Die Guerilla ist vorbei, auch der Prozeß Guerilla ist vorbei.

Aber ich behaupte, daß die Geschichte der Brigate Rosse

ein Bruchstück politischer Geschichte ist (...)

Sie kann nicht im Gerichtssaal geschrieben werden.

 

Mario Moretti

 

Einleitung

In vielen Staaten Westeuropas entstanden Ende der 60‘er Jahre Bewegungen, deren Ziel die Veränderung der herrschenden Gesellschaft war. Aus ihnen entstanden verschiedene Gruppen, die aus ganz unterschiedlichen Motiven einen gewaltsamen- besser: bewaffneten- Weg einschlugen. Der Versuch, eine bessere Gesellschaft mit Mitteln der Gewalt schaffen zu wollen, ist gescheitert und niemand kann sagen, daß das Kapitel im strafrechtlichen Sinne nicht äußerst gründlich aufgearbeitet wurde. Diese Arbeit soll zu einer politischen oder politikwissenschaftlichen Aufarbeitung beitragen.

Für diese Arbeit wurden mit der deutschen Rote Armee Fraktion und den italienischen Brigate Rosse zwei Organisationen ausgewählt, die trotz aller Unterschiede doch eine Reihe von Gemeinsamkeiten haben, die einen Vergleich ermöglichen. Grob können bewaffnete, nichtstaatliche Gruppen in zwei Kategorien unterteilt werden: Befreiungsbewegungen mit vorrangig nationalistischen Zielsetzungen und Gruppen mit dem Ziel einer sozialen Umwälzung. Zur ersten Kategorie gehören neben ETA und IRA auch verschiedene palästinensische Gruppen und Befreiungsbewegungen des Trikonts, zur zweiten RAF und BR.

RAF und BR traten zudem in Ländern auf, die aufgrund ihrer faschistischen Vergangenheit und ihrer nachfolgenden kapitalistischen Entwicklung unter christdemokratischer Vorherrschaft vergleichbar sind. Die politische und ökonomische Entwicklung von Deutschland und Italien weist zahlreiche Parallelen auf, wie im ersten Kapitel auch zu sehen sein wird.

Worin liegt nun die Motivation, zu einem sozialen Phänomen eine Arbeit zu schreiben, zu dem ganze Bibliotheken an Literatur existieren ? Aus der Anzahl der Publikationen zu einem Thema läßt sich eben nicht schließen, daß dieses Thema in allen Details erforscht ist- das wird besonders deutlich beim bewaffneten Kampf der 70‘er Jahre. Schon bei einer flüchtigen Übersicht über das Literaturangebot stellt man fest, daß sich der ganz überwiegende Teil mit den Ursachen der Entstehung von bewaffneten Gruppen beschäftigt.

Sehr viel seltener stößt man auf Arbeiten, die sich über das phrasenhafte Bekenntnis zur „wehrhaften Demokratie“ hinaus mit der Frage nach dem Scheitern des bewaffneten Kampfes befassen. Deshalb soll das Augenmerk meines Vergleichs zwischen der RAF und den BR nicht auf der Frage nach dem „Wie konnte das passieren ?“ liegen sondern auf der Frage „Warum hat’s nicht geklappt ?“. Bei meinen Recherchen bin ich auf genau eine Arbeit gestoßen, die in einem systematischen Vergleich zwischen diesen beiden Gruppen der Frage nachgeht, woran RAF und BR letztlich gescheitert sind. Marisa Elena ROSSI versucht in ihrer Dissertation hauptsächlich mit Methoden der empirischen Sozialforschung nachzuweisen, daß der „springende Punkt“ die Illegalität ist, aus der die Gruppen operieren müssen.

Untergrund und Revolution- Die Arbeit von Marisa Elena ROSSI[1]

ROSSI versucht, die beiden Organisationen auf zwei Ebenen zu analysieren: Nach einer historisch- qualitativen Analyse der Theorie und Praxis werden im zweiten, empirischen Teil Gründe für die Entstehung, das Fortbestehen und die Auflösung der Gruppen gesucht. Ansatz und Inhalt dieser Studie sind aus verschiedenen Gründen zu kritisieren.

