ERGEBNIS

In der vorliegenden Arbeit wurden Gründe für das Scheitern des bewaffneten Kampfes der Roten Armee Fraktion in Deutschland und der Brigate Rosse in Italien gesucht. Die erkenntnisleitende These war die Annahme, daß eine klandestine Stadtguerilla- Gruppe dann scheitern müsse, wenn es ihr nicht gelingt, eine Massenmobilisierung in Gang zu setzen. Eine revolutionäre Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse ist nur möglich, wenn breite Teile der Bevölkerung für eine Revolution gewonnen werden können. Folglich besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Isolation der bewaffneten Organisation und ihrem Scheitern.

Da die beiden Organisationen aus der Illegalität heraus operieren, sind ihre Rekrutierungschancen eingeschränkt. Es wurde angenommen, daß drei Faktoren maßgeblichen Einfluß auf Erfolg oder Mißerfolg von RAF und BR haben: Theorie, Struktur und Praxis der Gruppe. Darüber hinaus wurden auf der Makroebene strukturelle Entwicklungen und Reaktionen untersucht.

Im ersten Kapitel wurde eine historische Kontextualisierung vorgenommen, um die Bedingungen benennen zu können, unter denen der bewaffnete Kampf entstand und zu ermitteln, wie sich diese Bedingungen verändert haben. Für Italien ergab sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Arbeiterparteien in die gesellschaftliche Mitte, der durch die kapitalistische Modernisierung bedingten Entstehung eines neuen Arbeitertypus, des Massenarbeiters, sowie der krisenhaften Erscheinungen im Bildungssektor in den 60‘er Jahren. Diese Faktoren brachten ein zunehmendes Bedürfnis nach Autonomie von den traditionellen Arbeiterorganisationen hervor, das in der Arbeiter- und Studentenbewegung von 1968/69 ihren Ausdruck fand. Ein Strang der breiten Arbeiterautonomie- Bewegung führte unter dem Eindruck der Strategie der Spannung zum bewaffneten Kampf der BR.

In Deutschland war die Arbeiterklasse aufgrund eines auf Konsens basierenden Konfliktaustragungsmodells in das kapitalistische System integriert. So richtete sich der Protest der APO aus Studenten und Intellektuellen gegen Notstandsgesetze, Vietnamkrieg, Springer etc., thematisierte also im Gegensatz zu dem materialistischen Konflikt in Italien eher postmaterielle Werte. Aus der Spaltung der APO ging dann u.a. die RAF hervor.

Während sich die BR auf das Milieu der Massenarbeiter in den Großfabriken stützen konnten, waren die Bedürfnisse vieler APO- Protagonisten mit dem Regierungswechsel 1969 und der nachfolgenden Reformphase unter Willy Brandt weitgehend befriedigt, so daß die RAF Probleme hatte, einen Adressaten für ihre Politik ausfindig zu machen. Die BR hatten dagegen mit erneuten wirtschaftlichen Modernisierungen zu kämpfen, die als Übergang zum Postfordismus bezeichnet werden könnten. Die Massenarbeiter verloren an Einfluß und Kampfkraft, während die traditionellen Arbeiterorganisationen und besonders der PCI mit seinem Angebot des historischen Kompromisses immer breitere Zustimmung über die Arbeiterklasse hinaus gewannen.

Die RAF versuchte, daß Problem ihrer Isolation durch den „Taschenspielertrick“  des antiimperialistischen Kampfes zu lösen. Sie sprach der Bevölkerung das nötige Bewußtsein ab und stellte ihren Kampf als direkte Unterstützung der Befreiungsbewegungen des Trikonts dar. Jede militärische Aktion gegen den US- Imperialismus und seine deutschen Handlanger würde, so die Logik der RAF, zur Stärkung der Befreiungsbewegungen beitragen. Die eigene Bevölkerung würde den befreienden Charakter des Kampfes erkennen, wenn ihn nur jemand beginnen würde. Insofern dienten die Aktionen der ersten Generation als Volksaufklärung. Die Festnahme der Gruppe 1972 führte zur theoretischen Exterritorialisierung des Kampfes und praktisch zum bewaffneten Autismus.

