Epilog

Von der antiimperialistischen Front zur Auflösung- Der Abgesang der RAF

Die RAF hielt bis zu ihrer Auflösung noch gut 20 Jahre durch. Die Mitglieder der zweiten Generation der RAF setzten sich bis 1982 entweder in die DDR ab oder wurden verhaftet. Im Mai 1982 veröffentlichten sie allerdings noch eine Strategieschrift mit dem Titel „Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front“, das sog. „Front-“ oder „Mai- Papier“. Darin bezieht sich die RAF erstmals seit über zehn Jahren nicht in erster Linie auf die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt sondern nimmt den antiimperialistischen Kampf in Westeuropa ins Visier. Dazu sollen Fronten auf zwei Ebenen geschaffen werden: Zum einen will die RAF Kampf- Bündnisse mit anderen Guerillas in Europa schmieden, zum anderen soll in Deutschland ein Bündnis aus Guerilla und Widerstand den antiimperialistischen Kampf führen. Im Ausland kommt es lediglich mit der französichen Action Directe zu einer vorübergehenden Aktionseinheit, bis diese 1987 fast vollständig verhaftet wird. Mit den BR/PCC kommt ein Bündnis wegen der Verhaftung von 34 italienischen Genossen nicht zustande; zu Gruppen in Belgien, Griechenland und Spanien bestehen nur lose Kontakte.

Auch die Inlandsfront hat mit dem Desinteresse der linksradikalen Szene zu kämpfen. Der Avantgarde- Anspruch der RAF, die sich für die Attentate auf herausragende Zielpersonen aus dem „militärisch- industriellen Komplex“ (MIK) verantwortlich sehen, während der „Widerstand“ Anschläge auf Einrichtungen, sowie Propaganda durchführen solle, nervt die linke Szene mehr als er sie mobilisiert: „Wo bitte geht’s zur antiimperialisitschen Front ?“ und „Wer das Widerstandspapier verstanden hat, gehört wirklich in den Untergrund“, wird gewitzelt.[1]

Trotzdem bildet sich eine neue, den Fahndern weitgehend unbekannte Generation der RAF, die ab 1984 versucht, die neue Strategie umzusetzen. Als Zielpersonen dienen nicht mehr Symbolfiguren mit einigermaßen hohem Bekanntheitsgrad sondern Funktionäre aus dem zweiten Glied. Die Anschläge auf den MTU- Vorstandsvorsitzenden Zimmermann, den Siemens- Vorstand Beckurts oder den Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt von Braunmühl haben keinen mobilisierenden Effekt, weil sie unbekannte Ziele treffen, haben keinen strategischen Sinn, weil es sich um austauschbare Funktionsträger handelt, und sie sind politisch falsch, weil sie mit falschen, schematischen Analysen der Rolle der Opfer begründet werden.[2] Dazu wird hier auf den Brief der Brüder von Braunmühls an die RAF in der taz verwiesen, in dem alles wesentliche zur „Politik“ der RAF in den 80‘er Jahren gesagt wird.[3] Immerhin konnte sich die RAF mit diesen Anschlägen nicht mehr moralisch diskreditieren- das hatte sie nämlich mit der Ermordung des 20- jährigen US- GI’s Edward Pimental, dessen ID- Karte sie brauchten, um einen Anschlag auf die US- Airbase in Frankfurt durchführen zu können, schon gründlich getan.

Nach mehrjähriger Pause meldet sich die RAF dann ab Ende 1989 zurück. Am 30. November 1989 kommt der Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, bei einem Sprengstoffanschlag ums Leben, und am Ostermontag 1991 wird der Chef der Treuhandanstalt Detlev- Karsten Rohwedder aus 63 Metern Entfernung in seinem Haus in Düsseldorf erschossen.