Neben der sehr dünnen Kontextualisierung, die unterschlägt, daß der bewaffnete Kampf der RAF und der BR eben genau in dieser historischen Konstellation entstehen (und auch wieder verschwinden) konnte, ist der laxe Umgang mit historischen Details sehr ärgerlich. So wird behauptet, bei der Baader- Befreiungsaktion der RAF 1970 hätte es einen Toten gegeben[2], was ebensowenig stimmt wie die Behauptungen, die RAF habe zur Geldbeschaffung in der Frühphase bis 1972 Entführungen durchgeführt[3] oder sie habe den Berliner Kammergerichtspräsidenten von Drenckmann erschossen.[4]

Neben solchen Details begeht ROSSI aber auch methodische Fehler: So entgeht ihr die theoretische Entwicklung der RAF, weil sie auf eine Längsschnittanalyse verzichtet und sich statt dessen vorwiegend auf eine Schrift Horst Mahlers bezieht, die – im Gefängnis ohne Rücksprache mit der Gruppe geschrieben- seine Privatmeinung, aber zu keiner Zeit den Diskussionsstand innerhalb der RAF geschweige denn deren Praxis darstellte. Es ist ein grundsätzliches Dilemma, daß sich diejenigen Autoren, die sich auch mit der Theorie der RAF auseinandersetzen, meist an Mahlers Text abarbeiten, weil aus ihm all die griffigen Zitate stammen, mit denen man die RAF moralisch diskreditieren konnte, weil sie die größte Angriffsfläche bieten.

Der empirische Teil krankt an der- wie ROSSI z.T. einräumt- sehr fragwürdigen Datenerhebung. Alle Aussagen über die soziale Zusammensetzung können nur Aussagen über die erreichbaren Mitglieder, die Gefängnisinsassen, sein und damit über die Frage, wer sich am leichtesten hat erwischen lassen.

Darüber hinaus gelten die Daten für jeweils alle klandestinen Gruppen eines Landes[5]; kann man der Argumentation bezüglich der Hegemonie der untersuchten Gruppen für die RAF in Deutschland vielleicht noch folgen, so ist die Subsumtion aller linksradikalen Aktionen von einigen Hundert verschiedenen Gruppen auf das Konto der Brigate Rosse schlicht unseriös. Das trotzdem einige Ergebnisse der empirischen Untersuchung evident sind, sagt m.E. noch nichts über die Zuverlässigkeit der Methode aus. Für diese Arbeit ist daraus der Schluß zu ziehen, daß Methoden der empirischen Sozialforschung für den Untersuchungsgegenstand ungeeignet sind.

Abgrenzung des Untersuchungszeitraums

Ein weiteres Manko der Arbeit ROSSIs ist das Fehlen eines klar abgegrenzten Untersuchungszeitraums. Da in dieser Arbeit Gründe für das Scheitern des bewaffneten Kampfes gesucht werden, erscheint es zweckmäßig, den Untersuchungszeitraum auch auf die Zeit bis zum Scheitern zu begrenzen. Es gibt gute Gründe, die Niederlage in strategischer Hinsicht an den Entführungsfällen Schleyer bzw. Moro festzumachen. Bei der RAF könnte man die „politische Phase“ auch schon als mit der Festnahme der Kerngruppe 1972 abgeschlossen betrachten. Da sich die zweite Generation bis zur Schleyer- Entführung aber noch insofern zum Staat in Beziehung setzte, daß sie die „Machtfrage“ stellte, soll die Existenz einer strategischen Perspektive für den Zeitraum bis Herbst 1977 angenommen werden. Machtfrage bedeutet hier nicht Umsturz der staatlichen Ordnung sondern die Möglichkeit, den Staat gewaltsam zu einer Handlung zu zwingen, um eine Perspektive von Gegenmacht zu eröffnen, wie Lutz Taufer es auf einem Kongreß in Zürich bezeichnete.[6] Insofern stellt die Praxis der dritten Generation einen klaren Bruch dar, denn hinter dem taktischen Ziel der Anschläge ab 1977[7] ist ein Bezug zu einem strategischen Gesamtziel[8] nicht mehr zu erkennen. Zudem ist diese Phase gekennzeichnet durch die vollständige Isolation von jeglichem politischen Diskurs.

Zum Aufbau der Arbeit

Quasi alle Revolutionstheorien betonen das enge Verhältnis, das zwischen Avantgarde und der Bevölkerung herrschen müsse. Das Scheitern des bewaffneten Kampfes hängt also mit der Isolation von dem revolutionären Subjekt zusammen. Das ist in komprimierter Form die leitende These dieser Arbeit und wirft die Frage auf, wie und auf welchen Ebenen die Isolation von den „Volksmassen“ entsteht.

