Reaktion auf jeweils staatlich gelenkte oder doch zumindest (mit-)verantwortete Ereignisse ist. Diese Beschleuniger waren in Deutschland der Tod Benno Ohnesorgs und das Attentat auf Dutschke, in Italien die Schlacht von Valle Giulia und die Strategie der Spannung mit dem Bombenanschlag auf der Piazza Fontana.

An der teilweisen Befriedigung der (unterschiedlichen) Bedürfnisse in Deutschland und Italien sind die linken Parteien dann wieder beteiligt, denn während das Entfernen von traditionellen Positionen zum Zwecke der Regierungsfähigkeit zunächst für Entfremdung sorgt, steigt die Attraktivität der Parteien wieder in dem Maße, in dem die Möglichkeit zur Gestaltung durch die Teilhabe an der Macht wahrscheinlicher wird. So kehrten viele Protagonisten der APO mit dem Regierungsantritt Willy Brandts in die SPD zurück (oder erstmals ein). Es scheint so, als wenn die Reformeuphorie, das Gefühl, daß ein Regierungswechsel doch möglich ist, schon einen Großteil der Unzufriedenheit der APO absorbiert hätte. Substantiell neues gab es neben der Ostpolitik nämlich kaum. Viele der innenpolitischen Reformen waren schon von der Großen Koalition vorbereitet worden, und der Reformeifer war spätestens ab 1972 verbraucht. Deshalb scheint die Isolation der ersten RAF- Generation mit der Reformpolitik der SPD/FDP- Koalition teilweise begründbar. Andererseits bildet die Abkehr von der Reformpolitik und die Hysterie in der Auseinandersetzung mit dem bewaffneten Kampf auch die Grundlage für das Fortbestehen der RAF, wie in Kapitel 5 noch zu sehen sein wird.

In Italien bahnte sich ein Erfolg der Linksparteien erst später an, aber es wird deutlich, daß der PCI nach Verkündung des Angebotes für einen historischen Kompromiß klar an Boden gewann, während die BR ungefähr in gleichem Maße an Unterstützung verloren. Nach den Regionalwahlen, die den PCI erstmals in Regierungsverantwortung brachten, strebten die Kommunisten mit großen Schritten der Regierungsbeteiligung ab März 1978 entgegen, während die BR zur gleichen Zeit mit der Niederlage bei der Moro- Entführung politisch vollends isoliert waren.

Darüber hinaus unterscheidet sich Italien von Deutschland darin, daß die BR zumindest zeitweise eine Massenbasis in den Industriearbeitern der Großfabriken hatten. Dieser Typus des Massenarbeiters verschwand mit der wirtschaftlichen Umstrukturierung in der Mitte der 70‘er Jahre zusehends. Das unterstützte die Verlagerung des Klassenkampfes auf die parlamentarische Ebene, weil die Arbeiterklasse dadurch natürlich an Kampfkraft verlor und damit auch die Aktionsebene der BR abbröckelte.

Für Italien läßt sich also ein Zusammenhang zwischen politischer und wirtschaftlicher Entwicklung und dem Aufkommen und der Isolation der Brigate Rosse ziemlich exakt herstellen. Für Deutschland ergibt sich nur eine sehr allgemeine Hypothese, erscheint der politische und strukturelle Zusammenhang nicht so signifikant. Deshalb sollen nun Theorie und Praxis der RAF und der BR in den Mittelpunkt der Analyse gerückt werden.



[1] SONTHEIMER, Kurt: Grundzüge des politischen Systems der neuen Bundesrepublik Deutschland (überarbeitete Neuausgabe), München 1993, S. 157 ff

[2] SONTHEIMER, K., a.a.O., S. 160

[3] MANN, Heinrich: Der Untertan (Taschenbuchausgabe), Frankfurt a. M. 1991

[4] SCHEERER, Sebastian: Deutschland: Die ausgebürgerte Linke, in: HESS, Henner u.a.: Angriff auf das Herz des Staates- Soziale Entwicklung und Terrorismus. Erster Band, Frankfurt a. M. 1988, S. 194 ff

[5] Vgl.  SCHÄFERS, Bernhard: Gesellschaftlicher Wandel in Deutschland- Ein Studienbuch zur Sozialstruktur und Sozialgeschichte der Bundesrepublik (5. Auflage), Stuttgart 1990, S.24

