Interview mit mir selbst

Kai, eines der meistverwendeten Worte der 90'er Jahre war "Politikverdrossenheit". Trotzdem hast Du Politikwissenschaft studiert. Wie kann man sich das um Himmels Willen antun?

Ich denke, ich habe ein starkes Gerechtigkeitsempfinden, das schon früh durch allerlei Einflüsse gestört wurde. Ich habe schon während meiner Tätigkeit als Schülersprecher in Lübeck gemerkt, dass vieles von dem, was ich als ungerecht empfinde, im politisch- gesellschaftlichen System angelegt war und ist.
Ich hatte aber keine Ahnung, wie dieses "politisch- gesellschaftliche System" funktioniert. So blieb mein Wirken als Schülersprecher noch weitgehend auf Provokation beschränkt. Von dem Studium der Poltikwissenschaft habe ich mir vor allem Antworten darauf versprochen, warum manche Dinge nicht so laufen, wie es augenscheinlich am effektivsten und schlauesten wäre. Ich habe also gelernt nachzudenken. Das klingt platt, aber wenn man sich ansieht, was (nicht nur) im politischen Bereich so alles an sinnlosen Entscheidungen gefällt wird, wünscht man sich manchmal eine größere Verbreitung dieser Erkenntnis.

Was waren Deine Studienschwerpunkte ?

Es gibt am FB Sozialwissenschaften in Göttingen verschiedene Bereiche, die man abdecken muss, die allerdings nicht immer voneinander abgrenzbar sind. Es gibt die sozialwissenschaftliche Theorie, das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche System der Bundesrepublik Deutschland, den Bereich "andere politische Systeme" und schließlich die "internationalen Beziehungen".
Ich habe Schwerpunkte in allen Bereichen gesetzt. Besonders haben mich immer die politischen Systeme der verschiedensten Länder interessiert. Neben gründlichen Kenntnissen in der deutschen Parteienforschung, an der man in Göttingen aufgrund der Koriphäen Lösche/Walter auch gar nicht vorbeikommt, waren das vor allem Italien, Frankreich, Großbrittanien und USA. Besonderes Interesse habe ich auch an afrikanischer Politik, zu der in Göttingen allerdings kaum Veranstaltungen angeboten wurden. Das erfordert dann Bereitschaft zum Selbststudium... und ein taz- Abo!:-))

Was hast Du noch studiert?

In Germanistik habe ich schnell den Schwerpunkt auf die Sprachwissenschaft gelegt, obwohl ich auch ein abgeschlossenes Grundstudium in Literaturwissenschaft habe. Aber Struktur und Grammatik von Sprachen war mir, offen gesagt, immer näher als Schiller- Gedichte oder Fontane- Schmonzetten.
Das Verständnis von der Struktur von Sprache hat mir z.B. auch das Lernen anderer Sprachen erleichtert. Ich würde nicht behaupten, dass ich fließend Englisch, Französisch, Italienisch oder Niederländisch spreche, aber wenn man die Grammatik einmal begriffen hat, braucht man zur Auffrischung "nur" Vokabeln zu lernen, um sich zumindest rudimentär verständigen zu können.
In Soziologie habe ich mich neben den Grundlagen der empirischen Sozialforschung vor allem mit Gewaltforschung befasst. Gewalt ist auch in zivilisierten Gesellschaften eine ständige Handlungsoption zur Durchsetzung von Interessen. Das fängt auf dem Schulhof an und hört in Afghanistan leider noch lange nicht auf.

Auch Deine Magisterarbeit behandelt ja ein Gewaltthema...

Stimmt, auch wenn ich inzwischen zugeben muss, dass es für die Jobsuche schlauer gewesen wäre, über ein Modethema zu schreiben. Stattdessen steht jetzt auf meiner Magisterurkunde "Die Isolation des bewaffneten Kampfes in Deutschland und Italien". Die Möglichkeiten, sich damit zu bewerben, sind offensichtlich eingeschränkt.

Warum hast Du trotzdem darüber geschrieben?

Ich wollte nicht die eintausendste Arbeit über das Wahlverhalten der Ostdeutschen oder den Nutzen von Informationstechnologie in politischen Prozessen schreiben.
Obwohl es ganze Bibliotheken zum Terrorismus der 70'er Jahre gibt, befassen sich die meisten doch mit den Gründen für das Entstehen. Darin sind Sozialwissenschaftler übrigens besonders gut: Mitte der 60'er Jahre hat niemand eine so gewalttätige Bewegung vorhergesehen, aber im nachhinein haben sich alle mit Erklärungen überboten, warum das alles so hatte kommen müssen. Quasi niemand hat sich aber mit der Frage beschäftigt, woran der bewaffnete Kampf eigentlich gescheitert ist. Das ist für mich doch aber die viel interessantere Frage. Wenn ich schon nicht sagen kann, wie etwas entsteht, möchte ich doch wenigstens wissen, wie ich es wieder loswerde. Dabei versuche ich, eine neutrale Perspektive zu bewahren, die vielen anderen Wissenschaftlern gut zu Gesicht gestanden hätte.

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