Die Frühphase der BR bis ca. 1973/74 ist dagegen gekennzeichnet durch die Strategie der „bewaffneten Propaganda“, die die unmittelbaren Bedürfnisse des revolutionären Subjektes aufnahm und in konkrete, nachahmbare Aktionen übersetzte. Der theoretische und praktische Wechsel zum „Angriff auf das Herz des Staates“, mit dem die Isolation der BR ihren Anfang nahm, war eine Reaktion auf den oben beschriebenen Strukturwandel.

Bei RAF und BR führte die Gefangenenproblematik theoretisch zu einem verstärkten Selbstbezug und praktisch zu einer massiven Gewaltenthemmung. Wenn die Ausgangsthese herangezogen wird, daß die Guerilla die Bevölkerung – oder doch zumindest Teile von ihr- überzeugen muß, um sie für eine revolutionäre Umgestaltung zu gewinnen, muß attestiert werden, daß dies der RAF nie und den BR nur bis ca. 1973 gelungen ist. Nach 1973 verschwanden langsam die Bedingungen, die die Theorie und Praxis der BR bei den Arbeitern attraktiv machten.

Zudem vollzog sich bei RAF und BR mit der ersten Verhaftungswelle ein Generationswechsel, der bei der RAF zu einer Fixierung auf die Gefangenenbefreiung führte. Bei den BR kam es zu einer signifikanten Veränderung der Sozialstruktur. War der historische Kern durch den Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital geprägt gewesen, strömten ab 1975/76 immer mehr Protagonisten der postmateriellen Autonomia in die BR, die nicht den ethisch- moralischen Hintergrund eines kommunistischen Arbeiters hatten und besonders nach der Moro- Entführung zu der Gewaltenthemmung beitrugen.

Bei der Reaktion der staatlichen Instanzen auf den bewaffneten Kampf ist zunächst einmal in beiden Ländern eine Sonderbehandlung festzustellen. In beiden Ländern gibt es Sondergesetze gegen den bewaffneten Kampf und spezielle Haftbedingungen. Sind die Maßnahmen in Deutschland aber überwiegend auf die Isolation und Tabuisierung des bewaffneten Kampfes auch im öffentlichen Diskurs ausgerichtet, wird in Italien versucht, Konflikte in den Gefangenengruppen zu forcieren. In Deutschland hat diese Vorgehensweise den Effekt, daß nie die Gefahr bestand, daß durch einen öffentlichen Diskurs über die Legitimität des Kampfes der RAF größere Teile der Bevölkerung eine positive Einstellung zur RAF bekommen. Dafür wurden die wenigen, die sich solidarisch zeigten – und sei es nur wegen des offenbaren Vernichtungswillen der staatlichen Instanzen- zu einem großen Teil selbst in den Untergrund getrieben und sorgten so für eine künstliche Verlängerung des bewaffneten Kampfes.

In Italien gab es offene Diskussionen über Gewalt und den bewaffneten Kampf, die das Spektrum bewaffneter Organisationen zwar erheblich erweiterten, aber durch die Ermöglichung eines öffentlichen Erkenntnisprozesses auch für ein schnelleres Ende sorgten als in Deutschland. Einen ähnlichen Sinn hatten die Hafterleichterungen durch pentiti- und dissociato- Gesetz, die in Italien ebenfalls erfolgreicher war als die deutsche Kronzeugenregelung.

 

Insgesamt hat die Arbeit gezeigt, daß das Scheitern des bewaffneten Kampfes in Deutschland und Italien von vielen verschiedenen Faktoren abhängig war. Eine pauschale Aussage, wie die These Rossis, daß die illegale Struktur automatisch zum Scheitern führen müsse, halte ich für zu weitgehend. Es ist aber sicherlich richtig, daß die geschlossene Organisationsstruktur ein wichtiger Faktor zur Begründung der Isolation des bewaffneten Kampfes ist. Für Italien scheint mir allerdings die soziostrukturelle Entwicklung und die theoretische und praktische Unfähigkeit der BR, mit dieser Umstrukturierung umzugehen, maßgeblicher zum Scheitern beigetragen zu haben.

In Deutschland scheint mir die Unfähigkeit der RAF, an Konflikten anzuknüpfen, die quer durch die Bevölkerung gehen, der Hauptgrund für ihre Isolation zu sein. Verstärkt wurde diese durch den Denkfehler antiimperialistischer Kampf sei direkt militärisch zu führen, statt die ökonomische Basis des Imperialismus, das kapitalistische System in der Bundesrepublik, anzugreifen.