[6] LÖSCHE, Peter/ WALTER, Franz: Die SPD. Klassenpartei- Volkspartei- Quotenpartei. Zur Entwicklung der Sozialdemokratie von Weimar bis zur deutschen Vereinigung, Darmstadt 1992, S. 112

[7] BOUVIER, Beatrix W.: Zwischen Godesberg und Großer Koalition- Der Weg der SPD in die Regierungsverantwortung, Bonn 1990, S. 78 f

[8] BOUVIER, B., a.a.O., S. 197

[9] LÖSCHE, P./ WALTER, F., a.a.O., S. 116

[10] SCHMOECKEL, Reinhard/ KAISER, Bruno: Die vergessene Regierung- Die große Koalition 1966- 1969 und ihre langfristigen Folgen, Bonn 1991, S. 354 ff

[11] SCHMOECKEL, R./ KAISER, B., a.a.O., S. 291 ff

[12] SCHNEIDER, Michael: Demokratie in Gefahr? Der Konflikt um die Notstandsgesetze, Bonn 1986, S. 32 ff

[13] Für eine gründliche Darstellung der Entwicklung des Konflikts vgl.: SCHNEIDER, M., a.a.O. Zur Kritik und inhaltlichen Auseinandersetzung mit den einzelnen Gesetzen des Notstandspakets vgl. SCHLENKER, Walter: Warum wir die Notstandsgesetze ablehnen (Hrg. von  der Kirchlichen Bruderschaft in Württemberg), Stuttgart 1968

[14] SCHLENKER, W., a.a.O., S. 58

[15] Studentische Gruppen wie der SDS oder der LSD kritisierten die Notstandsgesetze schon ab 1963, jedoch eher uni- intern, während der Protest ab 1966 durch neue spektakuläre Aktionsformen auch nach außen getragen wurde.

[16] SCHNEIDER, M., a.a.O., S. 138

[17] Vgl. LANGGUTH, Gerd: Die Protestbewegung in der Bundesrepublik Deutschland 1968- 1976, Köln 1976, S. 30

[18] HAGER, Jens: Die Rebellen von Berlin- Studentenpolitik an der Freien Universität (Hg. von HÄUßERMANN, Hartmut u.a.), Berlin 1967, S. 18 ff

[19] SCHEERER, S.: Deutschland: Die ausgebürgerte Linke, a.a.O., S. 250

[20] Ebd.

[21] Zur Entstehung und Entwicklung der „Subversiven Aktion“ siehe: SCHEERER, S.: Deutschland: die ausgebürgerte Linke, a.a.O., S. 232 ff

[22] JUCHLER, Ingo: Rebellische Subjektivität und Internationalismus- Der Einfluß Herbert Marcuses und der nationalen Befreiungsbewegungen der sog. Dritten Welt auf die Studentenbewegung in der BRD, Marburg 1989, S. 50 ff

[23] Näheres dazu im 2. Kapitel

[24] JUCHLER, I., a.a.O., S. 66 ff

[25] Der gesamte Springer- Komplex ist zu umfangreich, als daß er hier erschöpfend dargestellt werden könnte. Es sei hier lediglich auf die Aufsatzsammlung GROSSMANN, Heinz, NEGT, Oskar (Hg.): Die Auferstehung der Gewalt: Springerblockade und politische Reaktion in der Bundesrepublik, Frankfurt a. M. 1968 verwiesen.

[26] Vgl. COHN- BENDIT, Dany/ MOHR, Reinhard: 1968- Die letzte Revolution, die noch nichts vom Ozonloch wußte, Berlin 1988, S. 127

[27] Auf einer Demonstration anläßlich des Ehrengerichtsverfahrens gegen Horst Mahler kam es am 4. November 1968 zur turbulentesten Straßenschlacht der Nachkriegsgeschichte, bei der auch erstmals gezielt Pflastersteine gegen die Polizei, die diesem Gewaltausbruch kaum gewachsen war, eingesetzt wurden.

[28] „Wir wollen mehr Demokratie wagen“- Die Bildung der sozialliberalen Koalition. Erste Regierungserklärung von Bundeskanzler Willy Brandt am 28.Oktober 1969, in: ROLLMANN, Dietrich (Hg.): 50 Reden aus dem Bundestag (1949- 1983), Stuttgart 1983, S. 334 - 360

[29] Darauf wird im Zusammenhang mit den ital. Gewerkschaften noch zurückgekommen.

