Interview mit mir selbst (3)

Du hast dann in Göttingen studiert. Wie war das und was ist Göttingen für eine Stadt?

Göttingen ist eine fantastische Stadt...zum Studieren! Mit 100.000 Einwohnern sehr überschaubar und mit einem studentischen Anteil von 20.000 Studenten auch eine sehr junge Stadt, die von der Uni geprägt ist. Mir ist auch sehr schnell aufgefallen, dass es eine Vielzahl von verschiedensten linken Gruppen hier gab, die in gesellschaftlichen Bündnissen bis in die bürgerlichen Parteien hinein konkret Politik mitgestalteten. Bis Mitte der 90'er Jahre gab es in Göttingen praktisch keine Neonazis, was ganz offenbar auch damit zu tun hatte, dass die verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen sich in dieser Frage nicht auseinander dividieren ließen. In diesem Umfeld hat sicher meine eigenliche politische Sozialisation stattgefunden, auch wenn dieses Bündnis Mitte der 90'er Jahre praktisch tot war. Viele Fachbereiche der Uni- und vorneweg der sozialwissenschaftliche- blieben aber "rot", woraus ein Angebot an Veranstaltungen resultierte, die sich mit Problemen befassten, die sonst nicht im Focus des öffentlichen Interesses standen.

Was hast Du neben Deinem Studium gemacht?

Die letzten Jahre der 90'er standen in Göttingen eindeutig unter dem Eindruck der Auseinandersetzung um die Kernenergie- Stichwort Castortransporte- und dem verzweifelten Kampf der Antifa- Gruppen gegen die gesellschaftliche Isolation. Während die Anti-Atom- Gruppen sicherlich mehrheitsfähig waren, weil sie eine weitverbreitete Meinung aufgriffen, gelang es der Antifa nicht, den eigenen Platz im gesellschaftlichen Spektrum zu halten. Stil, Kleidung, Maskerade- also oberflächliche Sachen- ersetzten die politischen Diskussionen und zogen Leute an, die diese Gruppen zur eigenen Profilierung missbrauchten. Es weiteten sich Hierarchien aus, die danach ausgerichtet waren, wer das meiste "Geheimwissen" oder die meisten Verfahren am Hals hatte- Kinderkram!

Erfahrungen mit dem harten Geschäft der Realpolitik habe ich bei meinem Nebenjob bei Mc Donald's gemacht. Die arbeitsrechtliche Situation der Arbeitnehmer wurde seit 1997 immer abenteuerlicher. So gründeten wir in enger Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft NGG einen Betriebsrat, was bei Mc Donald's Deutschland offenbar als offener Affront angesehen wird. Ich denke, wir haben in den letzten Jahren eine Menge für die Mitarbeiter erreicht. Wer näheres darüber wissen möchte, sei auf unsere Homepage verwiesen. Betriebsrat Mc Donald's Göttingen

Was möchtest Du in Zukunft machen?

Wie gesagt, organisatorische Tätigkeiten, am liebsten im politischen Bereich wären vermutlich genau das Richtige für mich. Ziele, so im Sinne von "In 5 Jahren muss die erste Million zusammen sein" o.ä. habe ich dabei ganz sicher nicht. Ein Job, den man längere Zeit machen kann, ohne sich morgens unmotiviert aus dem Bett quälen zu müssen, ist viel mehr wert.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!:-))