Nachdem die RAF mit ihrer Erklärung vom April 1992[4] auf eine Initiative des damaligen Bundesjustizministers Klaus Kinkel reagiert und ankündigt, auf Anschläge gegen Personen zu verzichten[5], wird nur noch 1993 ein Anschlag auf die gerade fertiggestellte JVA Weiterstadt durchgeführt, bevor die RAF auch formal am 20. April 1998 ihre Auflösung bekanntgibt.[6]

 

Exkurs: Vom Nutzen der Anschläge

Es gibt einige Punkte, in denen sich die Aktionen der Dritten Generation der RAF maßgeblich von ihren Vorläufern unterscheiden: 1. Die Polizei hatte seit 1984 bis zur desaströsen Polizeiaktion in Bad Kleinen quasi keine personenbezogenen Sachhinweise über die Kommandoebene der RAF. In den 70‘er Jahren war das BKA mit einem Minimum der personellen, finanziellen und technischen Möglichkeiten, die in den 80‘er Jahren zur Verfügung standen, eigentlich über jeden Schritt der RAF informiert. Auf jeden Fall wußte man, mit wem man es zu tun hatte. Seit 1984 gab es nun nichts mehr: keine Fingerabdrücke, keine zuverlässigen Zeugenaussagen, keine konspirativen Wohnungen.

2. Die Anschläge der RAF erreichten viel öfter als es in den 70‘er Jahren ohnehin schon der Fall war, das direkte Gegenteil von dem vorgeblichen Ziel. So nahm ein RAF- Kommando am 13. Februar 1991 die US- Botschaft im hochgesicherten Bonn unter Beschuß, um gegen den Golfkrieg zu protestieren. Abgesehen von ein paar kaputten Scheiben und einer Putzfrau, die einen Schrecken bekommt, hatte der Anschlag unangenehme Folgen in erster Linie für die Anti- Kriegsbewegung, die sich urplötzlich verstärkter Repression ausgesetzt sah und die durch die RAF- Intervention in der Öffentlichkeit diskreditiert wurde.

3. Wisnewski u.a. beschreiben auch die auffällige Diskrepanz zwischen militärischer Perfektion und politischem Dilettantismus in ihrem Buch „Das RAF- Phantom“[7]. So gereicht die Präzision des Rohwedder- Mörders jedem Scharfschützen zur Ehre. Politisch hat das Attentat dagegen die Folge, daß die Kritik an der Treuhand verstummt.

Angesichts der schwachen Ermittlungsergebnisse im Fall Herrhausen, die eine Täterschaft der RAF zwar nicht ausschließen, aber auch nicht einwandfrei belegen können, gehen Wisnewski u. a. auch hier anderen Spuren nach.[8] Herrhausen hatte sich mit seinen Forderungen nach einem Schuldenerlaß für die Dritte Welt oder seiner Thematisierung der Macht der Banken nämlich sicherlich noch ganz andere Feinde gemacht als ausgerechnet die RAF. Auch auf das Manuskript einer Rede, die Herrhausen anläßlich einer „Arthur- Burns- Memorial- Lecture“ in den USA am 4. Dezember 1989 hätte halten sollen und in der er seine Vision der Einbindung der Länder des zusammenfallenden Ostblocks in den europäischen Wirtschaftsraum präsentiert hätte, gehen Wisnewski u. a. ein. Fletcher Prouty, der in den 60‘er Jahren im Pentagon für „special operations“ zuständig war, vertritt die These, „Herrhausen, Kennedy, Aldo Moro, Enrico Mattei und Olof Palme seien alle aus dem gleichen Grund ermordet worden- weil sie die Kontrolle der Welt durch das Kondominat von Jalta nicht akzeptiert hätten.“[9]

Mit diesem kurzen Ausflug in die Welt der Verschwörungstheorien sollte verdeutlicht werden, daß eine Stadtguerilla- Gruppe, die ihre Aktionen nicht so durchführt, daß sie als authentisch erkannt werden können, ihr Ziel offensichtlich verfehlt hat. Denn wenn eine „Verschwörergemeinschaft“ wie die RAF nicht mehr zweifelsfrei von Geheimdiensten- staatlich institutionalisierte Verschwörergemeinschaften- unterschieden werden kann, wird sie bei der traditionell Geheimdiensten gegenüber sehr skeptischen radikalen Linken keine Punkte sammeln können.

Zu dem mehrfach zitierten Buch von Wisnewski u. a. ist abschließend zu sagen, daß es sich mit dem Prozeß gegen Birgit Hogefeld und ihren dort gemachten Aussagen[10] in weiten Teilen erledigt hat. Die Existenz einer Dritten Generation der RAF ist mittlerweile bewiesen. Ebenfalls bewiesen ist aber z. B., daß der als Kopf der RAF gesuchte Christoph Seidler schon seit Jahren im Nahem Osten lebte und kaum als Täter im Fall Herrhausen in Frage kommen dürfte.[11] Nicht bewiesen ist insofern, inwieweit Geheimdienste an den Aktionen der RAF beteiligt oder zumindest davon in Kenntnis waren. Die zweifelhafte Rolle des Klaus Steinmetz in der RAF ist hierfür nur ein Beispiel.[12] Es ist schon auffällig, daß gerade in den brisantesten der der RAF zugeschriebenen Morde (Herrhausen und Rohwedder) der gigantische Fahndungsapparat bis heute keinen dringend Verdächtigen präsentieren kann. Auch ist es verwunderlich, daß diese Fälle im Verfahren gegen Hogefeld trotz des ansonsten reichlich in Anspruch genommenen Konstrukts der Kollektivschuld nicht thematisiert wurden.