[30] SONTHEIMER, K., a.a.O., S. 108 f

[31] SCHEERER, S.: Deutschland: Die ausgebürgerte Linke, a.a.O., S. 202

[32] GIESECKE, Hermann u.a.: Gesellschaft und Politik in der Bundesrepublik, Frankfurt a. M. 1976, S. 180

[33] ERTEL, Manfred/ WEBER, Manfred: von der Reform blieb nur die Expansion- Die Bildungspolitik der sozialliberalen Koalition, in: BICKERICH, Wolfram (Hg.): Die 13 Jahre- Bilanz der sozialliberalen Koalition, Hamburg 1982, S. 100 f

[34] Siehe dazu Kapitel 2

[35] BICKERICH, W., a.a.O., S. 11 f

[36] LAMPRECHT, Rolf: Abwendung vom Idealkurs- Die Rechtspolitik der sozialliberalen Koalition, in: BICKERICH, W., a.a.O., S. 72 f

[37] MÜLLER, Peter: Die politische Macht der Mafia, Frankfurt a. M. 1991, S. 76 ff

[38] HESS, Henner: Italien- Die ambivalente Revolte, in: HESS, Henner u.a.: Angriff auf das Herz des Staates- Soziale Entwicklung und Terrorismus Band 2, Frankfurt a. M. 1988, S. 59 ff

[39] Ebd.

[40] BERNER, Wolfgang: Italiens APO/ Außer- und antiparlamentarische Gruppen der italienischen Linken und Ultralinken, Köln 1973, S. 143

[41] Vgl. z. B. zum Valpreda- Prozeß wegen des Bombenanschlages auf der Piazza Fontana: „Kapitalisten fürchten die Wahrheit“ , in: ARBEITERKAMPF Nr. 23 vom November 1972, S. 13 f

[42] HAUSMANN, Friederike: Kleine Geschichte Italiens von 1943 bis heute (aktualisierte Neuausgabe), Berlin 1997, S. 16

[43] ALF, Sophie G.: Leitfaden Italien- Vom antifaschistischen Kampf zum Historischen Kompromiß, Berlin 1977, S. 34 ff

[44] ALF, S. a.a.O., S. 40 ff

[45] Volante Rossa nannte es allerdings „giustizia popolare“, also „Volksjustiz“.

[46] SOCCORSO ROSSO: Brigate Rosse- Che cosa hanno fatto, che cosa hanno detto, che cosa se ne è detto, Milano 1976, S. 19 ff

[47] ALF, S. a.a.O., S. 69 f

[48] ALF, S. a.a.O., S. 96 ff

[49] HESS, H.: Italien: Die ambivalente Revolte, a.a.O.,  S. 22 f

[50] ebd.

[51] HESS, H.: Italien-  Die ambivalente Revolte, a.a.O. S. 27 f

[52] SCHNEIDER, Peter: Die Massen, die Gewerkschaften und die politischen Avantgarden, in: Kursbuch 26 (Hg. von ENZENSBERGER, Hans- Magnus/ MICHEL, Karl Markus):: Die Klassenkämpfe in Italien, Berlin 1971, S. 140 f

[53] SOCCORSO ROSSO, a.a.O., S. 49 f

[54] HESS, H.: Italien- Die amabivalente Revolte, a.a.O. S. 32 ff

[55] HESS, H.: Italien- Die ambivalente Revolte, a.a.O. S. 35

[56] ALBERS, Detlev: Ursachen und Verlauf sozialer Konflikte- dargestellt am Beispiel der italienischen Streikbewegung 1968- 1971, Berlin 1974, S. 94

[57] ALF, S., a.a.O., S. 235

[58] HAUSMANN, F., a.a.O., S. 28

[59] LEONHARD, Wolfgang: Eurokommunismus- Herausforderung für Ost und West, München 1978, S. 84 ff

[60] LEONHARD, W., a.a.O., S. 204 ff

[61] In der Hoffnung hier eher an der Regierung beteiligt zu werden und so Einfluß zu gewinnen

[62]HESS, H.: Italien- Die ambivalente Revolte, a.a.O.  S. 21

[63] ital.: Flügel, verschiedene Parteiströmungen. Der Erfolg der DC war immer auch abhängig davon, daß sie in der Lage war, das fragile Gleichgewicht zwischen den Flügeln zu behalten. Die DC war so zu einer enormen Integrationsleistung fähig, war aber –mehr noch als durch die parlamentarische Konkurrenz – von ständigen Machtkämpfen bedroht.