Ich gehe- wie Rossi- davon aus, daß es sich bei RAF und BR um Organisationen im soziologischen Sinne handelt[9], die auf der Mikroebene dem Einfluß von Individuen und auf der Makroebene den Einflüssen der Umwelt unterliegen. Im Zentrum der Arbeit stehen jedoch die Organisationen selbst, die ich anhand der Kriterien Theorie, Praxis und Organisationsstruktur miteinander vergleichen werde.

Eingerahmt werden diese Kapitel durch zwei Analysen zur Makroebene. Einleitend werde ich eine gründliche Kontextualisierung des bewaffneten Kampfes vornehmen, also historische und strukturelle Entwicklungen aufzeigen, die zum bewaffneten Kampf führten und aufzeigen, wie diese sich verändert haben und so zum Untergang- also zur Isolation vom revolutionären Subjekt-  von RAF und BR beigetragen haben.

Im letzten Kapitel beschäftige ich mich dann mit den bewußten Reaktionen der Umwelt auf den bewaffneten Kampf. Dabei werden insbesondere die gesetzgeberischen Aktivitäten, aber auch die Reaktionen der (medialen) Öffentlichkeit dargestellt und bewertet. Am Ende jedes Kapitels werden die wichtigsten Erkenntnisse in Hinblick auf die Fragestellung noch einmal zusammengefaßt.

Da der Untersuchungszeitraum nicht den kompletten Zeitraum des Bestehens von RAF und BR umfaßt, wird in einem Epilog der Vollständigkeit halber das Ende des bewaffneten Kampfes kurz zusammengefaßt.

Wenn ich auf eine Untersuchung der Mikroebene weitgehend verzichte, so deshalb, weil es dabei überwiegend um „Analysen von Terroristen statt Analysen des Terrorismus“ geht[10], also um die Frage, warum sich Menschen für diesen Weg entschieden haben. Diese Frage steht aber gerade nicht im Vordergrund dieser Arbeit. Für die Darstellung und Bewertung solcher „Karrieren“ verweise ich auf das reichhaltige Literaturangebot zu diesem Thema.

Zur Begriffsverwendung

Zur Einleitung in eine Arbeit über die RAF und die BR gehört auch der Versuch, das Thema beim Namen zu nennen. Es ergibt sich das Problem, daß es viele normativ aufgeladene Begriffe für das soziale Phänomen der 70‘er Jahre gibt, um das es hier gehen soll. Wenn ich die in weiten Teilen der medialen Öffentlichkeit gängigen Begriffe „Anarchismus“ und „Terrorismus“ ablehne, so verfolge ich damit kein „gegenpropagandistisches“ Ziel sondern halte diese Begriffe schlicht für sprachlich ungenau und untauglich, die Theorie und Praxis der RAF und der Roten Brigaden zu beschreiben. Wenn hier natürlich auch keine annähernd vollständige Diskursanalyse gegeben werden kann, soll doch auf den politischen Nutzen solcher Begriffe kurz eingegangen werden.

Die Bezeichnung „Anarchist“ für Mitglieder der RAF, die sich auf die knapp 20 Jahre lange Episode der „Propaganda der Tat“ in der langen Geschichte des Anarchismus bezieht, dient der doppelten Diffamierung; zum einen der gewaltverneinenden Ziele eines libertären Sozialismus, zum anderen der RAF- Mitglieder als „Bombenwerfer“.

Der Begriff „Terrorismus“ unterstellt der RAF wie den BR eine willkürliche Anwendung von Gewalt, was in Italien zusätzlich die Grenzen zwischen der Gewalt linker Gruppen und dem Terror rechter Gruppen verwischen soll. Terror muß auch potentiell den Unschuldigen treffen können, um Angst zu erzeugen, während Lenin z. B. den gezielten Einsatz von Gewalt propagiert hat, um den Widerstand der Bourgeoisie zu brechen.[11] Die Anwendung von ungezielter, willkürlicher Gewalt (Terror) hätte für linke Stadtguerillas keinerlei strategischen Wert, da sie i.d.R. eher den Ruf nach einem starken Staat befördert. Deshalb war es gerade nicht so, daß nach Schleyer oder Moro „als nächstes der Gemüsehändler an der Ecke“ hätte dran sein können.[12]