Spaltungen und Isolation- Das Ende der Brigate Rosse[13]

Der Niedergang der Brigate Rosse vollzog sich dagegen etwas schneller. Doch war das Ende der BR viel mehr geprägt von Spaltungen, die sich nach der Verhaftung von Mario Moretti im April 1981 beschleunigten. Vorher, im Verlaufe des Jahres 1980 hatte sich schon die Mailänder Kolonne „Walter Alasia“ von den BR lösen wollen, „die zurück in die Fabrik“ wollten und einen streng operaistischen Kurs vertraten. Dabei sollte der bewaffnete Kampf nur noch als Ergänzung zu legaler Arbeit im politischen, ökonomischen und sozialen Bereich dienen. Die Militanten der „Walter Alasia“ stammten aus den Überresten der 77‘er Bewegung und traten mehr aus Frust in die BR ein als aus politischer Übereinstimmung mit deren Programm. Weil sie nicht davor zurückscheuten, die Gewerkschaften als Vermittlungsebene für ihre Politik zu gebrauchen, sahen sie sich mit dem Vorwurf des „bewaffneten Reformismus“ konfrontiert.[14]

Bevor Moretti verhaftet werden konnte, gelang es ihm noch, die Kolonne „WA“ zur Teilnahme an der letzten gemeinsamen Offensive, der Frühjahrsoffensive des Jahres 1981. Wichtigster Teil der Offensive war die Tatsache, daß alle vier Kolonnen gleichzeitig eine Entführung durchführen sollten. Die Verhandlungen verliefen sehr unterschiedlich: Während die neapolitanische Kolonne ihren Gefangenen, einen DC- Politiker, gegen bestimmte Zugeständnisse freiließ, töteten die venetische und die römische Kolonne ihre Gefangenen. Die „WA“ schließlich ließ den Alfa Romeo- Manager Sandrucci frei, wofür Texte der Kolonne veröffentlicht und Entlassungen zurückgenommen wurden.

Die gemeinsame Durchführung der Kampagne legte die Widersprüche offen zutage. Besonders die „WA“ wurde vom inhaftierten „historischen Kern“ scharf kritisiert.[15] Nach der Verhaftung der Kader der Mailänder Kolonne und deren Aussagen im Oktober 1981 war die „WA“ eh schon in der Auflösung.

Die restliche Geschichte der BR bis 1988 ist eine Geschichte von sinnlosen Morden, falschen politischen Einschätzungen und Fraktionierungen. Die letzte moralische Hemmschwelle- nämlich nicht auf Arbeiter zu schießen- hatten die BR schon 1979 mit der Erschießung des kommunistischen Arbeiters Guido Rossa überschritten, der einen Brigadisten bei der Polizei angezeigt hatte. Für die BR hatte dieser Mord ähnlich verheerende Auswirkungen wie der Pimental- Mord in Deutschland.

Am 16. Dezember 1981 spalteten sich die BR dann ein weiteres Mal; diesmal an der Frage, ob schon die Zeit für den totalen sozialen Krieg gekommen sei, weil die Unterordnung aller sozialen Verhältnisse unter das Kapital erreicht sei. Diese These, die schon von den Gefangenen der BR in ihrer als „Riesenpapier“ bezeichneten Grundsatzschrift „L’ape e il communista“[16] vertreten wurde, wurde nun von der sogenannten „Guerilla Partei“ (BR- PG) aufgenommen. Die Restgruppe, die sich später „Partito Comunista Combattente“[17] (BR- PCC) nannte, wies diese Thesen zurück und orientierte sich vielmehr an den antiimperialistischen Konzeptionen der RAF in Deutschland. Als die Winterkampagne in einem Desaster endet, sehen sich die BR gezwungen, die Parole des „ritirata strategica“[18] auszugeben.[19]

Die Guerilla- Partei löst sich Ende 1982 auf, nachdem sie zwei entwaffnete Wachmänner erschossen hatten, nur um ihrer Resolution mehr Gewicht zu verleihen.