[64] MAGRI, Lucio/ MAONE, Filippo: Die Kommunistische Partei Italiens- Aufbau und Führungsmethoden, in: Kursbuch 26, a.a.O., S. 44

[65] Von operaio (ital.): Arbeiter

[66] ALF, S., a.a.O., S. 278 ff

[67] GERONIMO: Feuer und Flamme- Zur Geschichte der Autonomen (Hg. von der Edition ID- Verlag), 4. Auflage, Berlin 1995, S. 37 ff

[68] „Sapienza“ ist der Name der Universität, heißt aber auch „Weisheit“.

[69] VIALE, Guido: Die Träume liegen wieder auf der Straße. Offene Fragen der deutschen und italienischen Linken nach 1968, Berlin 1979, S. 20 f

[70] Vgl. MORONI, Primo/ BALESTRINI, Nanni: Die goldene Horde- Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien, Berlin 1994; S. 153

[71] Ebd.

[72] CURCIO, Renato: Mit offenem Blick- Ein Gespräch zur Geschichte der Roten Brigaden in Italien von Mario Scialoja, Berlin 1997, S. 36

[73] MORONI, P./ BALESTRINI, N., a.a.O., S. 170 f

[74] Schriften zum Klassenkampf Nr. 41, (Hg. vom TRIKONT- VERLAG): Fiat: Arbeiter produzieren die Krise/ Gegenmacht als Kampfform, München 1974, S. 8

[75] ALBERS, D. (1974), a.a.O., S. 233 ff

[76] MORONI, P./ BALESTRINI, N., a.a.O., S. 228 ff

[77] ALBERS, D. (1974), a.a.O., S. 326

[78] MORONI, P./ BALESTRINI, N., a.a.O., S. 227

[79] Erst Jahre später wird die Unschuld der verurteilten Anarchisten und die Urheberschaft einer  neofaschistischen Gruppe um Franco Freda und Franco Ventura sowie die Beteiligung des Geheimdienstes aufgedeckt.

[80] Ital.: Südkasse

[81] HAUSMANN, F., a.a.O., S. 49

[82] DRÜKE, Helmut: Italien: Wirtschaft- Gesellschaft- Politik, Leverkusen 1986, S. 76 ff

[83] Bei den Industrialisierungsprojekten handelt es sich auch um einen Scheinaufschwung, denn Mißwirtschaft und internationale Krisen im Stahl- und petrochemischen Bereich sorgten dafür, daß es bei einigen „Kathedralen in der Wüste“ blieb, die das Entwicklungsgefälle insgesamt kaum verringern konnten.

[84] DRÜKE, H., a.a.O., S. 84

[85] ALF, S., a.a.O., S. 302

[86] Schriften zum Klassenkampf Nr. 41 (TRIKONT- Verlag), a.a.O., S. 18 ff

[87] Vgl. DRÜKE, H., a.a.O., S. 42 ff

[88] VIALE, G., a.a.O., S. 168 ff

[89] ALF, S., a.a.O., S. 302 f

[90] SEIFERT, Stefan: Lotta armata- Bewaffneter Kampf in Italien. Die Geschichte der Roten Brigaden, Berlin 1991, S. 77 ff

[91] HEINE, Hartwig: Betriebliche Konfliktaustragung in der Krise. Ein deutsch- italienischer Vergleich, in: BOGUSLAWSKI, Gerd- Uwe, IRREK, Bodo (Hg.): Ohne Utopien kann der Mensch nicht leben- Beiträge zur Gewerkschaftsarbeit, Göttingen 1985, S. 82

[92] HEINE, H., a.a.O., S. 82 ff

[93] ALBERS, Detlev: Demokratie und Sozialismus in Italien- Der „historische Kompromiß“ und die Strategie der Parteien und Gewerkschaften, Frankfurt a. M. 1978, S. 32 ff

[94]ALBERS, D. (1978), a.a.O., S. 25

[95] BERLINGUER, ENRICO. u.a.: Der historische Kompromiß, Berlin 1976, S.25 ff

[96] BERLINGUER, E. u.a., a.a.O., S. 31

[97] BERLINGUER, E. u.a., a.a.O., S. 40 ff

[98] BERLINGUER, E. u.a., a.a.O., S. 44 f