Die genannten Merkmale des Terrors träfen eher auf verschiedene Reaktionen der staatlichen Instanzen zu, wie großflächig durchgeführte Hausdurchsuchungen oder die mediale Jagd auf Sympathisanten. Um genau diese Klippen des ideologischen Sprachgebrauchs zu umschiffen, verwende ich weder den Begriff „Terrorismus“ noch „Staatsterrorismus“. Statt dessen ziehe ich die Begriffe „bewaffneter Kampf“ als Ausdruck des charakteristischen Unterscheidungsmerkmals im politischen Kampf und „Stadtguerilla“ als Bezeichnung eines neuen Organisationskonzeptes politischer Betätigung vor.

Ein anderes Problem bringt die Verwendung des Begriffes „Staat“ mit sich, da man Gefahr laufen könnte, den oberflächlichen Staatsbegriff beispielsweise der RAF zu übernehmen. Wenn in dieser Arbeit der Begriff Staat verwendet wird, so sind damit in der Regel die drei staatlichen Gewalten einer repräsentativen Demokratie Legislative, Exekutive und Jurisprudenz in ihrer Realisierung in Parlament, Regierung und den Gerichten gemeint, die sich in der Beziehung zum bewaffneten Kampf kaum voneinander unterschieden. Um eine Reduzierung des Staates auf seine repressiven Elemente zu vermeiden, beginne ich die Arbeit mit einer differenzierteren Darstellung der politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland und Italien und trenne diese Darstellung von den unmittelbaren Reaktionen auf RAF und BR, die im 5. Kapitel thematisiert werden.

In der Tat spielte sich die Auseinandersetzung auch vorrangig zwischen den klandestinen Gruppen und den staatlichen Instanzen ab, während die Bevölkerung eher Zuschauer als Akteur des Geschehens war und in der überwältigenden Mehrheit kein Interesse an einer revolutionären Umgestaltung hatte.

Die Abschnitte, die sich mit Italien befassen, sind i.d.R. ausführlicher, da die dortige Entwicklung nicht immer als bekannt vorausgesetzt werden kann. Da zu den BR auch erheblich weniger Literatur zugänglich ist als zur RAF, sei an dieser Stelle dem Hamburger Institut für Sozialforschung, der Stuttgarter Dokumentationsstelle für unkonventionelle Literatur und dem autonomen Berliner Archiv „Papiertiger“ für ihre freundliche Unterstützung gedankt.

 



[1] ROSSI, Marisa Elena: Untergrund und Revolution- Der ungelöste Widerspruch für Brigate Rosse und Rote Armee Fraktion, Zürich 1993

[2] ROSSI, M., a.a.O., S. 38

[3] ROSSI, M., a.a.O., S. 54

[4] ROSSI, M., a.a.O., S.56 (von Drenckmann wurde von der Bewegung 2. Juni erschossen)

[5] ROSSI, M., a.a.O., S. 116

[6] IG ROTE FABRIK (Hg.): Zwischenberichte: Zur Diskussion über die Politik der bewaffneten und militanten Linken in der BRD, Italien und der Schweiz, Berlin 1998, S. 207

[7] Zumeist: Tötung eines Funktionsträgers auf der mittleren Ebene

[8] ab 1982: Errichtung einer „antiimperialistischen Front“

[9] Ich benutze die Begriffe „Organisation“ und „Gruppe“ synonym.

[10] Vgl. SCHEERER, Sebastian: Ein theoretisches Modell zur Erklärung sozialrevolutionärer Gewalt, in: HESS, Henner u.a.: Angriff auf das Herz des Staates. Erster Band- Soziale Entwicklung und Terrorismus, Frankfurt a.M. 1988, S. 77

[11] NEUMANN, Franz: Terror/ Terrorismus, in: DRECHSLER, H. u.a. (Hg.): Gesellschaft und Staat- Lexikon der Politik (9. Auflage), München 1995, S. 812 ff

[12] Das gilt nicht für alle Aktionen, wie die Entführung der „Landshut“ im Herbst 1977 zeigt. Dennoch waren die Aktionen grundsätzlich so konzipiert, daß keine Unbeteiligten (besser: Unbewaffneten) gefährdet wurden.