1984 spalteten sich die BR- PCC dann in eine „Erste Position“ und eine „Zweite Position“ und Seifert hat nicht ganz unrecht, wenn er die Differenzen zwischen beiden indirekt als „ideologische Zänkerei verkalkter Sophisten“ bezeichnet.[20] Aus der zweiten Position entstand  dann 1985 die „Unione dei Comunisti Combattenti“[21] (BR- UCC). Während diese am Verhältnis der revolutionären Gruppe zu den Massen laborierten, arbeiteten die BR- PCC am Aufbau der von der RAF initiierten Front, wurden aber- vollkommen isoliert von den Massen zwischen Juli und September 1988 zerschlagen.

Eine Antwort auf die Frage, wie man unter den aktuellen Bedingungen über die bewaffneten Angriffe hinaus Politik machen könnte, blieb von den BR und ihren verschiedenen Fraktionen ebenso unbeantwortet wie von der RAF in Deutschland.

Die Probleme, die Ende der 60‘er Jahre Unruhen provozierten und Anfang der 70‘er Menschen veranlaßten, den bewaffneten Kampf gegen das verhaßte System aufzunehmen, sind heute nicht gelöst. Der bewaffnete Kampf, das hat diese Arbeit gezeigt, ist nicht in der Lage gewesen, die sozialen und politischen Probleme und Widersprüche weder in Deutschland noch in Italien zu lösen.

 



[1] PETERS, B., a.a.O., S. 296

[2] Die Bekennerschreiben zu den Anschlägen der Dritten Generation sind abgedruckt in: TOLMEIN, Oliver: Stammheim vergessen- Deutschlands Aufbruch und die RAF (aktualisierte Auflage), Hamburg 1997, S. 110 ff

[3] „Ihr habt unseren Bruder ermordet“, in: tageszeitung vom 07.11.86, S. 1

[4] ID- ARCHIV(Hg.): wir haben mehr fragen als antworten- RAF. diskussionen 1992- 1994, Berlin 1995, S. 16 ff

[5] Womit sie sich gewissermaßen selbst überflüssig macht, denn nach dem Front- Konzept ist es eben gerade die elitäre Aufgabe der Guerilla, Anschläge gegen Personen durchzuführen, während alle anderen Ziele auch vom „Widerstand“ angegriffen werden könnten.

[6] RAF: Die Stadtguerilla ist nun Geschichte. In: junge welt vom 22.04.98; S. 10 f

[7] WISNEWSKI, Gerhard u. a.: Das RAF- Phantom- Wozu Politik und Wirtschaft Terroristen brauchen, München 1992

[8] WISNEWSKI, G. u.a., a.a.O., S. 96 ff

[9] Vgl. WISNEWSKI, G. u.a., a.a.O., S.190

[10] Vgl. EDITION ID- ARCHIV (Hg.): Birgit Hogefeld- Ein ganz normales Verfahren, Berlin 1996

[11] GAST, Wolfgang: Im Dunkeln sieht man Täter überall, in: die tageszeitung vom 04.11.96, S. 3

[12] GOEBEL, Olaf: Staatsmärchen aus 1001 Nacht oder Die Geschichte von Klaus Steinmetz, in: junge welt vom 06.05.96, S. 11

[13] Auch zu den BR gibt es Verschwörungstheorien, vgl. dazu die ARD- Dokumentation „Aldo Moro- Tod in Rom“ aus der Reihe „Politische Morde“, ausgestrahlt am 09.11.00 um 23.00 Uhr in der ARD.

[14] ROTE BRIGADEN: Fabrikguerilla in Mailand 1980- 81. Ex- Militante der Kolonne Walter Alasia erzählen ihre Geschichte (herausgegeben von der Zeitschrift „Wildcat“), Berlin o. J., S. 8 f

[15] ebd., S. 192 ff

[16] ital.: Die Biene und der Kommunist

[17] ital.: Kämpfende Kommunistische Partei

[18] ital.: strategischer Rückzug

[19] SEIFERT, S., a.a.O., S. 139

[20] SEIFERT, S., a.a.O., S. 149

[21] ital.: Vereinigung der Kämpfenden Kommunisten